Fussball

Zuerst Kopfweh, dann ein Kollaps und schliesslich noch ein Vermisster – so kompliziert ist der Schweizer EM-Weg

23. März 2019, Georgien-Schweiz 0:2.

23. März 2019, Georgien-Schweiz 0:2.

Heute Abend wird sich die Schweiz in Gibraltar für die EM qualifizieren. Die Partie ist die letzte einer ziemlich komplizierten Qualifikation. Sieben Spiele sind bereits absolviert, mit vielen emotionalen Geschichten. Ein Rückblick.

Der Zusammenstoss

23. März 2019, Georgien-Schweiz 0:2

23. März 2019, Georgien-Schweiz 0:2

Der Start der Schweiz in die Kampagne gelingt problemlos. Das Team tritt beim 2:0 souverän und abgebrüht auf. Zuber und Zakaria gelingen die Tore. Für den grössten Aufreger sorgt indes Fabian Schär. Nach einem Kopfballduell geht er zu Boden, ist kurz bewusstlos. Schär spielt trotzdem weiter, leitet gar die Führung ein. Die Szene hat jedoch ein Nachspiel. Für das Spiel gegen Dänemark drei Tage später wird Schär aus dem Verkehr gezogen. Die Kritik in der medizinischen Fachkreisen, warum Schär auf dem Platz belassen wurde, ist gross. Nati-Arzt Damian Meli tritt einige Wochen danach zurück.

Der Kollaps

26. März 2019, Schweiz-Dänemark 3:3

26. März 2019, Schweiz-Dänemark 3:3

Die Schweizer haben in Basel gegen Dänemark alles im Griff. Nach 80 Minuten steht es 3:0, der Sieg scheint in trockenen Tüchern. Trainer Vladimir Petkovic nimmt Granit Xhaka vorzeitig vom Feld, weil dieser über Schmerzen im Adduktoren-Bereich klagt. Es ist eine fatale Auswechslung. In den letzten zehn Minuten folgt ohne den Leitwolf der totale Kollaps, die Schweiz verspielt den Vorsprung und muss am Schluss noch fast froh sein, beim 3:3 wenigstens einen Punkt mitgenommen zu haben.

Die Vermisstmeldung

5. September 2019, Irland-Schweiz 1:1

5. September 2019, Irland-Schweiz 1:1

Es ist der letzte Tag im August, als der Schweizer Fussballverband ein brisantes Communiqué verschickt. Nicht, dass man auf den ersten Blick darauf kommen würde. Ausführlich wird über Neulinge und Rückkehrer berichtet. Ganz unten dann der entscheidende Satz: «Für die EM-Qualifikationsspiele in Irland und gegen Gibraltar nicht zur Verfügung stehen wird Xherdan Shaqiri. Der 82-fache Nationalspieler hat sich in Anbetracht seiner aktuellen Situation dazu entschieden, sich vollum-fänglich auf seinen Club Liverpool zu konzentrieren.»

Trainer Vladimir Petkovic lässt die Geschichte schwelen, verzichtet darauf, den freiwilligen Verzicht von Shaqiri zu erklären. Er holt es erst am Montag, also drei Tage vor der Partie in Irland nach, spricht von mentalen Problemen Shaqiris und spricht ausführlich über seine Beziehung zu Shaqiri, die besser sein könnte. Das Thema wird gross und grösser. Es hilft auch nicht, dass Liverpool in jener Woche gar kein Mannschaftstraining abhält. Es hilft noch weniger, dass Shaqiri eisern schweigt und via Social Media seine als Ersatzspieler errungenen Champions-League-Sieger-Medaillen postet.

Dann folgt das Spiel in Irland. Es ist ein Knorz. Schär gelingt Mitte der zweiten Halbzeit doch noch das 1:0. Aber wieder reicht das nicht zum Sieg. In der 85. Minute gleicht Irland aus, 1:1. Die Stimmung ist nicht gerade grossartig.

Der Appell

8. September 2019, Schweiz-Gibraltar 4:0

8. September 2019, Schweiz-Gibraltar 4:0

Drei Tage später besiegt die Schweiz ein überfordertes Gibraltar 4:0. Nur 4:0, muss man festhalten. Es geht weiter um Xherdan Shaqiri. Weil auch Captain Stephan Lichtsteiner in diesen Tagen fehlt, trägt Granit Xhaka die Binde. Zwischen den beiden Spielen erklärt er auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass Shaqiri ein Problem habe, weil er nicht Captain sein darf: «Wenn es wirklich daran liegt, dann gebe ich ihm die Binde gerne, kein Problem.»

