Eine letzte steile Kurve noch, dann hält der 4×4 auf der Schotterstrasse vor der mittleren Chüebodenalp. Daniel Buchs setzt sich den Hut mit der breiten Krempe auf und schwingt den vollgepackten Rucksack auf den Rücken. Den Hirtenstab in der Hand und mit Spikes an den Sohlen geht es auf kaum sichtbaren Wegspuren die blühende Bergwiese hinauf. Schroff, wild und schwindelerregend steil sind die Hänge hoch über seinem Dorf Jaun gleich ennet der Grenze zum Kanton Bern. Wir steigen über einen Zaun, laufen nun über viel kargere Weiden, als eine Fahnenstange in den Blick rückt. Die Alphütte selbst duckt sich an den Berg. Ein Vorraum mit offener Feuerstelle, eine Kammer mit Matratze, eine zweite unter dem Dach, über welches im Winter Lawinen ins Tal donnern, eine Kloschüssel im Schlag und Wasser an der Quelle zwanzig Schritte hinterm Haus – hier sind zwei Hirten-Hilfen seit zwei Wochen einquartiert. Grund für ihre Anwesenheit ist der Wolf, der über die Kreten streicht. 2007 war er ein erstes Mal im Gebiet aufgetaucht.

Wolf schlug bei Nachbarn zu

Vor bald drei Wochen hat der Wolf im Bergkessel hinter dem Grat wieder zugeschlagen. Mit viel Getöse zogen darauf die Züchter der Berner Genossenschaft aus Rüschegg ihre ungeschützt weidenden Schafe ab. Anders Daniel Buchs. Er setzt den Herdenschutz konsequent um. Fast die ganze Südflanke des Schafbergs gehört ihm. Wo die Grenze durchläuft, weiss er selbst nicht so ganz genau. Vor vier Jahren begann er das weitläufige Gebiet einzuzäunen und unterteilte es in drei Koppeln, die seine Herde im Turnus beweidet. Zunächst um das Weideland zu schonen, heute auch wegen des Wolfs. Zwei Schutzhunde wachen über die Schafe und wenn die Tiere in der abgelegensten Koppel sind, unterstützen ihn zusätzlich zwei freiwillige Hirten-Hilfen.

Bei der Alphütte zeugt lediglich eine Schüssel mit schmutzigem Geschirr von deren Anwesenheit. Zum Mittag werden die beiden Frauen zurück sein, haben sie mit Danièle Martinoli abgesprochen. Die Biologin leitet das Hirten-Hilfen-Projekt beim WWF Schweiz und besucht mit Schafhalter Buchs ihre Schützlinge auf der Alp. «Anfangs blieben wir jeweils den ganzen Tag oben bei den Schafen», sagen die Frauen, als sie auftauchen: beide Mitte dreissig, sonnengebräunt, vor Energie strotzend und doch müde. Eine Pause tut gut, denn die Tage auf der Alp sind lang. Um acht Uhr steigen sie ein erstes Mal hoch zum Schlafplatz der Tiere; abends, ab sechs Uhr, treiben sie die in der steilen und immer noch weitläufigen Koppel verteilten Schafe an den Schlafplatz zurück. Manchmal sind sie erst fertig, wenn es dunkel wird. Und ganz einfach ist es nicht, mit den Tieren umzugehen. «Die Schafe müssen denken, sie tun, was sie wollen, während sie genau das machen, was der Hirt will, so klappt es am besten», bekräftigt Buchs. Doch wie das geht, lernt man erst auf der Alp.

Vier Tage Vorbereitung

Die Theorie dazu haben die Freiwilligen in einem viertägigen Kurs im Herdenschutzzentrum bei Jeitzinen im Wallis gelernt. Dort ging es um Schutzmassnahmen, Strategien und Instrumente des Bundes und um die Alpwirtschaft mit Grossraubtieren in der Schweiz. «Im praktischen Teil übten wir den Aufbau der verschiedenen Zauntypen: das Flexinetz, den Smart-Fence oder die Zäune mit klassischen Isolatoren, bei denen man den Draht nicht zu tief hängen darf, damit sich der Strom nicht über das Gras entlädt», erklärt Agneta Heumann. Auch Klauen schneiden, mit den Hunden laufen oder Entwurmungskuren verabreichen stand auf dem Programm – oder, was zu tun ist, wenn ein Tier verunglückt.

3 bis 11 Prozent Verluste normal

Fast hätten die beiden Frauen wirklich einmal einen Gnadenstoss geben müssen, noch am Vortag schauten sie zu, wie ein Schaf in den Tod stürzte. Der dritte Absturz in zwei Wochen. «Mit 3 bis 11 Prozent Verlust muss man rechnen», sagt Daniel Buchs. Bei den rund 300 Schafen, die ihm 17 verschiedene Züchter für die Sömmerung anvertraut haben, bedeutet das zwischen 7 und 35 Schafe pro Alpsaison. Bei diesen Zahlen fällt ein Wolfriss kaum ins Gewicht, müsste man meinen. Der Streit um den Wolf ist wohl vor allem ein Streit im Kopf. Allerdings: Wenn der Wolf in eine ungeschützte Herde einbricht, reisst er oft gleich rund ein Dutzend Tiere aufs Mal. Doch Herdenschutz ist aufwändig, selbst wenn der Mehraufwand teilweise vom Bund abgegolten wird. Die Schafzüchter der Genossenschaft Rüschegg jedenfalls hatten sich geweigert, Schutzmassnahmen umzusetzen, obwohl der Wolf bereits in den Jahren zuvor auf der Alp Tiere gerissen hatte. Und Daniel Buchs musste einen seiner zugemieteten Schutzhunde auswechseln. Zweimal hatte der Hund die eigene Herde verlassen und war auf die andere Seite des Grates gewechselt, um dort über die ungeschützten Schafe zu wachen.

«Die Hunde bei ihrer Arbeit zu beobachten, ist faszinierend», sagt Agneta. Und ihre Kollegin ergänzt: «Faszinierend ist auch der indirekte Schutz des Wolfes über den Schutz der Schafe.» Eine Aussage, die Buchs kaum unterschreiben würde. Die Hirten-Hilfen stammen beide aus städtischem Gebiet, die eine aus Bern, die andere aus Zürich. Eine ist in der Kultur aktiv, die andere im Naturschutz; beide sind jedoch das erste Mal auf einer Alp. Für Daniel Buchs fällt stärker ins Gewicht, dass ihm dank dem erfolgreichen Herdenschutz im letzten Jahr wieder mehr Züchter ihre Schafe anvertrauen. Nachdem 2009 im angrenzenden Bernbiet zehn Schafe gerissen worden waren, hatte er 2010 nur noch halb so viele Schafe auf die Alp treiben können.

Schafe bald zwei Wochen alleine

Für Agneta und ihre Kollegin ist es der letzte Tag am Schafberg. Noch einmal werden sie am Abend die Herde zusammentreiben, Buchs kontrolliert derweil die Zäune. Am Wochenende kommen Freunde auf die Alp und helfen ihm, die rund 300 Schafe beim Salzplatz zu entwurmen. Danach sind die Schafe je zwei Wochen allein mit den Hunden auf den beiden kleineren und näher an der Hütte gelegenen Koppeln der Umtriebsweid. Den Wolf haben die beiden Freiwilligen nicht gesehen, dafür Hermeline, Birkhähne, Kolkraben und einen Steinadler. Gut möglich, dass der Wolf über die Krete gestrichen ist, wenn die Hunde zuweilen nachts gebellt haben. Gut möglich auch, dass es ein anderes Tier war.