Jubiläum

In Steiner Schulen wird Fussball gespielt

In praktischen Übungen, wie hier beim Zählen der Murmeln, lernen die Erstklässler rechnen. Fotos: ama

In praktischen Übungen, wie hier beim Zählen der Murmeln, lernen die Erstklässler rechnen. Fotos: ama

Am 27. Februar wäre der Gründer der Rudolf Steiner Schulen 150 Jahre alt geworden. Die Lehrer der Rudols Steiner-Schule in Langenthal orientieren sich zwar immer noch am Gründervater, lehren aber keine anthroposophischen Inhalte.

Der Morgen beginnt in der ersten Klasse der Rudolf Steiner Schule Oberaargau in Langenthal mit einem Ritual. Singend wird der Tag begrüsst. Die Klasse sitzt in einem Kreis auf einfachen Holzbänken. Das Zimmer ist schlicht eingerichtet, die Wände sind in einem matten Lachston gestrichen. Die Tür zum Klassenzimmer ist in den oberen Ecken abgeschrägt: um Raum für die Entfaltung zu lassen, ganz nach den Vorstellungen des Vorbildes Rudolf Steiner. Nach dem Einstieg geht es nahtlos ins Rechnen über. In einem Spiel zählen die Kinder auf 40 und wieder zurück. Rhythmisch sprechen alle gemeinsam die Zahlen. Beim Rückwärtszählen werden die Stimmen zwar erst leiser, doch ab 20 zählen wieder alle Kinder mit. Im Anschluss wird mit Nüssen und Murmeln gerechnet.

Im Prinzip könnte die beschriebene Unterrichtssequenz auch in einer staatlichen Schule stattfinden. Unterschiede gibt es aber dennoch. Der Markanteste ist wohl, dass es in der Steiner Schule keinen gewöhnlichen Fachunterricht gibt. Die ersten zwei Stunden des Tages sind jeweils für Projektunterricht reserviert. Während dreier bis vier Wochen wird zum Beispiel nur Mathematik oder nur Geschichte unterrichtet. Nachher pausiert das Fach wochenlang, ein anderes wird behandelt. «In der Zwischenzeit kann das Gelernte reifen», sagt Drittklasslehrer Alfred Rahmen. Allerdings wurde der Projektunterricht mittlerweile ergänzt. In Mathematik und Deutsch haben die Schüler ab der 6. Klasse zwei zusätzliche Stunden pro Woche: Damit das Gelernte nicht vergessen gehe.

Weiterbildung im Sinne Steiners

Die Lehrerschaft orientiert sich immer noch stark an der Pädagogik von Rudolf Steiner, obwohl dieser bereits 1925 gestorben ist. In den wöchentlichen Lehrerweiterbildungen werden unter anderem Schriften des Gründervaters gelesen. Sie seien aber keine Sektenschule, betont Monika Merkli, Lehrerin der 9. Klasse. «Bei uns werden keine anthroposophischen Inhalte von Rudolf Steiner gelehrt.» Auch Religion werde keine bevorzugt, obwohl sich die Schule am christlichen Weltbild orientiert.

In der vierten Klasse steht ebenfalls gerade Mathematik im Projektplan. Bruchrechnen – nicht jedermanns Sache. Zuvor werden die Reihen repetiert. Allerdings werden diese nicht stur aufgesagt. Die Klasse geht in grossen Schritten mit einem Stock in der Hand um die zusammengewürfelten Stühle und Pulte. Bei jedem Schritt zählen sie im Kopf mit, kommt eine Zahl der Dreier- oder Viererreihe, wird diese laut gerufen. Dann werden die Hausaufgaben gesprochen – gemeinsam, die Schüler korrigieren ihre Aufgaben selber. «¼+ ¼ + ¼ + ¼ = 4/16», meldet sich ein Schüler zu Wort. «Kann dies stimmen?», fragt die Lehrerin Marie-Louise Bucheli die Klasse. «Da hast du was Verbotenes gemacht.» Anhand eines Kuchendiagramms erklärt Bucheli, wieso die Rechnung nicht stimmen kann und meint zum Schluss: «Aus deinem Fehler konnten wir alle etwas lernen.»

