Langenthal

Melissa Frick hat keine Lust auf einen festen Wohnsitz

Melissa Frick geniesst das Zirkusleben, auch wenn die Wohnwagen nicht viel Raum für Privatsphäre lassen. cnd

Melissa Frick geniesst das Zirkusleben, auch wenn die Wohnwagen nicht viel Raum für Privatsphäre lassen. cnd

Gastiert der Zirkus in der Stadt, ist Melissa Frick für kurze Zeit ihrem Zuhause näher. Sie ist mit dem Circus Monti in der ganzen Schweiz unterwegs. Was zum Spass begann, ist nun zu einem Lebensinhalt geworden.

Melissa Frick geht die kurze Treppe hoch und betritt Wagen eins. «Das ist unser Sitzungszimmer», sagt sie mit einer ausladenden Handbewegung. Im kleinen, weissen Wohnwagen mit der «Monti»-Aufschrift steht ein Holztisch – auf der einen Seite eine Bank, auf der anderen drei Stühle. Das ganze Team bringe man natürlich nicht hinein. Wenn die 21-Jährige aus Höchstetten lächelt, so wie jetzt gerade, dann leuchten ihre Augen. Und sie lächelt oft, als sie vom Zirkusleben erzählt. Wie jemand, für den ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist. Könnte man meinen. Aber als kleines Mädchen habe sie mit dem Zirkus nicht viel am Hut gehabt, sagt Frick.

Sie hat eine Lehre als Fachangestellte Gesundheit gemacht, die Berufsmatur absolviert, eine Weile im Inselspital gearbeitet. Aber schon bald gemerkt, dass sie einen Tapetenwechsel nötig hat. «Irgendwann stand vor dem Büro einer Freundin ein Zirkuszelt», erinnert sie sich. «Ich habe zum Spass gesagt: ‹Wenn ich nichts anderes finde, gehe ich zum Zirkus.› Und irgendwie ist mir dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gegangen.»

Nach einem Infotag des Circus Monti hat sie sich ebendort um einen Job im Werbeteam bemüht und diesen gekriegt. Eine Saison lang wollte sie beim Zirkus bleiben. Eigentlich. Dass sie heuer zum zweiten Mal mit dabei ist, hat mehrere Gründe: Sie hat ihren Freund beim Monti kennen gelernt, der ebenfalls seit letztem Jahr im Zirkusteam, in der Werkstatt, beschäftigt ist; sie hatte nach der ersten Saison weder Lust auf einen festen Wohnsitz noch auf einen gewöhnlichen Alltag; und dann wurde da noch diese Stelle im Buffetbereich frei, wo man viel mehr auf dem Platz und unter den Leuten ist, «mitten im Kuchen», wie Frick sagt. «Das hat mich gereizt.»

Romantisch, aber nicht verklärt

Die Gründe lassen sich noch viel einfacher zusammenfassen: «Wenns dir den Ärmel reingenommen hat, dann hat es ihn dir reingenommen.» Will heissen: Melissa Frick kann nicht mehr genug kriegen vom Zirkusleben, vom Draussen-Arbeiten, von den Leuten, mit denen man Tag und Nacht zusammen ist. Davon, dass es «jeden braucht, damit der Karren läuft». Vom «abends draussen auf dem Wohnwagen-Treppchen sitzen», um zu plaudern, gemeinsam eine Tasse Tee zu trinken.

Frick zeichnet ein romantisches Bild von der Zirkuswelt, in die man, so sagt sie, irgendwann abtaucht.
Sie liebt es, den Besuchern Freude zu bereiten, dann alles zusammenzupacken, an den nächsten Ort zu ziehen und den Manegenzauber von neuem zu erschaffen. Das Umherziehen bedeutet ihr viel. Aber verklärt sind ihre Ansichten nicht. Dass nicht immer alles reibungslos läuft, wenn man mit fast 70 Leuten 24 Stunden am Tag zusammen ist und zweimal wöchentlich den Wohnort wechselt, streitet sie nicht ab. «Man ist nie wirklich allein», erzählt sie. «Wir leben zu fünft in einem Wohnwagen, jeder hat ein Abteil von zwei auf zwei Meter, und die Wände sind ringhörig. Wenn man einander auf den Wecker geht, muss man das ausdiskutieren, anders geht es nicht. Man kann sich nicht zurückziehen.» Dann lächelt sie wieder und ergänzt: «Aber es hat auch etwas Schönes, wenn jederzeit jemand da ist, mit dem man sich unterhalten kann. Man macht so viele schöne Erfahrungen, lebt mit so vielen verschiedenen Menschen. Anfangs ist man sich fremd und auf einmal kennt man einander fast wie in einer Familie.»

Apropos Familie: Von der kriegt Melissa Frick nicht viel zu sehen, wenn sie unterwegs ist. Zweimal
pro Woche hat sie einen halben Tag frei, im Juni drei Tage Ferien. «Es ist fast wie ein Auslandaufenthalt», beschreibt sie ihr Leben. «Aber dafür ist es umso schöner, wenn dich jemand besuchen kommt.» Das sei meistens dann der Fall, wenn man in der Nähe von zu Hause ist oder wenn Freunde und Verwandte Ferien haben. «Dann kann man schon mal planen, jemanden zu treffen.» Die Höchstetterin stutzt und korrigiert dann: «Wobei ‹planen› das falsche Wort ist, das kann man beim Zirkus nicht. Arrangieren trifft es besser. Man muss einfach spontan sein.»

Jeder hat seinen Platz, alle helfen

Im Winter ist während dreier Monate etwas Ruhe in Melissa Fricks Leben eingekehrt. In dieser Zeit hat sie Urlaub gemacht und kurz auf dem Weihnachtsmarkt in Bern gearbeitet. Doch lange war die Saisonpause nicht. Von Anfang März bis Ende Oktober ist der Zirkus auf Achse. Vorher wird ein Monat lang geschliffen, gestrichen, Requisiten gebastelt. Und im November muss das Material geputzt und eingewintert werden.

Das Arbeitsleben der 21-Jährigen besteht längst nicht daraus, Popcorn und Zuckerwatte zu machen, Sandwichs und Crêpeteig vorzubereiten oder den Souvenirstand zu betreuen. Einen grossen Teil der Arbeit nehmen Auf- und Abbau des Buffet-Zelts ein. Dazu muss die Blache ausgebreitet werden; die Stangen und Spannsets verteilt, der Buffetwagen ausgeräumt, die Lichtgirlanden, Infowände und Poster aufgehängt. Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe. Alle helfen einander.

Ewig will Melissa Frick den Job nicht machen. «Ich möchte mich gerne weiterbilden, weiss aber noch nicht in welche Richtung», sagt sie. «Hier ist es manchmal schwierig, sich Gedanken über anderes zu machen, man ist so im Zirkusleben drin.» Eigentlich habe sie sich vorgenommen, dass dies ihre letzte Saison wird. Eigentlich.

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