1. Mittendrin statt nur dabei

Der Engadin Skimarathon, im Volksmund einfach «Engadiner» genannt, ist Kult. Der Anlass ist eine Institution und eine feste Grösse im Sportkalender. Wie der Riesenslalom in Adelboden, die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen oder der Spengler-Cup in Davos. Der Unterschied zu andern Wintersport-Klassikern hierzulande: Beim Engadiner kann jeder mitmachen und ist so mittendrin statt nur dabei.

2. Im Windschatten von Cologna

Die Teilnahme ist auch deshalb reizvoll, weil mit Dario Cologna der beste Schweizer Langläufer der Geschichte denselben Parcours absolviert. Allein die Präsenz des Aushängeschilds des Langlaufs verleiht dem Anlass eine hübsche Portion Sexappeal. Wo sonst können sich Hobby-Sportler direkt mit einem dreifachen Olympiasieger messen?

3. Pflicht für Hobby-Läufer

Der Engadiner ist der traditionsreichste und mit Abstand grösste Langlauf-Event hierzulande. «Wer sich Langläufer nennen will», so lautet ein ungeschriebenes Gesetz, «muss mindestens einmal den Engadiner bewältigt haben.» Tausende Läuferinnen und Läufer nehmen die 42,195 Kilometer von Maloja nach S-chanf Jahr für Jahr mit breiter Brust unter die schmalen Latten. 15 Unermüdliche haben – seit der ersten Austragung 1969 – sogar sämtliche Läufe absolviert. «Langläufer leben länger», lautet ein alter Leitspruch. Er hat offenbar noch immer Gültigkeit.

4. Schöne und schnelle Strecke

Kein Wunder, leben sie länger: Der Engadiner führt – inmitten einer malerischen Bergkulisse – durch eines der schönsten Hochtäler der Welt und macht sich dabei die zugefrorenen Seen im Oberengadin zunutze. Spitzenläufer jagen da mit mehr als 30 km/h über die eisige Unterlage.

Hier fühlt sich nicht nur Cologna als Überflieger. Und noch ein Vorteil: Beim Engadiner geht es, auch wenn sich dies zuweilen anders anfühlt, mehr bergab als bergauf. Der Start in Maloja liegt auf 1820 m, das Ziel in S-chanf auf 1670 m. Das ergibt sozusagen 150 m freier Fall – mit einigen Fallen, versteht sich.

5. Abfahrt im Stazerwald

Spektakulärster Streckenabschnitt ist die Abfahrt im Stazerwald. Vor allem für die Zuschauer. Und vor allem dann, wenn sich die weniger Geübten, also die Volksläufer unter den Volksläufern, bei schwierigeren Verhältnissen beherzt auf die Abfahrt wagen und schliesslich Abflüge zelebrieren, die sich nur schwerlich nachzeichnen liessen. Nirgendwo anders lässt sich Schadenfreude so schön und ungestraft ausleben wie im Stazerwald. Tipp: Die Kamera mitnehmen.

6. Prominente Mitläufer

In keinem anderen Rennen ist die Schweizer Regierung so prominent vertreten wie beim Engadiner: Alt-Bundesrat Adolf Ogi hat bereits das Abzeichen für 15 Teilnahmen an sein Revers geheftet. Ueli Maurer wäre noch weit öfters gestartet, wenn sich der Muskelkater vom 90 km langen Vasalauf, der meist eine Woche vor dem Engadiner stattfindet, nicht traditionell hartnäckig in seine Gebeine gebissen hätte. Und selbst Johann SchneiderAmmann hat schon mehrfach bewiesen, dass er sich auf Langlaufski sicherer fühlt als vor Mikrofonen.

Auf der Startliste stehen heuer auch wieder zahlreiche ehemalige Sportgrössen. Unter ihnen Ariella Kaeslin, die dreifache Schweizer «Sportlerin des Jahres», der ehemalige Radstar Franco Marvulli und der Marathon-Europameister von 2010, Viktor Röthlin. Für ambitioniertere Hobby-Läufer bietet sich am Engadiner also die Chance, in einem offiziellen Marathon schneller zu sein als der zweitschnellste Schweizer Langstreckenläufer der Geschichte. Oder noch frecher: ihn während des Rennens zu überholen. Vorzugsweise wählt man dafür einen der Fotografen-Plätze …

7. Volkslauf für Jung und Alt

Der Engadin Skimarathon wird dem Attribut Volkslauf noch vollauf gerecht. Der Unterschied zwischen den jüngsten und den ältesten Teilnehmern beträgt mehr als 70 Jahre. Keine Schweizer Sportveranstaltung vereinigt im selben Rennen so viele Generationen, keine so viele Junggebliebene. Ein Indiz dafür: Die ältesten Startenden feiern in diesem Jahr ihren 91. Geburtstag.

8. Kostüm-Festival

Nebenher blüht im Schnee die Fasnacht nochmals auf. Immer mehr Volksläufer stürzen sich in verrückte Kostüme und gestalten das farbige Bild des riesigen Tatzelwurmes damit noch bunter. Der Spass läuft mit – zur Freude der Schaulustigen und der Schausteller.

9. Garantiertes Ansehen

Der Engadiner hat für Volksläufer Prestigewert. Kaum eine Rangliste eines nationalen Sportevents wird derart verbreitet. In früheren Jahren wurden die Resultate noch vollumfänglich in Printmedien publiziert, Rang um Rang, Name um Name. Zehntausend waren es schon im Jahr 1976! Selbst in der Online-Ära publizieren Zeitungen noch immer seitenweise Resultat-Auszüge ihrer Lokalmatadoren. Der Skimarathon schafft Ansehen. Für viele Hobby-Sportler ist der Engadiner der wichtigste Wettkampf – Jahr für Jahr.

10. Schweizer für Schweizer

Zwar bemüht sich die Region gezielt um ausländische Gäste. Mittlerweile nehmen Läufer aus 63 Nationen teil. Doch der Engadiner ist ein Schweizer Anlass für Schweizer. Aus allen 26 Kantonen strömen die Lauflustigen ins Hochtal. 70 Prozent der Startenden haben den Schweizer Pass. Exoten aus Mexiko, Brasilien, Griechenland, Indien, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten wagen sich allerdings vermehrt auf die schmalen Latten. Und auch sie dürften am Sonntagabend zu den Siegern zählen – sofern sie die Abfahrt im berühmt-berüchtigten Stazerwald heil überstehen.