Katharina Schürch weiss nicht genau, ob sie ihren 74. Geburtstag am 31. Mai wirklich feiern soll. Denn an diesem Tag endet ein langes Kapitel in ihrem Leben: An ihrem Geburtstag schliesst ihr Arbeitgeber, das Dessous-Geschäft Fornara in Langenthal. Seit ihrer Lehre 1956 arbeitet Katharina Schürch im Familienbetrieb. Ihre Pensionierung ist eigentlich seit zwölf Jahren fällig. Schürch hat das bis heute nicht gross interessiert. Auch mit fast 74 steht sie täglich hinter der Theke mit der mehr als 100-jährigen Kasse und arbeitet mit einem 100-Prozent-Pensum in «ihrem» Geschäft.

Nun aber hängen die Ausverkaufsschilder im Laden. Ende Mai will der Geschäftsinhaber Pietro Fornara altershalber aufhören - auch er ist 75 Jahre alt. Damit endet eine Familientradition, die in Langenthal über 111 Jahre Bestand hatte.

Rasche Integration

Es war um 1898/99 als ein junger Norditaliener - er hiess ebenfalls Pietro Fornara - aus Invorio Inferiore am Lago Maggiore nach Langenthal auswanderte. Auf Märkten war der gelernte Schirmmacher präsent, er zog von Hof zu Hof, gründete das Geschäft. Mit der Hurte brachte er geflickte Schirme zu den Kunden. «Schirmfabriken gab es damals im Tessin und in Oberitalien», erklärt sein gleichnamiger Enkel, der die Tradition bis heute aufrechterhalten hat.

Als Pietro Fornara I. starb, hatte er bereits den - deutschen - Übernamen «Schirm-Peter». In Langenthal hatte er einiges erreicht: Mit einer Tessinerin hat er vier Söhne gezeugt, die alle einen Beruf erlernen konnten. Und dem Immigranten gehörte das Haus an der Marktgasse 3. Dort wohnt Enkel Pietro Fornara noch heute.

Nach dem Tod des Geschäftsgründers führte die Witwe Fornara den Laden weiter. In den 1930er Jahren übernahm dann Sohn Emilio. Dieser hatte eine gelernte Korsettschneiderin geheiratet. Und so gab es im kleinen Häuschen an der Marktgasse 3 bald einmal eine zusätzliche Abteilung für Miederwaren nach Mass. 1952 wurde das Haus durch eine Wohn- und Geschäftsliegenschaft ersetzt. Nachdem die Ärzte bei seinem Vater MS diagnostizierten hatten, übernahm Pietro Fornara in dritter Generation das Geschäft Mitte der 1970er-Jahre. Zur Blütezeit beanspruchte der Laden mit Lingerie, Lederwaren, Schirmen, Reisewaren drei Stockwerke an der Marktgasse. Pietro Fornara hatte daneben noch die Fornara-Werbung, er organisierte den «Glatte Märit», die «Früla» und die «BrocAntik» und gab das Regionalblatt «DiA Oberaargau Plus» heraus.

Fornaras erste Ehefrau führte das Geschäft zeitweise. Nach der Scheidung übernahmen Fornara und seine neue Partnerin Minouche Chamberland das Geschäft 1990. 1992 wurde das Geschäft dann liquidiert.

Katharina Schürch, die damals seit 35 Jahren bei Fornara gearbeitet hatte, musste eine neue Stelle suchen. Doch 1997 sahen Chamberland und Fornara erneut eine Möglichkeit, das Geschäft zu eröffnen. Katharina Schürch war wieder dabei. Nun stand das Geschäft aber nicht mehr an der Marktgasse 3, sondern am Wuhrplatz. Dort blieb es, bis der Platz im letzten Jahr umgestaltet wurde. Mit dem Umbau des Platzes wurde das Geschäft für Fornara zu abgelegen. Im Juni 2011 zog er an den Affenplatz - schon damals mit der Idee, das Geschäft langsam aufzulösen. Gegen die Grossverteiler habe man keine Chance, sagt Fornara. Die Preise für Schirme sind zerfallen. «Es geht nur, indem wir schöne Sachen anbieten.»

Spezial-BHs nach Brustamputation

Jetzt hängen Ausverkaufs-Schilder neben den «schönen Sachen». Augenschein gestern Nachmittag um Zwei: Eine Kundin nach der anderen kommt vorbei und macht vom Angebot der vergünstigten Dessous, Büstenhalter und Badekleider Gebrauch. Katharina Schürch steht hinter der Theke. Die meisten Kundinnen kennt sie mit Namen.

In einem kleinen Raum hinter dem Dessous-Laden steht eine alte Nähmaschine. Dort fertigt Katharina Schürch auf Kundenwunsch Spezialanfertigungen an. Als sie 1956 bei Frau Fornara mit der Lehre als Korsettschneiderin anfing, war es üblich, dass auch Büstenhalter auf Massanfertigung hergestellt wurden. «Für mich als junge Frau war es damals schwierig, dass die Kundinnen mich akzeptierten», sagt Schürch. Heute ist sie 74 und Massanfertigungen kommen nur noch selten vor, etwa wenn eine Kundin nach einer Operation einen Büstenhalter erweitern will.

Auch für Frauen mit Brustamputationen hat das Geschäft über die Jahre spezielle Büstenhalter und Prothesen angeboten, ebenso wie Badekleider, bei denen die Amputation nicht sichtbar ist. Noch gut eine Woche wird Katharina Schürch hinter der Ladentheke stehen. Dann, Ende Mai, geht auch sie in Pension. «Ich glaube, es kommt schon gut», sagt sie.