Eigentlich will er gar nicht darüber sprechen. «400 Spiele? Habe davon gehört. Hat jemand gesagt. Aber ehrlich: Es hat für mich keine Bedeutung. Ich schaue nicht auf solche Dinge.»
Hoppla! Was ist denn da los? Da bestreitet einer sein 400. Spiel in der Super League – und mag es nicht an die grosse Glocke hängen. Gibt es Fussballer, die sich nicht über grosse Taten definieren?

Es gibt sie. Nelson Ferreira ist einer davon. Er sagt: «Mit Statistiken kann ich nichts anfangen.» Jene, die ihn gut kennen, wissen, dass er nicht kokettiert. Es ist für ihn einfach nicht wichtig. Dazu passt, dass er seinen Kindern bis heute jene Szene, die ihn im Herbst 2005 berühmt machte, nicht gezeigt hat: Das wunderbare Champions-League-Tor gegen Arsenal. Er sagt: «Die Kids schauen genug Fussball. Aber irgendwann werde ich es ihnen vorführen.»
Man muss Ferreira schon ein bisschen stupfen: Hey, Nelson, 400 Spiele, darauf kannst du doch stolz sein!

Drei Jahre lang auf die Zähne gebissen

Und dann beginnt er doch zu erzählen. Wie er mit acht Jahren aus Portugal in die Schweiz gekommen sei und wie der Fussball in Interlaken ihm geholfen habe, sich zu integrieren. Bald wurde klar, dass er talentiert war. Ein erster Wechsel zum FC Thun war noch nicht von Erfolg gekrönt: zu schmächtig. Zurück zum FC Interlaken und dann wieder zum FC Thun. «Es war ein grosser Schritt von der dritten Liga in die Nationalliga B. Ich war jung, unerfahren und musste drei Jahre lang um meinen Platz kämpfen», erzählt Ferreira. «Dieser Wille hat mir meine spätere Karriere ermöglicht», sagt der 35-Jährige.

Dessen damaliger Trainer Hanspeter Latour sagt: «Ich habe riesigen Respekt für Nelson. Ich erinnere mich, wie er im Training immer wieder umgesägt wurde, doch jedes Mal aufstand – ein Stehaufmännchen eben – und immer an sich glaubte.» Ferreira sagt: «Wenn heute ein Junger nicht spielt, ist immer der Trainer schuld.» Er selber habe mit jedem Trainer ein gutes Einvernehmen gehabt. Was etwas heissen will, angesichts von 16 Übungsleitern, von Latour über Schönenberger, Fringer, Sforza, Yakin, Challandes und Fischer zu Schneider. «Ich hatte mit keinem einzigen ‹Lämpe›, selbst wenn ich auf der Ersatzbank sass», sagt Ferreira.

«Nelson ist ein toller Mensch. Immer für einen Spass zu haben, aber dennoch ein top seriöser Profi», sagt Rolf Fringer. «Er war kein Spieler, der viele Tore schoss, aber in Luzern hat er plötzlich den Knopf aufgemacht und in einer Saison neun Treffer erzielt.» Dazu passt eine Episode, die Ferreira nie vergessen wird: «Am Morgen eines Spieltags ging es mir gesundheitlich schlecht. Ich musste notfallmässig ins Spital und erhielt Infusionen.

«Das war meine Zeit»

Abends im Spiel gegen Lausanne wurde ich sechs Minuten vor Schluss beim Stand von 1:1 eingewechselt und schoss zwei Tore.» Es waren zwei von bisher 46 Treffern in der höchsten Spielklasse, nachdem er zuvor sogar noch 16 Mal in der «alten» Nationalliga A aufgelaufen war. Nach dem Debüt in der Super League am 16. Juli 2003 gegen Aarau folgten bis heute 272 Spiele für Thun und 127 Partien für Luzern.

Der Aussenbahnspieler gab 44 Assists, kassierte 66 Verwarnungen, sah einmal Gelb-Rot und einmal direkt Rot. Mit Thun stieg er 2008 in die Challenge League ab; der Tiefpunkt seiner Laufbahn. Im Cup erreichte er mit Luzern den Final: 3:5 im Penaltyschiessen gegen Basel. «Das fuchst mich. Nach 16 Profjahren warte ich noch immer auf einen Titel», sagt Ferreira.

Dafür hat er mit dem kleinen FC Thun in der Champions League gespielt. Gegen Arsenal, Ajax Amsterdam und Sparta Prag. «Das war meine Zeit. Mit dem FC Thun durch Europa zu reisen – was für ein Märchen!» Und in guter Erinnerung geblieben ist ihm auch die Barrage mit Luzern gegen Lugano. «Wir verloren im Tessin 0:1 und das Rückspiel stand nach dem Wurf einer Knallpetarde vor dem Abbruch. Präsident Stierli beruhigte die Fans und wir gewannen auf der alten Allmend 5:0.»

Wieder als Bodenleger arbeiten?

36 Jahre alt wird Ferreira im Mai. In den vergangenen beiden Jahren ist er oft verletzt gewesen. Er sagt, im Vergleich zu seinen Anfangsjahren sei das Spiel viel athletischer und schneller geworden. Ist Ende Saison Schluss? «Ich weiss es noch nicht. Ich gehe jeden Tag gerne ins Training und kann es gut mit den Jungen. Ich kann es mit allen gut», sagt Ferreira. Der Thuner Sportchef Andres Gerber hat für ihn nur Lob übrig. «Nelson ist im positiven Sinn ein Lausbub. Immer fröhlich und aufgestellt. Man muss ihn einfach gerne haben.» Ferreira ist der Götti von einem Kind Gerbers. «Wir trennen das Private vom Beruflichen», sagt der Thuner Manager. «Ob Ferreiras Vertrag verlängert wird, ist noch nicht entschieden.»

Natürlich hat sich der Familienvater, der sich auch ohne Schweizer Pass wie ein Schweizer fühlt, schon viele Gedanken darüber gemacht, wie es nach der Spielerkarriere weitergeht. «Vielleicht bleibe ich im Fussball, vielleicht kehre ich in meinen erlernten Beruf als Bodenleger zurück», sagt Ferreira. «Auch wenn es mir schwerfällt, daran zu denken, wie ich dann während fünf Tagen pro Woche mit den Knien auf dem Boden herumkrieche.»