ZSC Lions
ZSC-Lions-Headcoach Hans Wallson: «Nur der Meistertitel zählt. Wir sind hier, um zu gewinnen.»

Hans Wallson wechselte von der schwedischen Provinz ins Scheinwerferlicht der Grossstadt Zürich. Seit fast einem Jahr ist er nun Cheftrainer der ZSC Lions. Vor den Playoffs spricht Wallson über grüne Bananen, schreiende Trainer und fehlende Kameras

Marcel Kuchta
Drucken
Teilen
Der ZSC-Lions-Headcoach hat den Wechsel in die Schweiz ohne grössere Probleme geschafft.

Der ZSC-Lions-Headcoach hat den Wechsel in die Schweiz ohne grössere Probleme geschafft.

Keystone

Hans Wallson, was haben Sie über das Schweizer Eishockey im vergangenen halben Jahr gelernt?
Hans Wallson: Wir haben hier eine gute Liga. Jede Mannschaft verfügt über sehr talentierte Spieler in ihren besten Linien. Generell empfinde ich die Meisterschaft aber als härter als in Schweden.

Das ist eine überraschende Erkenntnis. Wieso?
Vor allem deshalb, weil man hier in der Schweiz fast jede Woche zwei Spiele hintereinander hat. Freitag/Samstag oder Samstag/Sonntag. In Schweden sind die drei Spiele schön verteilt während der Woche.

Hans Wallson

Der 50-jährige Schwede übernahm im letzten Sommer zusammen mit seinem Assistenten Lars Johansson die Geschicke an der Bande der ZSC Lions. Zuvor hatten die beiden in Schweden äusserst erfolgreiche Arbeit abgeliefert. Mit Skelleftea standen sie viermal in Folge im Final und wurden zweimal Meister.

Das heisst?
Es macht es für uns Trainer schwieriger, die beiden Spiele, die kurz hintereinander stattfinden, sauber zu analysieren. Zum Beispiel mit Videos. Und für die Spieler ist es natürlich auch belastender. Auf der anderen Seite ist es im Vergleich zu Schweden schön, dass die Reisen viel kürzer sind. Jeden Abend im eigenen Bett zu schlafen, ist sehr angenehm!

Was ist Ihnen noch aufgefallen?
Ich finde, die Schiedsrichter müssen in der Schweiz ihren Job unter schwierigen Bedingungen erledigen.

Wieso?
Im Vergleich zu Schweden fehlt hier die qualitativ genügende Video-Abdeckung. In Schweden hat man in jedem Stadion Kameras im Tor, über dem Tor – an allen für das Geschehen auf dem Eis kritischen Punkten. Dazu gibt es noch den «War-Room» (Anm. der Red.: Eine zentrale, wohin alle Kamera-Bilder aus den Stadien übertragen werden und wo bei Bedarf eine Entscheidung der Schiedsrichter gestützt oder wiederlegt oder ein übersehenes Vergehen gemeldet werden kann) in Stockholm.

Deshalb ist es einfacher, in Schweden Schiedsrichter zu sein. Besonders während den Playoffs, wo jedes Tor über Sein oder Nichtsein entscheiden kann. Ich hoffe, dass wir in der Schweiz auch bald diese Übertragungsqualität hinbekommen. Nicht nur für die Referees, sondern auch für die Zuschauer in der Halle, die so viel mehr mitbekommen.

Hat sich die Schweizer Liga generell als das entpuppt, was sie erwartet haben oder gab es auch überraschende Aspekte für Sie?
Ehrlich gesagt kam ich ohne Erwartungen hierher, dafür mit offenen Augen und ohne Vorurteile. Ich wollte mir selber eine Meinung bilden. Es ist immer einfach, sich von den Ansichten anderer Leute beeinflussen zu lassen.

Aber letztlich muss es jeder Mensch selber erleben. Für mich war es ein gutes halbes Jahr. Die Lions sind eine fantastische Organisation. Ich kann mit einer sehr talentierten Mannschaft arbeiten. Es ist harte Arbeit, macht aber auch viel Spass!

Wallson würde sich mehr Unterstützung für die Schiedsrichter wünschen.

Wallson würde sich mehr Unterstützung für die Schiedsrichter wünschen.

