Grosse Ziele
Zimbabwe – ein Land, in dem Handball Hoffnung ist

Der ehemalige Schweizer Handballer Rolf Haussener baut in Zimbabwe eine Nationalmannschaft auf – eine mit grossen Visionen.

Janine Müller
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Handball in Zimbabwe
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Handball in Zimbabwe Rolf Haussener spielte in den 1990er-Jahren in der Nati A für Wacker Thun und in der Schweizer Nationalmannschaft. Hier im Bild gegen Jae Won Kang. Datum unbekannt.
Handball in Zimbabwe Bei seinem ersten offiziellen Besuch in Zimbabwe war er bei einem grossen Juniorenturnier zugegen.
Handball in Zimbabwe Bei diesem Juniorenturnier, das notabene draussen auf staubiger Erde stattfand, merkte er, dass es einige Talente gibt.
Handball auf trockenem Gras und staubiger Erde.   
Handball in Zimbabwe Im Jahr 2017 reiste Rolf Haussener erneut nach Zimbabwe. Diesmal, um ein Trainingscamp mit den aktuellen Nationalmannschaften Zimbabwes durchzuführen.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Das Trainingscamp fand in der einzigen akzeptablen Halle in Harare statt.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Impressionen vom Trainingscamp im Jahr 2017.
Handball in Zimbabwe Die Halle in Harare.
Handball in Zimbabwe Sie hat definitiv schon bessere Zeiten gesehen.
Handball in Zimbabwe Das Dach ist löchrig.
Handball in Zimbabwe Das Dach ist löchrig.

Handball in Zimbabwe

zvg

Livingstone, Sambia, im Jahr 2004. Es ist spätabends. Rolf Haussener sitzt vor dem Flughafengebäude und wartet auf ein Taxi – vergeblich. Die paar anderen Touristen wurden längst abgeholt. Er hat die Zeit vertrödelt, weil er lange mit einem Zöllner lamentierte.

Rolf Haussener befindet sich in einer persönlichen Krise. Er hat genug von seiner Arbeit als Lehrer, spricht im Nachhinein von Anzeichen eines Burnouts.

Statt einer Therapie verordnet er sich selber eine Reise ins südliche Afrika. Eine Entscheidung mit Folgen, wie sich später herausstellen wird. An diesem Abend hat er Glück. Ein Flughafenmitarbeiter erbarmt sich des Touristen und organisiert ihm einen Transport in die gebuchte Unterkunft. Zu diesem Zeitpunkt weiss er nicht, dass er Jahre später so etwas wie Nationaltrainer der Handballer von Zimbabwe wird.

Jährliche Rückkehr

Oberdiessbach, Berner Mittelland, Sommer 2018. Wir treffen Rolf Haussener, ehemaliger Handball-Nationalspieler und zehn Jahre in der NLA bei Wacker Thun tätig, im Restaurant Löwen. Auf der Terrasse ist das Rauschen des Bachs Kiesen zu hören, der nahe Bahnhof wird mit einem neuen Perron ausgestattet. Halbstündlich gibt es hier Verbindungen Richtung Thun oder Solothurn.

Seit 25 Jahren wohnt Rolf Haussener in diesem Dorf. Angestellt ist er als Reallehrer an der Oberstufe. Vor wenigen Wochen ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Zudem ist er 1.-Liga-Trainer der Herren von Herzogenbuchsee. Und dazwischen kümmert er sich um seine Projekte im südlichen Afrika, das er seit jenem Abend im Jahr 2004 jedes Jahr bereist hat.

In diesen Tagen fliegt er erneut nach Harare, in die Hauptstadt von Zimbabwe. Ein fünftägiges Trainingscamp mit den grössten Handballtalenten des Landes steht an. Rolf Haussener wird als Coach tätig sein. Ein Job, zu dem er völlig unerwartet auf einer seiner Reisen gekommen ist.

Ein Präsident, der korrupt ist

2013, in einem Restaurant in der Nähe des Lake Kariba in Zimbabwe. Rolf Haussener entdeckt einen Mann, der das Emblem der Zimbabwe Handball Federation auf seiner Brust trägt. Und weil er sich als Handballer zu erkennen geben will, geht er zum Mann hin, stellt sich vor.

Der Mann ist Amon Mazmawuse, damals Generalsekretär des Verbands, «und korrupt bis unter den Scheitel», wie Haussener später feststellen musste. Doch zu Beginn entwickelt sich eine gute Beziehung zu ihm.

Rolf Haussener

Der heute 52-jährige Rolf Haussener spielte zehn Jahre in der Handball-
Nationalliga A für Wacker Thun (ab 1990) und war Spieler in der Schweizer Nationalmannschaft. Seit 2004 bereist er regelmässig das südliche Afrika. 2008 begann er mit dem Organisieren von Reisen nach Afrika. 2016 startete er sein Engagement im Handballverband von Zimbabwe als Coach. Ebenfalls seit 2016 unterstützt er afrikanische Schuhmacherinnen, indem er auf der Website www.afreakers.ch deren Schuhe anbietet. «Afrika braucht nicht Mitleid, sondern Jobs», sagt er zu seinem Engagement, mit dem er selber kein Geld verdient. Rolf Haussener ist Realschullehrer in Oberdiessbach, wo er mit seinen beiden Töchtern sowie seiner Freundin lebt. (jam)

Mazmawuse begleitet den Schweizer auf eine Tagestour, der Kontakt bleibt im Anschluss bestehen. Zurück in der Schweiz schickt Rolf Haussener Handball-Material nach Zimbabwe. Später folgt eine Einladung.

