NHL

Die grosse Stunde des Bürolehrbuben

Er erobert die beste Liga der Welt. Die Rede ist vom Langenthaler Sven Bärtschi. Der Aarwangener gehört zu den grössten Talenten seines Jahrgangs. Ein Porträit.

Sven Bärtschi (18) ist vom scheuen Bürolehrbuben zum selbstbewussten Jungprofi gereift. Er kann die grösste Oberaargauer Sportlerkarriere machen.

Zum Treffpunkt schlägt er das Sekretariat des SC Langenthal vor. Er hat nicht vergessen, dass er bei diesem Sportverein ausgebildet worden ist. Auf dem Eis und im Büro. Beim SCL hat er seine zweijährige Bürolehre gemacht und vor dem Aufbruch zum grossen Amerika-Abenteuer erfolgreich abgeschlossen.

In Portland ein Star

Inzwischen ist Sven Bärtschi schon viel weiter gekommen als alle Junioren, die beim SC Langenthal ausgebildet worden sind: nämlich bis nach Amerika. Genauer bis nach Portland (knapp 600000 Einwohner) an der Westküste. Dort ist er bei den Portland Winterhawks in der Western Hockey League (WHL), der härtesten Juniorenliga der Welt, im Laufe der letzten Saison ein Star geworden.

Er erinnert sich noch gut an den Tag, der sein Leben verändern sollte: «André Rufener hat mich 2009 zu einem Spiel der Russen an der WM in Bern eingeladen. Ich ging hin, hörte mir an, was er mir zu sagen hatte, und bald war mir klar, dass er der richtige Mann für mich ist.» Der ehemalige NLA-Stürmer André Rufener (40) ist NHL-Spieleragent und hat bereits Luca Sbisa und Nino Niederreiter in die NHL gebracht. Kein Schweizer Agent hat so gute Beziehungen nach Nordamerika. Er gilt darüber hinaus als smarter Talentsucher und wusste also sehr wohl, warum er Bärtschi im Frühjahr 2009 zu einem WM-Spiel in Bern eingeladen hatte.

Kleinere Eisfläche kein Problem

Rufener hat sich nicht getäuscht. Sein Langenthaler Klient ist letzte Saison in Portland rasch ein Star geworden. «Nach drei oder vier Wochen hatte ich mich an das kleinere Eisfeld gewöhnt und fühlte mich wohl», erzählt Bärtschi. Er hätte schon ein Jahr früher, im Herbst 2009, nach Nordamerika wechseln können. «Aber ich wollte zuerst meine Bürolehre abschliessen. Rückblickend hat sich gezeigt, dass dieser Entscheid richtig war. Ich konnte eine Saison mit Langenthal in der NLB spielen und dort musste ich mich in einer Mannschaft mit Erwachsenen auch mal mit einer Rolle in der vierten Linie zufrieden geben. Das hat mir geholfen.»

Die Gefahr von Starallüren ist im nordamerikanischen Juniorenhockey sowieso gering. Es hat Zeiten gegeben, da sind viele Junioren, fern ihrem Elternhaus, «abgestürzt». Das führte zu politischen Vorstössen in Kanada und heute ist das Juniorenhockey in Nordamerika strenger geregelt als ein Klosterleben.

Trainer kontrolliert die Spieler

Die Jungs wohnen bei Gastfamilien und um 23 Uhr muss jeder daheim sein. «Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir einem der Assistenztrainer eine SMS-Mitteilung schicken und stichprobeweise wird kontrolliert, ob man dann tatsächlich zu Hause ist.» Verstösse gegen die strengen Sitten können bis zum Teamausschluss führen. Bärtschi sagt, er wohne zusammen mit einem Teamkollegen bei einer wunderbaren Gastfamilie. «Rick und Barbara Rankins kennen Europa. Rick arbeitet für die US-Army und war auch schon im Irak. Für uns wird gesorgt, als seien wir ihre Söhne.»

Langenthals möglicher NHL-Spieler stammt aus einer Hockeyfamilie. Sein Vater Hansruedi stürmte nicht nur für den SC Langenthal. Sondern auch zwei Jahre für den SC Langnau (1984 bis 86, 58 Spiele/13 Tore). Inzwischen zeichnet sich ab, dass es sein Bub noch weiter bringen wird. Sven Bärtschi wirkt wie ein Kanadier, der perfekt Berndeutsch spricht.

Wer zieht Bärtschi beim Draft?

Er hat in einem Jahr in Portland enorm an Selbstsicherheit zugelegt und trägt die Baseballmütze in der Art der coolen nordamerikanischen Jungs. In seiner Selbstsicherheit ist keine Spur von Arroganz. Es ist einfach das gesunde Selbstvertrauen eines jungen Mannes der genau weiss, was er will: in die National Hockey League (NHL), die beste Liga der Welt. Dort, wo das Durchschnittssalär bei 1,6 Millionen Dollar liegt.

Am nächsten Wochenende wird Bärtschi junior den ersten offiziellen Schritt Richtung NHL machen. Beim NHL-Draft in Minneapolis. Beim Draft sichern sich die 30 NHL-Klubs die Rechte an den noch nicht in der NHL unter Vertrag stehenden Spielern. Je früher einer ausgewählt wird, desto höher wird er eingeschätzt.

Bärtschi einer der Besten seines Jahrgangs

Sven Bärtschi gehört zu den weltweit besten Stürmern seines Jahrganges (1992). Die nordamerikanische Hockey-Bibel «The Hockey News» stuft ihn als Nummer 8 ein. Damit sich die Klubmanager ein Bild von den jungen Spielern machen können, werden die kommenden Stars vor dem Draft nach Toronto eingeladen. In einem Hotel hat jeder Klub in einem Zimmer sein Büro eingerichtet und unterzieht die Jungs einem Kreuzverhör. Einige werden von ihren Agenten begleitet und intensiv auf alle möglichen Fragen vorbereitet. Bärtschi hat die Interviews ohne seinen Agenten gemacht. «Er hat mir einfach gesagt, ich solle mich selber sein und bestimmt und höflich antworten.»

Das hat funktioniert. 28 von 30 Klubs haben in Toronto mit Bärtschi ausführliche Gespräche geführt (Montreal und Detroit haben verzichtet) und der Manager von Buffalo war so angetan, dass er Bärtschi gleich für zwei Tage nach Buffalo mitgenommen und ihm Stadion und Umfeld gezeigt hat. «Auch andere Klubs wollten mich einladen. Aber ich wollte vor dem Draft noch einmal nach Hause.»

Nach den Interviews ist er von Toronto heim nach Langenthal gekommen. Am Mittwoch ist er nun zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder Kevin, Langenthals Sportchef Reto Kläy und Agent André Rufener bereits wieder weggeflogen. Zum Draft nach Minneapolis. In die Stadt, in der am Wochenende seine NHL-Karriere beginnt.

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