Der sich abzeichnende Engpass in der hausärztlichen Versorgung Langenthals hat die Spital Region Oberaargau AG (SRO) auf den Plan gerufen. Man fühle sich mitverantwortlich für die medizinische Grundversorgung im Oberaargau, erklärte Spitaldirektor Andreas Kohli mehrmals.

Das SRO hat das Konzept von «Vordenker» Andreas Bieri, Hausarzt an der Schorenstrasse, übernommen und richtet nun eine Gemeinschaftspraxis im Parterre des Neubaus an der St. Urbanstrasse 40–44 ein. Ursprünglich lancierte Bieri bereits die Idee einer Gemeinschaftspraxis an der St.Urbanstrasse 66A. Das SRO, dem diese Liegenschaft gehört, will dieses Haus entgegen ersten Ideen nun nicht abreissen und mit einem Neubau für eine Gemeinschaftspraxis ersetzen. Es bevorzugt den Neubau mit den Alterswohnungen an der St. Urbanstrasse als Sitz der Gemeinschaftspraxis.

«Ich und SRO-Direktor Kohli haben alle infrage kommenden Standorte für die Gemeinschaftspraxis abgeklappert. Als die Spitex auf einen Umzug an die St.Urbanstrasse verzichtete, schlugen wir zu», erklärt Bieri. Die Chancen stehen also gut, dass nicht nur Langenthal weiterhin ein leistungsfähiges Hausarztangebot haben wird, sondern Bieri auch eine Nachfolgepraxis. «Der Neubau wird im Sommer/Herbst bezugsbereit sein», sagt er. Drei Hausärzte sollen angestellt werden. Zusätzlich sind zwei Praxisassistentinnen vorgesehen.

Nähe zum Spital ist ein Vorteil

Von den Ärzten, die bei den bisherigen Projekten von Bieri zur Diskussion standen, sind einige wegen der langen Dauer bis zur Realisierung abgesprungen. «Jetzt werden wieder Ärzte gesucht», sagt er. Starten wird die Gemeinschaftspraxis auf jeden Fall – mit Bieri.

«So lange, wie es mich braucht», so der 67-jährige Hausarzt. «Mit dieser Gemeinschaftspraxis würde Langenthal wie auch der Oberaargau wieder im Soll liegen», ist Bieri überzeugt. Seiner Meinung nach braucht es auf 2000 Einwohnerinnen und Einwohner einen Hausarzt (Vollzeit). Der Oberaargau benötigt demnach 40 und weist aktuell 38 praktizierende Hausärzte auf. Beim Kanton liegen die Zahlen anders. Hier wären gemäss Bieri 500 ausreichend. Er weiss von 830. Ein Vorteil sei die Nähe zum Spital, aber diese sei nicht zwingend, sagt er. «In der künftigen Gemeinschaftspraxis brauchen wir kein Röntgen. Wir können die Anlage des Spitals nutzen.»

Als Mieterin wird das SRO für die 450 Quadratmeter Fläche im Erdgeschoss des Neubaus pro Jahr etwa 90 000 Franken zahlen. «Das ist nicht ganz günstig», sagt Kohli. Eine Quersubvention sei aber nicht vorgesehen. Vorderhand ist das SRO die treibende Kraft hinter der Gemeinschaftspraxis. Das Spital wolle die Mehrheit der Trägerschaft nicht abgeben, später könnten sich jedoch auch Dritte beteiligen.

Für Bieri nicht ganz der richtige Weg: «Man sollte doch aktiv schauen, dass sich Dritte beteiligen, beispielsweise die Stadt.» Es bestehe die Gefahr, dass andere Gemeinden bei Nachfolgeproblemen ebenfalls das SRO um Lösung der Probleme bestellten. «In vielen Gemeinden sind die Hausärzte schon recht alt. Wenn einer aufhört, werden die Gemeindeverantwortlichen schnell einmal das SRO um Hilfe bitten.»

SRO-Verwaltungsratspräsident Dieter Widmer ist sich dieses Problems bewusst: «Diese Entwicklung wird zunehmen, das ist absehbar. Die Spitäler werden sich in Zukunft vermehrt in dieser Form in der ambulanten Grundversorgung engagieren müssen.» Der Hausärztemangel sei offensichtlich und die Situation werde sich nicht verbessern. «Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben mit Ursenbach bereits eine erste Gemeinde ausserhalb der Stadt, die sich gemeldet hat. Dort sind wir auf gutem Weg und streben eine regionale Lösung.»

Ob die Stadt mitmacht, ist offen

SP-Gemeinderat Reto Müller (Ressort Sozialwesen/Altersfragen) erklärt, dass die Frage einer städtischen Beteiligung noch nicht endgültig entschieden ist. «Von mir persönlich aus gesehen, wäre eine Beteiligung nach wie vor denkbar. Aber wir sind in erster Linie glücklich, dass in Langenthal das Hausarztproblem gelöst ist.» Die im Sommer geschaffene Arbeitsgruppe, die sich um die Problematik kümmern sollte, habe nun einzig noch die Frage der Rechtsform zu lösen, so Müller. «Doch das ist dem Patienten egal. Hauptsache ist, er hat weiterhin ein ausreichendes Angebot an Hausärzten.» Grundsätzlich macht es aber für Müller mehr Sinn, dass die SRO AG federführend ist. «Das ist ihre Kernkompetenz. Hätte die Stadt beispielsweise Ärzte anstellen müssen, wäre es aufgrund der Kompetenzen schwierig geworden.»