Keystone

Was haben Sie über die Schweizer Mentalität gelernt?
Fragen Sie mich nach den Playoffs nochmals (lacht). Aber das ist auf der ganzen Welt so. Erst, wenn es um alles oder nichts geht, zeigt sich der wahre Charakter der einzelnen Spieler und der ganzen Mannschaft. Ich habe diesbezüglich bei meinem Team aber ein sehr gutes Gefühl. Es gibt aber einen grossen Unterschied zu Schweden...

...und der wäre?
Es betrifft weniger die Mentalität, sondern grundsätzlich die Einstellung zum Sport. In der Schweiz kommt die Schule, die Ausbildung an erster Stelle. In Schweden ist es umgekehrt. Dort erhalten die Junioren sehr viel Zeit für Trainings. Sowohl auf dem Eis wie auch im Kraftraum. In der Schweiz müssen sich das die Jungen erkämpfen. Das müsste man ändern. Viele jungen Spieler sind sehr talentiert, aber sie haben nicht genügend Gelegenheit für Eistrainings.

Es existiert ein beliebtes Vorurteil, dass Schweizer Spieler im physischen und mentalen Bereich Defizite aufweisen, sobald es auf dem Eis etwas ruppiger zu und her geht. Konnten Sie dahingehend schon etwas feststellen?
(lacht) Ich habe davon gehört. Von der Lugano-Mentalität, der Bern-Mentalität, der Zürich-Mentalität. Ich kann nur für meine Mannschaft sprechen. Und ich muss sagen, dass wir sehr starke Charaktere im Team haben, die hart arbeiten – sowohl auf, als auch neben dem Eis.

Die Arbeitseinstellung war bis jetzt fantastisch. Und auch die Leistungen in den Spielen waren mehrheitlich gut. Wir konnten Partien kraft unseres Talents, aber auch kraft unseres Siegeswillens gewinnen. Klar ist aber: in den nächsten Wochen werden wir sehen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind.

Ist es schwieriger, den Spielern etwas auf Englisch zu erklären und nicht in der Muttersprache?
In den ersten paar Wochen musste ich mich daran gewöhnen. Schwierig war, schnell die richtigen Worte zu finden in gewissen Situationen während der Spiele. Jetzt hat es sich eingependelt.

Wir haben zum Glück nicht allzu viele Strafen für unkorrekten Spielerwechsel kassiert (lacht). Es ist eine Herausforderung, aber ich mag es. Darum geht es doch im Leben: immer wieder herausgefordert zu werden, sich weiter zu entwickeln.

Vermissen Sie eigentlich Ihre Heimat?
Die Schweiz ist ein wunderbares Land, das Essen ist hervorragend. Die Bananen sind gelb statt grün (lacht). Im Winter scheint sogar die Sonne im Gegensatz zu Skelleftea im Norden Schwedens. Nein, ich vermisse hier nichts ausser natürlich meine Familie.

Anfangs hatte der Schwede Mühe, mit den Spielern in einer Fremdsprache zu kommunizieren.

Anfangs hatte der Schwede Mühe, mit den Spielern in einer Fremdsprache zu kommunizieren.

Keystone

Sie haben jahrelang in der schwedischen Provinz, In Skelleftea gearbeitet. Spüren Sie einen Unterschied zur Metropole Zürich, wo der mediale Fokus ungleich grösser ist?
Der grösste Unterschied ist, dass man in einem kleinen Ort wie Skelleftea als Team viel näher beisammen ist und entsprechend mehr gemeinsam unternimmt. Das macht alles etwas einfacher punkto Teambuilding. In einer grossen Stadt wie Zürich verteilen sich die Spieler in alle Himmelsrichtungen.

Nächste Woche beginnen endlich die Playoffs. Wie erleben Sie als Trainer eigentlich diese langatmige Qualifikation, die gerade für ein Spitzenteam wie die ZSC Lions kaum einmal Dramatik birgt?
Ich verstehe die Frage. Aber als Trainer hat man ja immer das grosse Bild im Kopf. Wir müssen dafür sorgen, dass die Mannschaft im entscheidenden Augenblick bereit ist. Dafür müssen wir nicht nur möglichst viele Spiele gewinnen, sondern jeden Tag hart arbeiten. Man darf sich keine Auszeiten erlauben.

Das ist einfacher gesagt als getan.
Ich weiss. Ich habe das als Spieler selber erlebt. Es gibt Tage, an denen man Mühe hat, seine Energie zu finden. Das ist in jedem Job der Welt so. Umso wichtiger ist es auch, dass sich die Spieler gegenseitig pushen.

