Unterhalb des Übungsdorfes trieb oft Schaum auf der Aare, man sprach von «ungeheuren Altlasten», die im Boden unter der Anlage schlummern. Dass wohl alles nur halb so wild sei, liess erst eine 1999 abgeschlossene «Historische Untersuchung» vermuten, welche die Geschichte des Übungsdorfes und des dortigen militärischen Betriebs unter die Lupe nahm.

Wie der zuständige Umweltgeologe Johannes van Stuijvenberg erzählt, folgte 2001 eine genauere «Technische Untersuchung».

«Hochgiftiges» Ammonium

Dabei wurde festgestellt, dass der Grenzwert für Ammonium im Grundwasser überschritten wird. Ammonium ist einerseits «hochgiftig», wie Jean-Paul Benkert sagt, der als Geologe den Rückbau und die Entsorgung des Aushub- und Abbruchmaterials bei der Sanierung des Waffenplatzes begleitet (az Langenthaler Tagblatt berichtete). Andererseits sei es ein Indikator für Sauerstoffarmut im Boden, die auf natürliche Weise entstehen, aber auch ein Anzeichen von Bodenverschmutzung sein kann.

Die Ursache könnte in letzterem Fall in der Landwirtschaft oberhalb des Hanges liegen. Laut van Stuijvenberg steht jedenfalls fest: «Im militärischen Betrieb konnte man keine Quelle für das Ammonium finden.»

Idealer Standort für Altlasten

So oder so bestehe keine Sanierungspflicht, das sei nach zwei weiteren Untersuchungen in den Jahren 2003 und 2005 klar geworden, sagt van Stuijvenberg. «Das Problem wird von der Natur selbst gelöst.» Denn das Ammonium oxidiere grösstenteils, bevor es in die nahegelegene Aare gelangen könne. Und das wenige Ammonium, das entweicht, werde durch die Aare so stark verdünnt, dass es ohne Folgen bleibe. Das Waffenplatz-Grundwasser selbst sei indes ungefährlich, «weil hier niemand auf die Idee kommen würde, selbiges zu nutzen.» Eigentlich, folgert van Stuijvenberg, sei das Übungsdorf der ideale Standort für jegliche Art von Altlast.

Wobei der Begriff «Altlast» differenziert betrachtet werden müsse. «Bei echten Altlasten liegt eine Bodenbelastung vor, die der Umwelt tatsächlich schadet und die oft auch das Grundwasser gefährdet. Hier besteht Handlungsbedarf. Um eine sogenannte ‹Bauherren-Altlast› handelt es sich hingegen dann, wenn durch ein Bauprojekt belastetes Material entsorgt werden muss, das man ansonsten einfach im Boden lassen würde, weil es keine akute Umweltbedrohung darstellt.»

Wie ein Luftballon geschrumpft

Mittlerweile hat der Waffenplatz beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) den Status «Belasteter Standort ohne Handlungsbedarf». Und der Schaum auf der Aare? «Der ist durch Feuerwehrübungen der Rettungstruppen entstanden», sagt van Stuijvenberg. Aber seit den 90er-Jahren werde der Löschschaum sparsamer eingesetzt. Zudem habe man ein Wasserbecken gebaut, von wo aus das Löschmittel in die ARA geleitet werde.

«Wangen ist meiner Ansicht nach eines der extremsten Beispiele von Fehleinschätzungen der Altlasten-Situation aufgrund unerfahrener Bewertungen», findet van Stuijvenberg. «Das negative Image ist wie ein Luftballon zusammengeschrumpft.»

Genau nach Drehbuch

Es stellt sich die Frage, wie es denn mit der «Bauherren-Altlast» aussieht. «Die ist riesig», sagt Benkert, der seit 2009 mit van Stuijvenberg am Armasuisse-Projekt in Wangen arbeitet. Projektleiter Daniel Hublard relativiert jedoch: «Innerhalb des VBS wurden schon viel grössere Schadstoffbelastungen bewältigt.»

In Wangen hat Benkert das Konzept für den Rückbau und die Entsorgung erstellt und erklärt, worauf besonders geachtet werden muss: «Wir haben im Vorfeld bewusst wenig analysiert und konzentrieren uns jetzt umso gewissenhafter auf den Aushub. Bei den Baggerarbeiten ist immer ein Geologe dabei, der das Material begutachtet und entscheidet, wann ein separater Haufen gemacht werden muss.»

Benkert betont erneut, dass das Gelände ja nicht sanierungspflichtig sei. «Das Bauprojekt gibt vor, wie viel Aushub gemacht werden muss.» Von den rund 5000 Kubikmetern Erde wurden bereits 2000 ausgehoben und bisher haben die Geologen nichts gefunden, das eine gründlichere Sanierung zwingend machen würde.

Prognosen zu stellen sei aber immer eine Gratwanderung, ergänzt Johannes van Stuijvenberg. «Gewisse Unsicherheiten bleiben.» Zudem wolle man effizient arbeiten. «Wenn man zu 100 Prozent wissen will, was im Boden ist, drückt das gehörig aufs Portemonnaie.» Projektleiter Hublard interveniert: «Die Armasuisse orientiert sich nicht an den Kosten, sondern an den gesetzlichen Vorgaben.»

Untersucht wird bei jedem Haufen der Gehalt verschiedener Kohlenwasserstoffe, die durch das jahrelange «Bubele» entstanden sind, erklärt Jean-Paul Benkert. Auf andere Stoffe wird ein Haufen nur getestet, wenn ein Geologe etwas sieht oder riecht, das ihm verdächtig erscheint. Das bedingt aber, dass sich alle genau an das erarbeitete Konzept halten: Bei jedem Aushub muss ein Fachmann anwesend sein, es muss klar sein, wo welcher Haufen mit welchem Material ist, und abtransportiert wird erst, wenn ein Haufen analysiert und für eine angemessene Deponie freigegeben ist.

Auch der Rückbau der alten Übungsanlage muss streng nach Drehbuch erfolgen. «Hier konnten wir im Voraus bestimmen, mit welchen Materialien und Stoffen wir es zu tun haben», sagt Benkert. «Wir haben die Reihenfolge beim Abbruch und die Lagerung des Materials genau festgelegt.»

Weniger Belastung als gedacht

Mittlerweile klappe die Zusammenarbeit sehr gut, Anlaufschwierigkeiten gebe es aber bei solchen Bauprojekten immer, sagen die beiden Umweltgeologen. «Der Unternehmer ist natürlich daran interessiert, dass alles möglichst rasch geht», sagt van Stuijvenberg. «Darin liegt ein gewisses Konfliktpotenzial.»

Gefunden habe man bisweilen viel weniger schwer belastetes Material als erwartet. Auf Metallablagerungen, wie man sie aufgrund der samt Nägel verbrannten Paletten vermutet hatte, sei man noch nicht gestossen. Auch wenn der ökologisch schlechte Ruf des Waffenplatzes schon seit längerer Zeit revidiert ist: Man habe wohl die Situation pessimistischer eingeschätzt, als sie tatsächlich sei.