Damit erhält die leidige Geschichte eine weitere Dimension. Das Thema wird längst auch in der Mannschaft diskutiert. Der Unmut ist gross, dass mit Shaqiri ein Abwesender im Mittelpunkt steht. Yann Sommer ergreift an der Medienkonferenz das Wort, sagt an die Medien gerichtet: «Irgendwann ist genug. Wir sollten uns auf das Wesentliche besinnen.»

Der Partykiller

12. Oktober 2019, Dänemark-Schweiz 1:0

12. Oktober 2019, Dänemark-Schweiz 1:0

Einen Monat später fehlt Shaqiri immer noch. Diesmal verletzt. Dafür ist Lichtsteiner zurück. Und die Schweiz zeigt in Dänemark eine starke Leistung. Das Problem: Es will einfach kein Tor gelingen. Das liegt an ihm, an Kaspar Schmeichel. Dem Torhüter von Dänemark gelingt eine herausragende Leistung. Immer wieder steht er den Schweizern im Weg. Und darum endet auch dieser Abend in Kopenhagen frustrierend. Das Duo Eriksen/Poulsen nutzt einen der wenigen Schweizer Fehler kurz vor Schluss zum 1:0.

Nach dem Spiel sagt Age Hareide, Dänemarks Trainer: «Wir wussten: Am Ende des Spiels brechen die Schweizer immer zusammen.» Hoppla. Selten äussert sich ein Trainer derart dezidiert über den Gegner. Nur: Ganz unrecht hat Hareide nicht. Es ist das fünfte Spiel innert eines Jahres, in dem die Schweiz einen späten Gegentreffer kassiert. Der Druck für das Heimspiel gegen Irland nimmt zu.

Die Auferstehung

15. Oktober 2019, Schweiz-Irland 2:0

15. Oktober 2019, Schweiz-Irland 2:0

Fast ein Jahr ist vergangen seit dem fulminanten 5:2-Sieg der Schweizer in der Nations League gegen Belgien. Drei Mal traf Haris Seferovic damals. Seither indes – fürs Nationalteam – nicht mehr. Die Auferstehung kommt zur rechten Zeit. Seferovic trifft gegen Irland früh zum 1:0, lenkt das Schlüsselspiel damit in die richtigen Bahnen.

Ganz ohne Zittern geht es dann aber doch nicht. Als Ricardo Rodriguez in der 77. Minute einen Penalty verschiesst, spürt Trainer Petkovic auf der Bank, wie die Angst bei seinen Spielern vor einem weiteren späten Gegentor zunimmt. «Ich wusste: Gegen einen solchen Gegner, der viel mit langen Bällen operiert, kann immer etwas passieren. Aber ich habe die Angst nicht gezeigt, mein Team stattdessen weiter nach vorne gepusht.» Es gelingt, kurz vor dem Ende erzielt die Schweiz gar das 2:0. Dank dieses Treffers reichen in den letzten beiden Spielen gegen Georgien und Gibraltar vier Punkte für die definitive EM-Qualifikation.

Das Debüt

15. November 2019, Schweiz-Georgien 1:0

15. November 2019, Schweiz-Georgien 1:0

Nein, es ist nicht schön anzusehen, was die Schweizer gegen Georgien zeigen. Es ist ein wilder Auftritt, ohne Struktur und Balance. Mitunter ist viel Glück dabei, dass die Gäste ohne Treffer bleiben. Dass acht Spieler verletzt fehlen, kann die Schweiz nie verbergen.

Doch dann kommt er, Cédric Itten, St.Galler Stürmer und Nati-Debütant. Nach 71 Minuten wird er eingewechselt. Sechs Minuten später trifft er per Kopf ins Glück. Die Schweiz hat ihre Märchengeschichte. Der Held selbst kann es fast nicht glauben, ist auch am Tag danach noch übermannt von seinen Emotionen. Es ist eine wunderbare Geschichte. Und aller Voraussicht nach die entscheidende auf dem Weg an die EM.

Dann nämlich, wenn heute Abend gegen Gibraltar wie erwartet nichts mehr schiefgeht. Schon ein 0:0 reicht. Doch damit will sich niemand zufrieden geben. Bei einem Schweizer Sieg lockt gar noch der Gruppensieg, der Voraussetzung ist, um für die Gruppenauslosung im zweiten Topf gesetzt zu sein. Die zweite Bedingung dafür: Dänemark darf gleichzeitig in Irland nicht gewinnen.

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