Wie können Sie Reizpunkte setzen?
Es geht darum, dass die Spieler verstehen, warum wir so hart arbeiten. Aber ehrlich gesagt habe ich meine Mannschaft an keinem Tag so erlebt, dass sie mental nicht bei der Sache gewesen wären.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Teams?
Ja, ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind.

Ihr Captain Mathias Seger machte ja in einer Kolumne im «Tages-Anzeiger» die bemerkenswerte Aussage, dass ein Trainer auch ein wenig ein Gärtner sein muss, der alle empfindlichen Pflänzchen innerhalb des Teams pflegt. Sind sie Sie ein guter Gärtner?
Auch das werden wir nach den Playoffs sehen (lacht). Natürlich brauchte ich eine gewisse Zeit, ehe ich erkannt habe, wie meine Spieler ticken, wie stark die Gegner sind, wie die Liga funktioniert. Das war nicht immer einfach. Aber ich denke, dass ich es inzwischen herausgefunden habe.

Ob Wallson ein guter Gärtner war, wird sich nach den Playoffs herausstellen.

Ob Wallson ein guter Gärtner war, wird sich nach den Playoffs herausstellen.

Keystone

Muss ein Trainer heutzutage mehr Psychologe sein als Lehrer?
Man muss beide Rollen gleich gut beherrschen. Einerseits die Spieler im taktischen Bereich weiterbringen, andererseits auch erkennen, bei welchem Spieler man welche Knöpfe drücken muss.

Aber ist der psychologische Teil in den letzten Jahren grösser geworden?
Ich denke schon. In der NHL arbeiten heute viele Leute, die man eher der Sorte «Players Coach» zuordnet. Mike Sullivan in Pittsburgh oder Jon Cooper in Tampa gehören beispielsweise zu diesem Typus.

Die Zeiten, in denen der Trainer seine Message mehrheitlich schreiend an die Spieler überbrachte, gehören der Vergangenheit an. Wichtig ist heutzutage, dass man den Spielern Sicherheit und Vertrauen gibt, aber bei Bedarf natürlich auch Druck aufsetzen kann.

Seger ging es auch darum, dass es in Zürich zu viele Spieler für zu wenige Rollen gibt. Luca Cunti musste gehen, Mike Künzle und Inti Pestoni wurden zwischenzeitlich aus dem Spielbetrieb rausgenommen. Wie haben Sie das als Trainer empfunden?
Solche harten Entscheidungen gehören zum Trainerjob. Alles was wir tun, tun wir im Interesse des Teams und der Spieler. Das ist in Schweden übrigens nicht anders.

Aber für Schweizer Verhältnisse waren das ungewöhnliche Massnahmen.
Ja, aber letztlich haben sie auch den Spielern genützt. Natürlich waren die beiden nicht glücklich. Aber wir haben ihnen immer gesagt, dass sie ruhig bleiben und sich auf unsere Entscheidung verlassen sollen.

«Alles was wir tun, tun wir im Interesse des Teams und der Spieler.»

«Alles was wir tun, tun wir im Interesse des Teams und der Spieler.»

Keystone

Sie haben die Herausforderung angenommen und spielen jetzt auch wieder. Also waren die Massnahmen richtig. Das sind wir übrigens auch unseren Zuschauern schuldig, die viel Geld zahlen, um ein hart arbeitendes Team zu sehen.

Seger selbst ist ja auch ein spezieller Fall. Captain, Kultspieler – aber sportlich halt nicht mehr so wertvoll. Wie gehen Sie damit um?
Er ist ein fantastischer Captain und Teamplayer. Er macht viele Dinge hinter den Kulissen, die niemand sieht in der Öffentlichkeit. Sein Herzblut für die ZSC Lions ist riesig. Und er will gewinnen. Nur darum geht es. Das ist für mich als Trainer entscheidend.

Sie sind mit Skelleftea zuletzt zweimal im Final gescheitert, nachdem sie vorher zweimal den Titel gewonnen hatten. Würden Sie für eine Finalteilnahme der Lions unterschreiben. Oder zählt für Sie nur der Meistertitel?
Für uns ist klar, dass nur der Meistertitel zählt. Wir sind hier, um zu gewinnen.

Aktuelle Nachrichten