Nur ein Spiel, ist man geneigt zu sagen. Vor knapp 9 Jahren. Aber für Martin Andermatt wird dieses eine Spiel zum Weichensteller. Blöd nur, dass er nicht auf die Erfolgsschiene abbiegt. Es ist die andere. Jene der Verlierer. So sieht es aus der Distanz betrachtet aus.

Es ist der 10. Mai 2008. Es ist die Zeit, in der der FC Basel noch Konkurrenz hat in der Super League. Es ist die Zeit der Finalissima. Basel gegen die aufstrebenden Young Boys. Letzter Spieltag. Gewinnt YB, ist es Meister. Doch YB mit Trainer Andermatt verliert 0:2. Wieder einmal Zweiter.

Aus der Mode gekommen

Die folgende Saison ist zwei Wochen alt, als Andermatt entlassen wird. Der Grund: Ein Punkt aus drei Spielen. Eine Chance bei einem grossen Klub erhält er danach nicht mehr. Seine weiteren Stationen heissen Aarau, Bellinzona und Zug 94. In Aarau wird er nach 17 Spielen entlassen. Andermatt: «Der Klub hat nicht zu mir und ich nicht zu ihm gepasst.»

Bei der konkursiten AC Bellinzona blickt er in die Abgründe des Fussballgeschäfts. «Menschlich bin ich im Tessin unglaublich gereift.» In Zug fragten ihn die Spieler vor den Aufstiegsspielen in die Promotion League: «Trainer, müssen wir noch mehr trainieren, wenn wir aufsteigen?» Spätestens da ist Andermatt klar: «Ich brauche eine neue Herausforderung.»

Die Stationen Martin Andermatts seit 1999:

Nur, mit 55 ist er kein gefragter Mann. Im Trend sind die jungen Trainer mit dem Tablet unter dem Arm. Kommt dazu, dass Andermatt in den letzten Jahren durchgereicht wurde. Von der Super in die Challenge League und danach sogar in die 1. Liga. «Niemand weiss, was mit mir passiert wäre, wenn wir mit YB dieses Spiel gegen Basel gewonnen hätten», sagt Andermatt. «Aber es ist mir zu plakativ, alles nur auf diese eine Niederlage zu reduzieren.»

Freundlichkeit als Schwäche

Andermatt muss nicht befürchten, dass man ihn überschätzt. Eher das Gegenteil. Natürlich, weil er zuletzt keine grossen Stricke zerrissen hat. Aber halt auch, weil er ein anständiger Typ ist. Kein Marktschreier und erst recht kein Selbstdarsteller. Sondern einer, dem man Fähigkeiten zur Empathie attestiert. Zu lieb und zu nett, schnöden die Kritiker.

Andermatt, als Spieler elfmal für die Schweiz aufgelaufen, sagt: «Lieb, nett, anständig – das unterschreibe ich sofort. Aber ich bin auch konsequent, was kein Widerspruch ist. Und warum soll man nicht lieb, nett und anständig sein? Sind das etwa Tugenden, die verwerflich sind?» Nein, aber sie sind in der machoiden Welt des Fussballs eine Falle für jeden Trainer, weil es aus dieser Softie-Schublade fast kein Entrinnen mehr gibt.

Ob das gerecht ist? Diese Frage stellt sich Andermatt nicht. Er bemüht die Schubladisierung nicht mal als Erklärung. Das wäre ihm zu billig.

Paradoxe Erfolgsmeldungen

Ein guter Verkäufer in eigener Sache ist der Zuger wahrlich nicht. Sechs Monate hat er in Bellinzona gratis gearbeitet. An die grosse Glocke hat er das nie gehängt. Sowieso: Wenn er an die Zeit in Bellinzona denkt, ist nicht der Ärger über den Konkurs der vorherrschende Gedanke. Sondern die Genugtuung, dass 18 der 22 Spieler ihren Beruf bei einem anderen Klub fortsetzen konnten. Natürlich dank grosser Mithilfe von Andermatt. «Aber das ist doch normal», sagt er bloss.

Da war er noch frisch im Geschäft: Andermatt als Trainer von Ulm.

Da war er noch frisch im Geschäft: Andermatt als Trainer von Ulm.

Die Krux bei Andermatt: Erfolgsmeldungen wirken irgendwann paradox. Selbst wenn sie unbestritten mit ihm in Verbindung stehen. Wie der märchenhafte Aufstieg von Ulm in die 1. Bundesliga. Damals war Andermatt noch frisch im Geschäft. Wenn überhaupt, dann war er in der Schublade des «Lederpädagogen», weil er während seiner Zeit als Profi das Lehrerseminar absolviert hat.

Ja, Andermatt wurde gefeiert, als erster Schweizer Trainer in der Bundesliga. Heute wird das Wunder von Ulm ausschliesslich Andermatts Vorgänger Ralph Rangnick zugeschanzt. Gewiss hat Rangnick, heute das Mastermind bei Rasenball Leipzig, hervorragende Vorarbeit geleistet. Nur: Als Andermatt in Ulm übernahm, lag der Klub auf Rang 6, fünf Punkte von einem Aufstiegsplatz entfernt.

Martin Kinds Hilferuf

Trotzdem: Andermatt ist zurück auf der grossen Bühne. Nur, wie hat er das geschafft? Der ältere seiner beiden Söhne durfte vor etwa zwölf Jahren bei verschiedenen Klubs in Deutschland vorspielen. Unter anderem auch in Hannover. Dadurch entstanden Verbindungen, die nie gekappt wurden. Vor etwa eineinhalb Jahren intensivierte der Hörgeräte-Unternehmer und Hannover-Präsident Martin Kind den Kontakt zu Andermatt. Nach dem Abstieg in die 2. Liga wurde Andermatt von Kind gefragt, wie er den Verein neu aufstellen würde. «Geben Sie mir Zeit und Sie erhalten eine ehrliche Antwort.»

Die Antwort gefällt Kind derart gut, dass er Andermatt im Dezember als Mitglied des Aufsichtsrats an Bord holt. Der Schweizer ist quasi das fussballerische Gewissen des Gremiums. Verantwortlich für das Ausbildungskonzept und die sportliche Ausrichtung des Klubs, der momentan auf Platz 3 liegt und die sofortige Rückkehr in die 1. Bundesliga als alternativlose Zielvorgabe ausgerufen hat.

Martin Andermatt über Kollege Schröder: «Ein sehr eloquenter Mann. Mir gefällt, wie er Menschen führt.»

Martin Andermatt über Kollege Schröder: «Ein sehr eloquenter Mann. Mir gefällt, wie er Menschen führt.»

Auf das Gas drücken

Der kompromisslose Weg der Hannoveraner bedingt Härte. Weil die Auftritte zuletzt eher besorgniserregend waren, aus den letzten sieben Spielen nur drei Siege resultierten, drückte der nette Herr Andermatt aufs Gas. «Die Spieler stehen in der Verantwortung», sagte er. «Denn es geht auch um viele Arbeitsplätze. Wenn wir nicht aufsteigen, wird das Budget massiv gekürzt.»

Im Aufsichtsrat der Niedersachsen sitzt übrigens auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder. Und, wie ist der so? «Ein sehr eloquenter Mann. Schröder hat eine extrem positive Aura. Mir gefällt, wie er Menschen führt.» Mehr ist Andermatt nicht zu entlocken. Schliesslich lautet einer seiner Leitsätze: «Lieber mit dem betroffenen Menschen als über ihn reden.»