Die Sonne scheint am blauen Himmel im Berner Oberland. Dünne Schleierwolken sorgen für lange Schatten auf dem weissen Schnee. Zwei junge Draufgänger in neongrünen Skianzügen kurven mit ihren Skiern die Piste auf der Metschalp bei Frutigen herunter. Ein oranges Band sperrt den Zugang zu einem gefährlichen Hang ab. Für Bernhard Gehri hat dies alles aber nur eine Farbe: schwarz. Der 65-jährige Berner ist schon mit einer starken Sehschwäche auf die Welt gekommen, vor einigen Jahren ist er ganz erblindet. Sein Hobby, das Skifahren, behielt er trotzdem bei.

Gehri ist einer von 15 Teilnehmern am Blinden- und Sehbehinderten-Skilager im Berner Oberland. Leute aus der ganzen Deutschschweiz und Deutschland nehmen daran teil, auch ein Langenthaler war in der letzten Woche mit von der Partie. Jeder Teilnehmer hat seinen eigenen Betreuer – entweder einen Bergführer oder einen Skilehrer, der sich den ganzen Tag um seinen Schützling kümmert.

Sie geben gerne Gas

Gehri ist schon das zehnte Mal dabei. «Ich fahre mit der neusten Technik», sagt er lächelnd, «per Joystick.» Er hält sich am Skistock seines Betreuers fest. Wenn dieser minimal seinen Stock in die eine oder andere Richtung bewegt, weiss Gehri, ob er nach links oder nach rechts biegen oder sogar anhalten muss. Am liebsten fährt er auf steilen Hängen. Im Flachen sei es schwieriger, sich zu orientieren, da verliere man eher den Boden unter den Füssen. Angst kennt Gehri keine: «Das Vertrauen in den Betreuer ist das Wichtigste, sonst könnte ich nicht mehr auf den Ski stehen.»

Auch Georg Eichhorn zeigt sich furchtlos. Der 25-Jährige aus Süddeutschland leidet seit seiner Geburt an einem Tunnelblick; er sieht also nur noch gegen vorne scharf, alles, was links und rechts von seinem Gesicht passiert, versinkt im Dunkeln. Bei ihm fährt der Betreuer voraus und der gelernte Informatiker folgt direkt hinter ihm. «Ich brauche einen Betreuer, der mir auch ein wenig gehorcht und schnell fährt», sagt er selbstbewusst. Am liebsten wäre ihm natürlich eine weibliche Begleitung, fügt er schmunzelnd an.

Kleine Pannen passieren

Gegen zwölf Uhr treffen sich alle zum Mittagessen im Bergrestaurant. Für die Begleiter geht die Arbeit weiter. Sei es beim Gang zur Toilette oder beim Suchen des Fleisches auf dem Teller – die Blinden sind auf kleine Hilfestellungen angewiesen. «Die Kommunikation ist enorm wichtig. Wir sagen oft, was sich gerade abspielt, um den Blinden eine Orientierung zu geben», führt Urs Ramu, der Organisator des Lagers, an. Wie wichtig das ist, zeigt sich auch beim anschliessenden Kaffee: Eine Servicekraft hat die Schale wortlos auf den Tisch gestellt. Walter Mühlematter, mit einer Sehstärke von noch gerade mal acht Prozent, stösst sich mit der Hand den Kaffee über den Skianzug. «Solche Sachen passieren, vor allem, wenn man sich den Umgang mit Sehbehinderten nicht so gewohnt ist», sagt Ramu.

Von den Blinden lernen

Das kann man von den Betreuern nicht behaupten. Die meisten nehmen schon seit Jahren mit viel Herz am Lager teil. So auch Skilehrer Ruedi Schütz. Normalerweise gibt er keinen Unterricht mehr, der sei ihm «verleidet». Die zwei Wochen Ende Januar sind aber dick in seiner Agenda eingetragen. «Mich fasziniert, wie die Blinden und Sehbehinderten mit ihrem Handicap umgehen. Sich nicht entmutigen lassen, das Schicksal akzeptieren und trotzdem so viel Freude ausstrahlen. Davon können wir uns eine grosse Scheibe abschneiden.» Die eigenen Probleme erscheinen nach einer Woche mit Blinden und Sehbehinderten geradezu lächerlich.

Jägertee zum Abschluss

Die Arbeit liegt aber nicht allen. «Viele haben Berührungsängste. Oder ihnen ist die Verantwortung zu gross», sagt Ramu. Natürlich passiere hin und wieder etwas. «Gerade letzte Woche hat sich ein Teilnehmer das Schlüsselbein aus- und wieder eingekugelt.» Da dürfe man sich als Betreuer kein schlechtes Gewissen machen. Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmer treiben ihn immer wieder an. «Sie lernen in dieser Woche nicht nur Ski fahren, sondern erhalten auch Mut für andere Situationen im Leben. Sie sagen sich: ‹Hei, ich bin die Piste runtergefahren, da kann ich ja noch ganz anderes meistern›.» Das bestätigt Gehri. «Das Skifahren verbessert meine Koordinationsfähigkeit langfristig. Ich kann mich in Bern nach dem Lager wieder besser orientieren.»

Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bergen. Die Piste ist eisig geworden. Bei Bernhard Gehri schleichen sich langsam Fehler ein, die Konzentration lässt nach. «Es ist schon anstrengend, den ganzen Tag auf den Ski zu stehen.» Georg Eichhorn hingegen ist noch nicht müde. Für ihn kommt der schönste Teil des Tages erst noch. Punkt vier trifft er sich mit seinem sehbehinderten Kollegen und den zwei Betreuern zu Jägertee. Prost auf einen gelungenen Skitag.