Weniger Leistungsdruck

Obwohl auch die Steiner Schulen unter stattlicher Aufsicht stehen, und dasselbe Niveau erreicht werden muss, gibt es hier keinen Leistungsdruck. Das wird auch von einem Schüler geschätzt: «Ich habe Probleme gehabt in der Schule, jetzt habe ich mehr Zeit zum Lernen.» Selbst Schüler mit grossen Lernschwierigkeiten werden in die Klasse integriert, repetieren muss niemand. Im Gegenzug lastet den Steiner Schulen jedoch das Image der Sonderschule an. «Wir wollen und sind aber keine heilpädagogische Schule», sagt Lehrer Rahmen. Deswegen werden immer wieder Schüler abgewiesen. Von den Absolventen der Steiner Schule Oberaargau gibt es keine Auswertung des weiteren Werdeganges. Dennoch wagt Rahmen eine Schätzung: «Je ein Drittel schlägt eine akademische Laufbahn ein, wählt einen sozialen respektive künstlerischen Beruf oder lernt ein Handwerk.»

Wie unterschiedlich das Niveau der Schüler und das Interesse am Schulstoff ist, zeigt sich in den oberen Klassen. In der Achten steht Chemie auf dem Projektplan. Es geht um Fett und Öl. Während der Lehrer an die Wandtafel schreibt, wird auf einer Kochplatte Öl erhitzt. Ein Schüler steht auf, misst selbstständig die Temperatur – erst 200 Grad, zu wenig heiss, um zu zeigen, dass es brennen kann. Andere Schüler schreiben die Notizen von der Wandtafel in ihr Heft, einer ruft zum Kameraden: «Kommst du am Samstag auch Döner essen?»

Obwohl es in Steiner Schulen nach wie vor keine Noten, sondern ausformulierte Beurteilungen gibt, wird auch hier von den Eltern immer mehr Leistung gefordert. «Spätestens ab der 6.Klasse wollen sie wissen, ob ihr Kind erfolgreich ist und es ins Gymi schafft», sagt Klassenlehrerin Monika Merkli. «Manche Schüler fragen zudem, was für eine Note sie im Test gehabt hätten.» Mündlich wird dann eine Note gesagt, verbindliche Noten werden aber abgelehnt. Mit einer Ausnahme: Auf externe Anfrage, wenn es um die Anschlusslösung geht, werden Noten abgegeben.

Computerunterricht ab 9.Klasse

In der Zwischenzeit haben die Erstklässler die Murmeln gegen Gymnastikschuhe getauscht. Gemeinsam mit den Zweitklässlern haben sie Eurythmie, eine Besonderheit der Steiner Schulen. In gelben und grünen Gewändern bewegen sich die Kinder zu Musik. Immer zwei dürfen in die Mitte eines Kreises und hüpfen mit ausgestreckten Armen und klatschenden Füssen rundherum. Eurythmie ist eine Bewegungsform zwischen Tanz und Rhythmik, die sich durch die ganze Schullaufbahn der Kinder zieht. Anders als früher haben die Schüler aber auch normalen Turnunterricht. Selbst Fussball wird gespielt.

Wie Fussball haben auch Computer Einzug in die Steiner Schulen gefunden. In Langenthal jedoch erst ab der 9. Klasse. «Hauptsächlich, weil wir dafür keine Räumlichkeiten haben», begründet dies Merkli. In der 8. Klasse lernen die Kinder das Zehnfingersystem, allerdings auf Schreibmaschinen. Neue Medien wie Google, Chat und Facebook werden hingegen fast gar nicht behandelt, zumindest nicht praktisch. Nur an Elternabenden oder in Klassenstunden sind sie ein Thema. Genau das bemängelt Noemi, 8. Klasse: «Im Vergleich zu anderen Schülern wissen wir bei Computern weniger. Dafür haben wir andere Stärken, sind zum Beispiel selbstständiger.» Von diesen Stärken scheinen viele Eltern nach wie vor überzeugt zu sein. Denn obwohl die Privatschule kostet – mindestens 500 Franken monatlich, je nach Einkommen – sind die Schülerzahlen wieder steigend.

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