Super League
YB-Shootingstar Renato Steffen singt gegen das falsche Bild an

Unter der harten Schale des YB-Spielers Renato Steffen verbirgt sich ein weicher Kern. Wenn schlecht über ihn geredet wird, geht das dem 24-Jährigen sehr nah. Mit dem Singen von Balladen kann sich der Flügelstürmer wieder beruhigen.

Markus Brütsch, Bern
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Renato Steffen
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Renato Steffen ist Nationalspieler. Gegen San Marino feierte er sein Debüt.
Präsident Werner Müller (l.) und YB-Trainer Adi Hütter feiern mit Torschütze Renato Steffen den Sieg in Thun.
Renato Steffen ist der Matchwinner für YB beim Heimspiel gegen Basel.
Renato Steffen ist dank seiner Schnelligkeit oft nur mit Fouls zu stoppen (hier von Basels Adama Traoré).

Renato Steffen

KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Neulich hat Renato Steffen bei seiner Gesangslehrerin angeklopft, ob er nicht wieder Unterricht nehmen könne. Drei Jahre lang hatte er sich einst bei ihr ausbilden lassen. «Ich singe fürs Leben gern», sagt Steffen. Ob allein zu Hause, mit Teamkollege Guillaume Hoarau im Duett oder mit Kollegen im Auto, gesungen wird oft. Aber nicht Lieder wie «Piraten wie wir» von Schlagersängerin Andrea Berg, wie Steffens Pullover vielleicht weismachen könnte. «Am liebsten singe ich Balladen wie ‹All of me› von John Legend», sagt der schnelle Flügelstürmer der Young Boys.

«Etwas Trash-talk gehört eben auch dazu»

Wer nun geglaubt hätte, der tätowierte junge Mann wäre eher dem Heavy Metal zugeneigt denn gefühlvollen Songs, sieht sich getäuscht. Überhaupt: Wer mit dem 24-Jährigen spricht, erhält nicht den Eindruck, er unterhalte sich mit einem Flegel.

Natürlich, Steffen hat sich wüste Duelle mit dem Thuner Denis Hediger und dem Basler Taulant Xhaka geliefert und sich den Ruf eines Provokateurs erworben. Ein schmutziger Spieler, der den Gegner verletzen will, ist er allerdings nicht. «Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich gewinnen. Dafür tue ich alles», sagt Steffen. «Dazu gehört eben auch etwas Trash-talk.» Dass er damit Gefahr läuft, auch mal eine Ohrfeige zu kassieren, damit muss er leben. «Mit Xhaka habe ich mich ausgesprochen. Heute können wir über solche Dinge lachen», sagt Steffen.

Das Bad-Boy-Image beschäftigt ihn

Nun ist es aber nicht so, dass der Erlinsbacher bewusst an seinem Image bastelt, er extravagant sein möchte wie sein früheres Vorbild David Beckham. «Ich habe ihm nachgeeifert wegen seiner fussballerischen Qualitäten», sagt Steffen. Wenn er auf seine aktuelle Form zu sprechen kommt, wird deutlich, welch weicher Kern sich bei ihm unter der harten Schale verbirgt. «Ich erwarte mehr von mir, als ich gegenwärtig zeige», sagt Steffen. «Aber Fragen wie die nach meiner Zukunft oder Vorfälle wie mit Xhaka gehen nicht spurlos an mir vorbei.»

Steffen denkt durchaus darüber nach, weshalb er von vielen als einer der Bad Boys der Liga betrachtet wird. «Das lässt mich nicht kalt», sagt Steffen. Dann singt er manchmal ein Lied, und es geht ihm wieder besser. «Aber es ist wohl so: Entweder man liebt mich oder man hasst mich», sagt Steffen.

Wie lange noch in der Hauptstadt?

Nicht aber in der Schulklasse, in der er kürzlich zu Besuch war. Da liebten ihn alle. «Die Schüler hatten Freude. Ich hatte Freude», sagt Steffen. Aber natürlich wollten auch die Kids von ihm wissen, ob er denn bei YB bleibe. «Angebote sind sicher vorhanden – nicht nur von Basel, sondern auch von ausländischen Clubs», sagte Steffen.

