Sport

Zwischen Vorbild und Vorurteil: Schweizer Sportlerinnen, die Frauen lieben, erzählen ihre zum Teil leidvollen Geschichten

Das Autorinnen-Quintett von «Vorbild und Vorurteil»: Marianne Meier, Jeannine Borer, Seraina Degen, Corinne Rufli und Monika Hofmann (von links oben im Uhrzeigersinn).

Das Autorinnen-Quintett von «Vorbild und Vorurteil»: Marianne Meier, Jeannine Borer, Seraina Degen, Corinne Rufli und Monika Hofmann (von links oben im Uhrzeigersinn).

Das Buch «Vorbild und Vorurteil» erzählt in 28 Porträts von Schweizer Sportlerinnen, die Frauen lieben Geschichten, die bisher unerzählt waren. Es ist auch als Beitrag an die Aufarbeitung einer besonderen Beziehung zwischen Sport und Lesben in der Schweiz zu verstehen.

Die Gesellschaft ist heteronormativ geprägt, und der Sport männlich, sagt Jeannine Borer, Mitautorin des Buchs «Vorbild und Vorurteil». Es fehle noch immer an weiblichen Vorbildern, nicht nur an solchen, die zu ihrer Liebe zu Frauen stehen, sondern generell. Ihnen sei es um zwei Dinge gegangen: «Erstens wollten wir Frauen ins Rampenlicht stellen, die ihr Leben dem Sport gewidmet haben, und die deswegen für viele Vorbilder sein könnten. Und zweitens sind es Athletinnen, die Frauen lieben und damit Vorreiterinnen für weitere Generationen sind.» Nicht alle, die sie angefragt haben, hätten mitgemacht. Weil sie von ihrem Abweichen von der Norm Nachteile befürchteten, sagt Borer. Weil sie Angst hätten, Sponsoren zu verlieren. Oder ihre Familien nicht Bescheid wüssten.

Einige der Porträtierten wie Fussballerin Ramona Bachmann oder Judoka Evelyne Tschopp gehen offen mit ihrer Homosexualität um, andere verbergen ihr Privatleben. Weil sie befürchten, sie könnten Sponsoren verlieren. Und weil klassische Rollenbilder noch immer tiefe Furchen in unsere Gesellschaft reissen. Das Buch «Vorbild und Vorurteil» erzählt 28 persönliche Lebens- und Sportgeschichten von Schweizer Athletinnen, die Frauen lieben. Wie war das Coming-out für die 65-jährige Handballerin Rosmarie Oldani? Welche Erfahrungen machte die Bobfahrerin Sabina Hafner, die sich in die 16 Jahre ältere Katharina Sutter verliebte? Welche Hürden musste die Marathonläuferin Maja Neuenschwander nehmen, um ihren Traum von der Familie verwirklichen zu können?

Wie bei einer Affäre

Erstmals trafen sich die Autorinnen vor drei Jahren im Bahnhofsbuffet in Olten, drei Jahre später halten sie ein fast 300 seitiges Werk in Händen, mit dem sie Schweizer Sportlerinnen und Frauen, die Frauen lieben eine Stimme geben. Es sei eine intensive Auseinandersetzung gewesen, sagt Jeannine Borer, ein «Eintauchen in die Biografie», sagt Borer. In der Zeit, in der ihre Porträts entstanden seien, habe sie eine «Affäre» mit diesen Frauen geführt, habe sogar von ihnen geträumt. Berührt hätten sie alle Geschichten, vor allem aber der Wille, die Offenheit und das Vertrauen, das man ihnen entgegengebracht hat. Ein Gefühl, das die Autorinnen an die Leserinnen und Leser weitergeben. Bereits nach vier Tagen war klar, dass einer ersten Auflage von 2000 Büchern eine zweite folgen würde.

Ein Kapitel ist auch Nati-Spielerin Ramona Bachmann gewidmet.

Ein Kapitel ist auch Nati-Spielerin Ramona Bachmann gewidmet.

Jeannine Borer sagt, wir seien in der Schweiz auf einem guten Weg was das Aufbrechen alter Strukturen betrifft. Doch das Verhältnis zwischen dem Sport und Lesben ist und bleibt in der Schweiz vorderhand ein besonderes, hält Patricia Purtschert im Nachwort fest, und erinnert an die kontrovers diskutierte Auflösung des Frauenteams des FC Wettswil-Bonstetten 1994. Barbara Brosi, die Sprecherin der bis dahin kaum bekannten Lesbenorganisation LOS, musste im «Blick» zu Aussagen wie «Lesben missbrauchen Mädchen» oder «Lesben sind ‹abverheite› Männer» Stellung beziehen. Die Debatte hat homosexuelle Frauen in der Schweiz sichtbar gemacht, ihre Stigmatisierung besteht aber bis heute. Nicht zuletzt deswegen wehren sich Betroffene gegen die Tendenz, ihren Lebensentwurf zu schnell als «Variante unserer Normalität» einzuordnen.

Denn das Buch «Vorbild und Vorurteil» erzählt zwar auch, aber nicht nur heitere Geschichten von Frauen, die Frauen lieben. Es erzählt von Frauen, die erst die Schweiz verlassen mussten, in die USA, nach Schweden oder Australien, um herauszufinden, wie sie lieben und leben wollen. Es seien Geschichte, die zeigen würden, dass die Diskriminierung von Lesben in der Schweiz nicht einfach Geschichte sei. So haben die Tänzerinnen Jasmin Hauck und Cecilia Wretemark, die gemeinsam ein Kind bekommen, genug von der Ungleichbehandlung hetero- und homosexueller Menschen in der Schweiz und leben inzwischen in Schweden. Es sind Geschichten, die von Widerstand und Gestaltungskraft frauenliebender Frauen handeln.

Verfasserinnen des Buchs sind fünf Frauen mit sportlichem Hintergrund. Sie sind Wissenschafterinnen, Journalistinnen und Aktivisten, denen die weiblichen Vorbilder im Sport gefehlt haben, wie im sie im Vorwort des im Verlag «Hier und Jetzt» erschienenen Buchs schreiben. Jeannine Borer, Seraina Degen, Monika Hofmann, Marianne Meier und Corinne Rufli wollen mit ihren Porträts aus Disziplinen wie Bob, Handball, Ski, Boxen, Tanz, Rad, Judo oder Fussball eine Lücke füllen. Eine Lücke an Vorbildern und nicht gängigen Lebensentwürfen in der von Normen durchtränkten Welt des Sports. Das Buch will Geschichten erzählen, die bisher noch unerzählt sind. Und Frauen eine Stimme geben, die ihr Leben dem Sport geschenkt haben, und dafür oft ihr Fühlen verheimlicht haben.

Vorbild und Vorurteil - lesbische Spitzensportlerinnen erzählen
Erschienen im «Hier und Jetzt»-Verlag, Autorinnen: Jeannine Borer, Seraina Degen, Monika Hofmann, Marianne Meier, Corinne Rufli.
ISBN-Nummer: 978-3-03919-502-2

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