Man glaubt, nicht richtig zu hören. Verteidiger Scott Sutter sagt: «Wir haben es im grossen Ganzen gut gemacht. Der Trainer hat gesagt, er sei stolz auf uns.» Goalie Yvon Mvogo meint: «Wir haben super verteidigt, das war Teamarbeit.» Und der wiederholt schwindlig gespielte Innenverteidiger Alain Rochat schwindelt: «Es hat Spass gemacht, auf diesem Niveau zu spielen.»

Wenn der Spruch «Selbstkritik ist der erste Schritt zur Besserung» stimmt, dann wird es schwer für die Young Boys. Was hilft es, eine desolate Leistung derart schönzureden? Denn nichts anderes als desolat war der Auftritt der Berner bei ihrer 0:2-Niederlage in Lemberg gegen Schachtar Donezk. Mit Ausnahme der Startviertelstunde, als YB frech nach vorne spielte und ein paar Schwächen in der Donezker Abwehr offenlegte, wurde dieses Hinspiel der 3. Qualifikationsrunde zur Champions League zu einer einzigen Abwehrschlacht der Schweizer Gäste. Die sehr an das Champions-League-Spiel des FC Basel im November 2008 erinnerte, als dieser bei der 0:5-Schlappe in Donezk regelrecht vorgeführt worden war. Das Glück der Berner war einzig, dass der Schiedsrichter ein reguläres Tor der Ukrainer nicht gab, Schachtar beste Torchancen versiebte und Goalie Mvogo Schlimmeres verhinderte.

Miserable B-Abwehr

Zu sagen, es sei eben Pech gewesen, nach dem Platzverweis gegen Milan Vilotic ab der 55. Minute in Unterzahl gegen diesen Klassegegner spielen zu müssen, trifft den Nagel nicht auf den Kopf. Zum einen war YB schon in den vierzig Minuten zuvor vom Tempospiel der Gastgeber überfordert worden, zum anderen die Dezimierung hausgemacht. Nachdem der bereits verwarnte Vilotic nach einem Ellbogenschlag gegen Eduardo schon vor der Pause die gelb-rote Karte hätte sehen müssen, verpasste es Trainer Adi Hütter, den Verteidiger durch Gregory Wüthrich zu ersetzen. Dass dieser eine Verletzungspause hinter sich hat, ist kein Argument, den überforderten Vilotic auf dem Platz zu lassen; auch dann nicht, wenn Hütter damit geliebäugelt haben sollte, Wüthrich für den schwachen Rochat einzuwechseln. «Nach dem Ausschluss war es ein Kampf mit ungleichen Waffen», sagte Hütter. Nicht aber, dass er mit seinem Fauxpas selber dafür gesorgt hatte.

Nur eine Woche, nachdem Sportchef Fredy Bickel eingeräumt hatte, das 27-köpfige YB-Kader habe nicht die qualitative Breite wie jenes der Basler, musste er sich bestätigt sehen. Geht man davon aus, dass die YB-Abwehr bei Bestbesetzung von Florent Hadergjonaj, Wüthrich, Steve von Bergen und Loris Benito gebildet wird, in Lemberg aus verschiedenen Gründen aber mit Sutter, Vilotic, Rochat und Jan Lecjaks auflief und diese B-Abwehr miserabel aussah, dann zeigt dies, dass YB noch lange nicht so weit ist, wie es wohl selber geglaubt hat. Dass die Qualität gegen ein harmloses St. Gallen trotz eines in die Jahre gekommenen Back-ups wie Rochat zu einem ungefährdeten 2:0-Sieg reicht, bedeutet noch lange nicht, dass sie auf internationaler Stufe oder im Super-League-Duell mit Basel genügt.

Ein Abend, der Grenzen aufzeigt

Es war ein Abend, an dem den Bernern schonungslos die Grenzen aufgezeigt wurden. Ironischerweise von einem Gegner, der dieselben Tugenden pflegt, die YB propagiert: Rasanter Tempofussball, blitzartiges Umschaltspiel. Damit aber nicht genug: In Lemberg, wo Sékou Sanogo als einziger Feldspieler mit den Donezkern mithielt, kam noch die Knieverletzung von Stürmer Alexander Gerndt dazu, die so gravierend ist, dass YB nun dem Japaner Yuya Kubo die Freigabe für die Olympischen Spiele verweigerte und dessen Traum von Rio platzen liess.

Bei YB ist früh in der Saison grosse Ernüchterung eingekehrt. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. «Wir haben zu Hause Prag und Napoli 2:0 geschlagen. Es wird für Donezk am Mittwoch kein Genuss, in unserem Stadion zu spielen», sagte Rochat tapfer. Es klang wie das berühmte Pfeifen im dunklen Walde. Natürlich, ein 0:2 ist grundsätzlich immer aufzuholen. Nach dem am Dienstagabend Gesehenen müsste aber ein Fussballwunder geschehen, sollte es YB in die Playoffs schaffen.