Kultur

Das Dorf ist im Kunsthaus angekommen

Das Schmunzeln wird zum Lachen beim Betrachten der inszenierten Fotos von Ueli Alder.

Das Schmunzeln wird zum Lachen beim Betrachten der inszenierten Fotos von Ueli Alder.

Die neuste Ausstellung im Kunsthaus Langenthal zeigt verschiedene Ausformungen des dörflichen Charakters. Unter anderem werden Fotos des jungen Appenzellers Ueli Alder gezeigt.

Der Gemeindesinn, die versteckten und offiziellen Treffpunkte der Dorfjugend, der Dorfladen, die unendliche Langeweile, die Nachbarn, die Dorfkultur, die Veränderungen der Raumstruktur des Dorfes, dieses und viel mehr rückt die neue Ausstellung im Kunsthaus ins Bewusstsein.

Richtig daheim fühlt man sich als Dörfler. Man schmunzelt über die drei leuchtend farbigen Schindelwände von Reto Leibundgut und denkt an holzschindelverkleidete Fassaden. Leibundgut hat die farbigen Schindeln selber geschnitzt aus Plastikbehältern, die im ländlichen Alltag in Gebrauch sind: Kübel, Becken, Zuber, Spritzkannen etc. Das Schmunzeln wird zum Lachen beim Betrachten der inszenierten Fotos von Ueli Alder.

Dieser setzt sich mit seiner Herkunft, dem appenzellischen Hinterland, auseinander. «Wenn d’gnueg wiit fort goscht, bisch irgendwenn wieder of em Heeweg», nennt er sein Werk, in dem er meistens die Hauptrolle spielt. Etwa wenn er sich im Heimatmuseum in Tracht auf das ausgestellte Bett setzt und etwas böse blickend im Rahmtöpfchen rührt.

Was das Bild aber etwas stört, ist die Knarre, die am Bett angelehnt ist. Alder spielt einerseits mit den Klischees des Appenzellerlandes, greift aber gerne die Bildsprache des Westerns auf. Und plötzlich weiss man nicht mehr, sind die Motive auf Alders Fotografien wirklich aus dem Appenzellerland oder doch nicht etwa aus dem Wilden Westen Amerikas.

«Ich gehe ins Dorf»

Humor und Ironie ist ein wichtiges Element der zwölf ausstellenden Künstlerinnen und Künstler. «Es ist aber keine ironisierende Ausstellung, die das Dörfliche lächerlich machen soll», sagt Kuratorin Fanni Fetzer. Ihr Interesse gelte nicht der dörflichen Idylle.

Sie will das Charakterisierende des Dörflichen ergründen. «Ich sehe mich als Kuratorin, die immer wieder Bezüge zwischen Ausstellungen und dem Standort sucht. Hier in Langenthal sind noch dörfliche Charakteristika vorhanden, hört man doch immer wieder ‹Ich gehe ins Dorf›.» Sie habe Künstler gesucht, in deren Kunst das Dorf, das Dörfliche ein Thema ist.

Stolz auf Eigenkonstruktionen

Fündig geworden ist Fetzer auch in Polen. Lukasz Skapski recherchierte längere Zeit in Südpolen. Aufgefallen sind ihm die Traktoren der Bauern.

Die Fahrzeuge sind Eigenkonstruktionen, hausgemachte Traktoren. Die Bauern konnten sich im realsozialistischen Polen die offiziellen Traktoren kaum leisten und bauten die Gefährte selber, die angepasst sind an die Arbeit und das oft unwegsame Gelände.

Die Fahrzeuge sind oft schöne Maschinen, wie ein vom Künstler ersteigerter, in die Schweiz importierter und im Kunsthaus ausgestellter Traktor beweist.

In einem Film lässt er die Konstrukteure zu Wort kommen und ihre Maschinen erklären. 150 dieser Gefährte hat er gefunden. Und wenn die Bauern von ihren Fahrzeugen reden, dann ist in ihrer Begeisterung kein Unterschied zum Besitzer eines Ferraris zu hören.

Viele Langenthaler mit dabei

«Das Dorf», wie sich die Ausstellung nennt, hat auch mehrere Exponenten aus Langenthal. Zu den Ausstellenden gehört Urs Hug, der 2001 in Langenthal ein mit Eternitschindeln verkleidetes Haus kaufte, das zwischen Langeten-Kanal und Strasse gelegen ist.

Die Veränderungen in diesem Haus animieren Hug zu diversen Studien. Heute ersetzt ein markanter Aufbau den ursprünglichen Dachstock. Die alten Balken sind in einem Zimmer des Kunsthauses gelagert und verweisen auf die Geschichte des Hauses.

Zu sehen gibt es auch den Internationalen Dorfladen, ein Kunstprojekt der drei Frauen Kathrin Böhm, Wapke Feenstra und Antje Schiffers. Sie verkaufen im Laden Produkte aus verschiedensten Orten, in denen ihr Kunstprojekt eine Heimat gefunden hat.

Sei es als ständige Filiale des Internationalen Dorfladens, wo die Produkte zu bestimmten Öffnungszeiten gekauft werden können, sei es wie in Langenthal für die Zeit der Ausstellung. Hier haben Langenthaler Produkte Aufnahme gefunden.

Weiter ist auch ein Motettenchor aus der Region in der Installation von Yves Mettler zu hören. Gesungen wird eine zeitgenössische Komposition von Giles Aubry des mittelalterlichen Liedes «Ein Meidlein zu den Brunnen ging».

Das Lied handelt von der Liebelei eines Mädchens mit einem Fremden, weshalb sie von der Dorfgemeinschaft verstossen wird. Mettlers Installation wirkt auf verschiedenen Ebenen, die zu ergründen sich lohnt, wie auch ein Besuch der Ausstellung. Denn «Das Dorf» hat nicht nur viel mit Langenthal zu tun, sondern auch viel mit unseren Erinnerungen an die eigene dörfliche Vergangenheit.

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