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Zürcher Derby: Zweiklassengesellschaft und Etikettenschwindel

An diesem Nachmittag fehlt es an Emotionen, Leidenschaft und Kampfbereitschaft. Die Grasshoppers demütigen den FC Zürich und triumphieren im 244. Zürcher Derby mit 5:0. Ein abgeklärtes GC nützt die mentale Schwäche des FCZ gekonnt aus.

Calvin Stettler, Zürich
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Skeptisch: Die Derby-Niederlage gibt Sami Hyypiä zu denken.

Skeptisch: Die Derby-Niederlage gibt Sami Hyypiä zu denken.

KEYSTONE/NICK SOLAND

Der letzte FCZ-Trainer, der ein Zürcher Derby verloren hat, wurde tags darauf entlassen. Diese Episode ereignete sich im August, der Entmachtete hiess damals Urs Meier. Dass dessen Erbe Sami Hyypiä heute seine insgesamt dritte Kündigung als Fussballtrainer entgegennimmt, ist zwar unwahrscheinlich. Und doch sammelten die Stadtzürcher seit dem letzten Rivalenduell mit GC wenige Argumente für ihren Trainingsleiter.

Im zehnten Spiel unter dem Finnen bleiben sie zum neunten Mal sieglos. 5:0 demütigt GC den FCZ. Unter dem Ex-Chef Meier waren die Stadtzürcher immerhin noch so etwas wie ebenbürtig. Gestern offenbarte sich aber eine immense Kluft, die die beiden Rivalen trennt. In Zahlen sind es 19 Punkte und acht Ränge, zudem akzentuierte sich an diesem Nachmittag, dass GC über die stärkste Offensive und der FCZ über die wackeligste Abwehr der Liga verfügt. In Zürich herrscht eine fussballerische Zweiklassengesellschaft vor.

Im Bauch des Stadions Letzigrund hält sich die Aufarbeitungslust in Grenzen. Das Gros der FCZ-Fraktion passierte die Journalistenschar mit gesenktem Blick. Amine Chermiti und Oliver Buff bildeten die Ausnahme. «Wir arbeiten gut», sagt Chermiti und versucht mit Worten dem resignierenden FCZ-Abbild entgegenzuhalten. Konkreter urteilt Mittelfeldakteur Buff: Er unterstreicht seine Gefühlslage mit einem Kraftausdruck und resümiert: «Es kann nicht sein, dass wir einfach keine Reaktion auf einen Gegentreffer zustande bringen.»

Reaktionsfauler FCZ

Dabei sah sich der FCZ bereits früh mit einer Situation konfrontiert, die jedes intakte Team wachrütteln sollte. Nach 15 Minuten bedient Berat Djimsiti Gegenspieler Dabbur nach einem Lapsus mustergültig. Einen viel zu kurz geratenen Rückpass zu Schlussmann Favre vermag Dabbur abzufangen und cool zu verwerten. 1:0 für GC, auf eine FCZ- Reaktion wartet man vergebens. Wenn der FC Zürich Fahrt aufnehmen will, kommt er über links. Weil da Kevin Bua ist. Doch der Lichtblick des FCZ wird von der GC-Abwehr kaltgestellt. Kompromisslose Manndeckung bringt den FCZ praktisch zum Erstarren. Das Team von Pierluigi Tami wechselt derweil in den Opportunistenmodus. Der Aufwand wird vorerst aufs Nötigste reduziert. Gesamthaft ist das 244. Zürcher Derby als Etikettenschwindel festzuhalten. Kein Kratzen, kein Beissen. Keine Leidenschaft. Emotionen keimen nur auf, wenn Schiedsrichter Schärer interveniert.

Vor dem Spiel lobte Sami Hyypiä GC-Captain Kim Källström als «Spieler, der den Unterschied machen kann.» In der 55. Minute rechtfertigt der Schwede Hyypiäs Aussage. Nach einer butterweichen Flanke des 33-Jährigen verwertet Yoric Ravet zum 2:0. Die FCZ-Reaktion bleibt abermals aus.

Nach dem Schlusspfiff hält Coach Hyypiä fest: «Nach dem zweiten Gegentor habe ich gespürt, dass die Mannschaft den Glauben an den Sieg verloren hat. Eine alarmierende Erkenntnis. «Denn wenn man den Glauben nicht mehr hat, erübrigt es sich, auf dem Platz zu stehen.», zeigt sich der Finne nachdenklich. Und wieder einmal kristallisierte sich beim FCZ heraus, dass ein Leitwolf fehlt. Neo-Captain Yapi kann diese Rolle nicht ausfüllen. Anto Grgic versucht zwar, Nadelstiche zu setzen, doch die Last der Aufgabe ist für den 19-Jährigen noch zu gross.

«Wir haben viel Arbeit vor uns», weiss Trainer Hyypiä, «vor allem im mentalen Bereich.» Ebenso ist ihm klar, dass genau dieses Defizit am meisten Zeit benötigt, um korrigiert werden zu können.

Wenig zu korrigieren gibt es dafür bei den Grasshoppers. Die Tore drei bis fünf durch Tarashaj, Caio und Källström vollendeten den abgeklärten Auftritt des Rekordmeisters. Zudem stabilisiert sich die GC-Abwehr seit Tamis Amtsantritt je länger, je mehr. Die Null steht zum zweiten Mal in Serie. GC-Akteur Moritz Bauer sagte: Ich würde die Leistung des FCZ nicht schmälern, auch wenn das Resultat brutal ist.» Die Zweiklassengesellschaft kann man in Zürich aber längst nicht mehr leugnen.

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