Er ist in der Zwickmühle. YB möchte, dass er den Vertrag verlängert, um eine satte Ablösesumme zu kassieren. «Die Verhandlungen sind schwierig», sagt Steffen, der auch noch seine EM-Chance in Betracht ziehen muss. Im Oktober hat er beim 7:0 gegen San Marino sein Debüt gegeben. «Immerhin mit einem Assist», sagt Steffen.

Er weiss, wenn er bei YB bleibt, hat er Spielpraxis, was Nationalcoach Vladimir Petkovic gefällt. «Andererseits würde ich eh nur zu einem Klub wechseln, bei dem ich mir gute Chancen ausrechne, auch zu spielen.» Er sagt, die Premier League würde zu ihm passen wie auch die Bundesliga. Auch Basel – nur sagt er dies nicht; ausser vielleicht zu Kindern.

«Ich werde mich ganz sicher nicht verbiegen»

Steffen ist stolz auf seine Tellerwäscherkarriere. Auf den «märchenhaften Aufstieg vom Regionalkicker zur Super-League-Grösse» («Berner Zeitung»). Aber er ist auch demütig. Die mysteriöse Krankheit im August hat ihm gezeigt, wie schnell alles vorbei sein könnte. Und als Maler hat er hart genug gearbeitet, um zu wissen, welch privilegiertes Leben als Profi er nun führt.

Steffen zählt zu den aussterbenden Typen von Fussballern mit Ecken und Kanten, die beim Reden nicht nur Floskeln benützen. «Ich werde mich ganz sicher nicht verbiegen», verspricht Steffen. «Ich habe im Fussball etwas erreicht, weil ich einen starken Charakter habe.»

Dass er vom Magazin «Rockstar» im Kandidatenkreis für den Preis des «nervigsten Schweizers» steht, nimmt er mit Humor. Immerhin ist er in der Gesellschaft von Sepp Blatter und Vitus Huonder. «Annehmen würde ich den Award schon», sagt Steffen, «vielleicht aber nicht persönlich abholen.»

Der ewige YB-Kreis: Erst siegen, dann die Genügsamkeit

Die Parallelen sind offensichtlich. Und ziemlich erstaunlich. Als Uli Forte im Sommer 2013 YB als Trainer übernahm, feierte er sogleich sechs Siege in Serie. Danach aber verpasste YB in der Meisterschaft sieben Mal hintereinander einen Sieg. Nun muss der neue Trainer Adi Hütter genau die gleiche Erfahrung machen. Nach einem überragenden Start mit fünf Siegen aus fünf Spielen ist in Bern längst wieder Ernüchterung eingekehrt. Sechs Mal hat YB unter Hütter mittlerweile nicht mehr gewonnen. Der Abstand auf Leader Basel beträgt ernüchternde 12 Punkte. Der Meistertitel ist so wieder einmal frühzeitig in weite Ferne gerückt. Noch schlimmer: Mit der Heimniederlage gegen den FC Zürich im Cup-Achtelfinal wurde auch die mutmasslich letzte Chance auf einen Titel in dieser Saison verspielt. Zu Beginn seiner Amtszeit hat Hütter etwas pikiert reagiert auf Fragen zur YB-Mentalität. Gestern jedoch sagte er: «Mir ist bei einigen eine gewisse Selbstzufriedenheit aufgefallen. Das stört mich. Wenn ich fünf Mal hintereinander gewinne, will ich unbedingt ein sechstes, siebtes oder achtes Mal gewinnen. Diesen unbändigen Willen habe ich nicht bei jedem Spieler festgestellt.» Die Genügsamkeit irritiert Hütter offensichtlich. Er weist aber darauf hin, dass eine solche Veränderung der Mentalität nicht in wenigen Wochen herbeigeführt werden kann. Zudem findet Hütter: «Es ist im Fussball ganz grundsätzlich so, dass es nur sehr wenige Spieler gibt, die nach einem Rückschlag das Ruder herumreissen können.» Bei YB fehlen solche besonders offensichtlich. (ewu)

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