Pilzsammler aufgepasst: Wie jeden Monat ist es morgen Samstag im Kanton Bern wieder soweit - die siebentägige Schonzeit beginnt. Die Schontage, also ein striktes Pilzpflückverbot, führten in den 1970er-Jahren viele Kantone aus Sorge um die Artenvielfalt ein. 2005 kannten 19 Kantone Schontage, meist verbunden mit einer Mengenbeschränkung.

Eine 2005 veröffentlichte Langzeitstudie der Eidgenössischen Forschungsstelle für Wald, Schnee und Landschaft sorgte dann für eine Trendwende. Heute kennen neben Bern einzig noch die Kantone Luzern, Obwalden, Glarus und Graubünden Schontage. Die Nachbarkantone Freiburg und Solothurn haben sie auf dieses Jahr abgeschafft.

Bern soll sich anpassen

«Der Kanton Bern sollte endlich mit seinen Nachbarkantonen gleichziehen», sagt Grossrat Dieter Widmer (BDP). Die Aufhebung der Schontage peilt der Wanzwiler mit einer Mitte dieses Monats eingereichten Motion an. Mit den Kantonen Luzern und Obwalden sei eine spezielle Koordination der Sammelbeschränkungen vorzusehen, fordert Widmer weiter. In den vergangenen Jahren seien die Schontage mehrmals Thema im Grossen Rat gewesen. Stets habe der dem Anliegen kritisch gegenüberstehende Regierungsrat auf ein koordiniertes Vorgehen verwiesen.
Trotzdem überwies das Kantonsparlament im Juni 2006 mehrere Postulate zur Aufhebung der Schontage, darunter auch einen Vorstoss von Peter Kurth (SP/Langenthal).

«Ich glaube nicht, dass es nach einer Aufhebung der Schontage weniger Pilze geben würde. Es sammeln ja nicht mehr Leute, sondern das Sammeln wird einfach auf mehr Tage verteilt.» Selber würde er zwar gerne Pilze sammeln, habe aber kaum Zeit dazu. «Ich wurde von Pilzlern aus den Regionen Langenthal und Bern zum Vorstoss ermuntert.» Erhalten möchte Widmer die Mengenbeschränkung. Derzeit darf jede Person pro Tag nicht mehr als zwei Kilo Pilze ernten.

Pilzlern fehlt die politische Lobby

Diese Vorschrift beizubehalten, empfiehlt gemäss Rolf Niggli (Kriegstetten SO) auch der Verband Schweizerischer Vereine für Pilzkunde (VSVP). «Aber von der Schonfrist hält unser Verband nichts», betont der Solothurner. Eine gesamtschweizerische Abschaffung sei das Ziel des VSVP, den Pilzlern fehle jedoch die politische Lobby. Die Erfahrungen des Kantons Solothurn im ersten Jahr der Aufhebung seien positiv. «Die Solothurner machen beim Sammeltourismus nicht mehr mit.»

Huttwiler «jagen» im Boowald Pilze

Während der bernischen Verbotstage gingen jeweils viele Huttwiler im Aargau Pilze «jagen», etwa im Murgenthaler Boowald, weiss Fritz Hess. Die Mitglieder seines Vereins für Pilzkunde (VfP) seien klar für die Abschaffung, sagt der Huttwiler VfP-Präsident. Auch Johannes Kurth, Pilzkontrolleur von Herzogenbuchsee und Mitglied des VfP, sage, «die Schontage sind ‹Chabis›». Alle Vereinsmitglieder seien klar der Meinung, die Schontage hätten weder auf die Menge noch auf die Sortenvielfalt einen Einfluss.

Mit seiner Feststellung, «das Sammelverbot ist für die Füchse», braucht auch Alfred Jürg deutliche Worte. Laut dem Langenthaler Pilzkontrolleur bringen die Sammler jeweils am Ende und am 8. eines Monats die schlechteste Ware zur Kontrolle. «Einerseits pflücken sie dann Alles, auch viel zu junge Pilze, andererseits räumen sie auch alte und verdorbene Pilze ab.»
Wie Hess verweist auch André Burkhalter auf den Sammeltourismus. Während der Schontage würden viele Berner in Wälder im Aargau, Baselbiet, Jura und neuerdings im Solothurnischen ausweichen, sagt der Niederbipper, Präsident des Pilzkundevereins. «Alle anderen Kantone heben die Schontage auf, nur Bern hängt daran.» Bern bringe jeweils auch das Argument ins Spiel, die Schontage brächten auch Ruhe für das Wild. «Aber Reiter, Biker und Jogger dürfen sich im Wald aufhalten.»

Wildschutzprojekte und Nachbarn

Was sagt die Regierung zur Abschaffung der Schontage? «Wir müssen den Vorstoss bis im Dezember beantworten», sagt Markus Graf, von der Abteilung Naturförderung im Amt für Landwirtschaft und Natur. Dabei würden auch die Haltung der Nachbarkantone und verschiedene laufende Wildschutzprojekte berücksichtigt. Graf: «Das Ganze ist komplex.»