Haussener nimmt an und besucht ein grosses Junioren-Turnier in Zimbabwe. «Gespielt wurde draussen, auf trockenem Gras und staubiger Erde. In uralten Bussen wurden die Spieler aus dem ganzen Land herangekarrt», erinnert er sich. «Es war sehr eindrücklich, zumal sich zeigte, dass einige wirklich etwas können.»

Während der Einsatz und das Können den Ex-Nationalspieler beeindrucken, erschreckt ihn dagegen die Skrupellosigkeit des Funktionärs Mazmawuse, der ein Sportgeschäft betreibt und sich selber zum Präsidenten des Handballverbands ernannt hat.

«Ein schlimmer Finger», sagt Rolf Haussener. Er muss feststellen, dass das Material aus der Schweiz nicht dort ankommt, wo es eigentlich soll: bei den jungen Spielern. 100 neue Handbälle aus der Schweiz werden aus fadenscheinigen Gründen vom Zoll am Flughafen nicht herausgegeben. Die Bälle landen später im Sportladen des Präsidenten. Doch entmutigen lässt sich Rolf Haussener davon nicht.

Starker Teamgeist

Sommer 2017. Haussener reist erneut nach Harare, wo ein Camp für die aktuellen Nationalteams der Frauen und Männer organisiert wird. Inzwischen wurde der korrupte Präsident abgesetzt, ein junges Team rund um Generalsekretär Edison Chirowodza hat den Handballverband übernommen. Rolf Haussener unterstützt sie tatkräftig dabei. «Die Kommunikation und die Organisation sind hervorragend», sagt er.

In der einzigen Halle weit und breit, mit löchriger Decke, runterhängenden Lautsprechern und einer notdürftig errichteten Tribüne, leitet Rolf Haussener Trainings, gibt seine Erfahrung weiter. «Die Spieler saugen alles auf wie ein Schwamm», sagt er. «Sie freuten sich darüber, dass jemand ernsthaft mit ihnen arbeitet.» Besonders imponiert dem Berner Trainer der Teamgeist. «Nach dem Training haben wir jeweils alle zusammen draussen gesungen und getanzt.»

Warten auf den Weltverband

Nun steht also der dritte Besuch in Harare bevor. Wiederum wird Rolf Haussener ein Trainingscamp leiten. Vorläufig tut er dies noch auf eigene Kosten. Längst hat er gemeinsam mit Felix Rätz, einem Handballfreund und Lektor der International Handball Federation (IHF), einen Antrag gestellt, damit er – Rolf Haussener – ebenfalls als IHF-Lektor anerkannt wird.

Das würde bedeuten, dass die IHF Haussener in seinem Engagement finanziell unterstützen würde. Auch Ulrich Rubeli, Präsident des Schweizerischen Handballverbands, befürwortet dieses Anliegen. Alle drei warten seit rund einem halben Jahr auf eine Antwort.

Handball auf trockenem Gras und staubiger Erde.   

Handball auf trockenem Gras und staubiger Erde.   

zvg

Rubeli unterstützt Haussener auch sonst. Geplant ist, dass zimbabwische Spieler bei Handballklubs in der Schweiz mittrainieren können, um dieses Wissen dann weiterzugeben. Die aktuellen zimbabwischen Nationalspieler sollen die zukünftigen Trainer werden, «da es für sie schon zu spät ist, wirklich gut zu werden», wie Rolf Haussener sagt. «Sie sollen in die Schweiz kommen, um zu lernen.»

Spruchreif sei aber zwar noch nichts, sagt Rubeli. Dass sich der Schweizerische Verband in der Handballförderung einsetze, sei aber eine Tradition.

Unterstützung erhält Rolf Haussener auch von einem ehemaligen Nati-Kollegen. Beat Rellstab, der heute einen Handball-Shop betreibt, hat Material für das Camp gespendet.
In Rolf Haussener setzen die Zimbabwer grosse Hoffnung. Das Handball-Projekt nennen sie «Vision 2024». Das Ziel – oder vielleicht besser – der Traum: Zimbabwe soll an den Olympischen Spielen 2024 teilnehmen.

«Handball hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich war zwar nie Profi, durfte aber auf hohem Niveau spielen. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben.»

Rolf Haussener, Handball-Trainer

Haussener nennt das utopisch, will aber für 2024 eine «möglichst schlagkräftige Nati aufbauen». Der zimbabwische Handballverband wird zurzeit nicht einmal in der Weltrangliste der Männer aufgeführt. Immerhin: Die politischen Unruhen rund um den Sturz des ehemaligen Staats-Präsidenten Robert Mugabe konnten der Handball-Förderung bis anhin nichts anhaben. Haussener sagt: «Wir wollen eine für afrikanische Verhältnisse gute Nati aufbauen.»

Die Mentalität des Ausprobierens

Sein Wissen gibt der Schweizer sehr gerne weiter. Nicht, weil er sich profilieren will, sondern weil er findet, dass dies normal sein sollte. «Handball hat mich mein ganzes Leben begleitet», sagt Haussener.

«Ich war zwar nie Profi, durfte aber auf hohem Niveau spielen. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben». Zudem liege ihm das südliche Afrika am Herzen. Und: «Mir liegt die Mentalität des Ausprobierens. Da gehört hin und wieder auch das Scheitern dazu.» Er ist überzeugt, dass es nichts bringe, einfach nur finanzielle Hilfe für Projekt in Afrika zu leisten. Viel hilfreicher sei das Weitergeben von Wissen und Erfahrung.

Rolf Haussener hofft, dass er dereinst bei den All African Games auf der Bank der zimbabwischen Nationalmannschaft sitzen wird. Vielleicht sogar als Trainer. Dass ihm das einmal passieren würde, hätte er 2004 niemals nur erahnt.

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