Die Angstzustände begannen vor einem Jahr. Vor den Rennen in Killington fühlte sich Mikaela Shiffrin plötzlich unwohl. «Ich bin normalerweise nie nervös. Aber plötzlich war ich so zittrig, dass ich mich übergeben musste», sagte die 22-Jährige der Zeitung «The New Yorker» vor der Rückkehr in den US-Bundesstaat Vermont an diesem Wochenende. Es ging so weit, dass sie später einen Psychiater kontaktierte, der ihr half, mit ihren Ängsten umzugehen.

Doch was war passiert, dass eine Frau, die zu diesem Zeitpunkt in ihrer Sportart schon fast alles gewonnen hatte, plötzlich vor einem normalen Rennen zitterte? Um das zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie Shiffrin erzählen, die in Killington eine Wende nahm.

Rückblick: 1985 arbeitet Eileen Condron als Krankenschwester in der Nähe von Boston. Im St. Elizabeth Hospital ist Jeff Shiffrin als Anästhesist angestellt. Die beiden begegnen und verlieben sich. Jeff, ein leidenschaftlicher Skifahrer, der die Wochenenden in den Bergen von Vermont verbringt und Rennen fährt, nimmt Eileen eines Tages mit nach Killington. Es ist der Moment, der bei Eileen alles verändert. Das Skifahren, früher nur Hobby, wird ihre Obsession.

Wie ein Mordermittler

Eileen heiratet Jeff und befasst sich nun akribisch mit dem Skisport. Sie investiert enorm viel Zeit, wird schnell besser und gewinnt Rennen. Sie schaut stundenlang Videos von früheren Champions. Sie saugt alles auf und analysiert es. Eileen befasst sich mit so viel Liebe zum Detail mit der Materie, wie es sonst nur forensische Ermittler am Tatort eines Mordes tun. Sie ist besessen. Und hätte sie früher begonnen, Rennen zu fahren, sie wäre wohl ein Star geworden.

Wurde hart erzogen: Mikaela Shiffrin

Wurde hart erzogen: Mikaela Shiffrin

Doch Eileen kann nicht zurück. Und sie schwört sich: Sollte sie je Kinder haben, wird sie nicht noch einmal zu spät beginnen. «Man muss den Skisport lernen, wie man Astrophysik lernen würde», sagt sie. «Ich lernte mehr, als es die US-Ski-Profis in ihrer Ausbildung tun.»

1992 bekommt Eileen Shiffrin Sohn Taylor. Zweieinhalb Jahre später folgt Tochter Mikaela. Die Familie lebt nun in Vail, im Bundesstaat Colorado. Ihre Kinder erzieht sie, wie sie es sich vorgenommen hat: «Was immer wir tun, wir tun es richtig.»

Zurück an die Ostküste

Taylor und Mikaela fahren Ski im Pulverschnee der Rocky Mountains. Bis die Familie 2003 zurück an die Ostküste zieht. Weil der Vater ein Jobangebot annimmt. «Aber auch», wie er dem «New Yorker» erzählt, «weil wir sehen wollten, ob unsere Kinder auch auf den fast immer stark vereisten Pisten von Vermont noch Freude am Skifahren haben.»

Mikaela liebt das Eis, fährt bald so gut, dass Kirk Dwyer sie entdeckt, als sie erst 12 Jahre alt ist. Dwyer ist Chefcoach an der Burke Mountain Academy, einem Internat in Vermont, das jährlich zwölf Skiprofis ausbildet.

Doch Mikaela ist zu jung für die Schule. Und zwei Jahre später, als sie alt genug wäre, kehrt die Familie zurück nach Colorado. Mikaela vermisst ihre Freunde in Vermont, der weiche Schnee in Colorado langweilt sie. Sie vernachlässigt die Schule und schläft zu viel. Es sind erst Anzeichen einer Depression.

Leidensskala

Im Dezember 2009 ziehen die Eltern die Notbremse und schreiben Mikaela in Burke Mountain ein. Eileen Shiffrin reist mit an die Ostküste und bezieht ein Apartment unweit der Schule. Ihre Tochter lernt und trainiert, wie es die Mutter vorlebt: akribisch und eisern. «Ich habe eine Leidensskala für meine Trainings. Eine 10 bedeutet den Tod.

Ich trage meist eine Neun in mein Tagebuch ein», sagt Mikaela. Eine Zimmerkollegin aus Burke erinnerte sich: «Einmal schneite es und wir bekamen frei, um einen Tag im Pulverschnee zu geniessen. Alle hatten Spass. Nur Mikaela ging allein an den Trainingshang und übte.»

Bei Shiffrin gab es früh Anzeichen für eine Depression

Bei Shiffrin gab es früh Anzeichen für eine Depression

Mehr tun als die anderen. Es ist die Kernlektion des Buches «The Inner Game of Tennis», das 1974 von Timothy Gallwey veröffentlicht wurde und bis heute als Trainingsbibel gilt. Es ist im Internat von Burke Pflichtlektüre für alle, aber die wenigsten leben danach. Mikaela tut es. Auch, weil ihr von ihren Eltern die 10 000-Stunden-Methode gelehrt wurde, die besagt, dass in dieser Zeitspanne alles bis hin zur Perfektion erlernt werden kann.

Extrazeit

«Doch jetzt kommt das Problem», sagt Shiffrin. «Ich kann niemals 10 000 Stunden Skifahren, weil man viel zu viel Zeit am Skilift verbringt. Ein Athlet fährt pro Tag vielleicht sieben Minuten auf der Piste.» Aber – und das ist der Schlüssel für ihren Erfolg: Von den sieben Minuten nützt Mikaela jede Sekunde.

«Während andere Athleten vom Ziel bis zum Sessellift geradeaus fahren, brauche ich jede Kurve und jede Bewegung, um noch besser zu werden. So erhalte ich Extrazeit.» Es ist die Zeit, die Mikaela Shiffrin zum Champion gemacht hat. Zu einer Frau, die mit 22 Jahren schon dreifache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Gewinnerin des Gesamtweltcups ist.

Mit 22 Jahren schon dreifache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Gewinnerin des Gesamtweltcups.

Mit 22 Jahren schon dreifache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Gewinnerin des Gesamtweltcups.

Mutter Eileen Shiffrin sagt: «Ich hatte mit Taylor nie die gleiche Beziehung. Er wollte zwar ins US-Ski-Team, aber er wollte nie, dass sich die anderen Jungs wegen seiner Stärke schlecht fühlen. Das habe ich nie verstanden.» Taylor hat vor kurzem die Uni abgeschlossen. Skiprofi wurde er nicht. Weil er, glaubt man seiner Mutter, zu wenig verbissen war. Mikaela sagt: «Es ist schwierig, jemanden zu finden, der sich freut, wenn man besser ist.»

Diese Bereitschaft, dem Erfolg alles unterzuordnen, hat Mikaela von ihrer Mutter geerbt. Ebenso deren Besessenheit. Als sie dann nach Killington kam, wurde ihr klar, dass sie ihrer Mutter beweisen will, dass Perfektion möglich ist. Dass sie schon nahe dran ist. Und plötzlich wurde sie nervös. So nervös, dass sie darüber sprechen musste. Erstmals nicht mit ihrer Mutter, sondern mit einem Psychiater.