Die Niederlage abgehakt? Von wegen. Am späten Dienstagabend, vier Tage nach dem 0:2 im Brügglifeld hat Xamax-Präsident Christian Binggeli immer noch schlechte Laune. Seinen Frust lässt er an Aarau-Verteidiger Stéphane Besle aus. "Ex-Xamaxien im Interview klar im Abseits" lautet die Überschrift über dem Artikel auf der Xamax-Homepage, in dem Binggeli zu Wort kommt und Besle in mehrfacher Hinsicht attackiert: 

Christian Binggeli neben dem Xamax-Logo.

Christian Binggeli neben dem Xamax-Logo.

Der Mörder-Vorwurf

Im ersten Abschnitt bezeichnet Binggeli Besle als "Mörder". Hintergrund: Besles Foul in der 5. Minute gegen den Ex-Aarauer Geoffrey Tréand. Besle springe nur auf Tréands Schienbein, nicht auf den Ball.

Die "AZ" meint: Klar, das Foul von Besle ist sehr hart. Wäre es nicht schon in der 5. Minute, sondern im späteren Spiel passiert, Schiedsrichter Erlachner hätte wohl Rot statt nur Gelb gegeben. Trotzdem: Es ist keine Aktion, die in einer Saison ihresgleichen sucht. Von daher ist Binggelis eh schon völlig deplatzierte Wortwahl (Mörder!) noch unverständlicher.

Der angebliche Provokateur

Erst mal in Rage geredet, legt Binggeli nach. Er habe von seinen Spielern gehört, dass Besle während der ganzen Partie auf sie eingeredet habe. "Wir sind hier, um euren Aufstieg zu verhindern", soll Besle pausenlos gesagt haben. Die "Rot-Schwarzen", so Binggeli, hätten sich aber nicht provozieren lassen.

Die "AZ" meint: Ein Vorwurf, der sich nicht beweisen lässt. Aber auch wenn es so gewesen ist: Verbale Provokationen, sogenannter Trashtalk, gehören auf dem Fussballplatz einfach dazu. Speziell Besle ist kein Kind von Traurigkeit und kennt alle Tricks, den Gegner zu verunsichern. Aber in den erwähnten Worten ist nichts Boshaftes zu erkennen, unter die Gürtellinie geht Besle nicht.

Der Aufruf zum Foulen

Nächster Vorwurf von Binggeli: Besle rufe zur Gewalt auf dem Fussballplatz auf. Indem er in einem Interview im Teleclub nach dem Schlusspfiff sagte: "Tréand braucht das, ein paar Gemeinheiten zu Spielbeginn, dann kommt er nicht in Fahrt. Das hat heute gut funktioniert. Das ist ein guter Trick für die nächsten Verteidiger, die gegen ihn spielen."

Die "AZ" meint: Mit diesen Aussagen geht Besle in der Tat zu weit. Andere Spieler zu ermuntern, Tréand gleich zu Beginn einer Partie hart zu foulen, ist nicht akzeptabel. 

Der Schritt über die Rote Linie

Am Ende des Rundumschlags wird Binggeli persönlich, mehr noch: Der Xamax-Präsi "dräckelet" gegen Besle. Er sagt, Besles Verhalten sei schändlich für einen zukünftigen Polizisten. Besle habe sich nicht entschuldigt für sein Verhalten - weder für das Foul noch für das Interview nach Spielschluss. Für den Kanton Neuenburg, wo Besle ab Januar die Polizei-Schule besucht, sei das nicht beunruhigend; aber vielleicht würden die Menschen jetzt verstehen, warum Xamax Besle auf keinen Fall mehr genommen habe.

Hintergrund: Besle sagte am Montagabend im Teleclub, er habe Xamax im Sommer 2016 angefragt, ob die Neuenburger ihn zurückhaben möchten. Die Klubleitung habe ihm aber aus "nebulösen" Gründen abgesagt. Weiter ins Detail geht Besle nicht.

Die "AZ" meint: Was zwischen Besle und Xamax im vergangenen Jahr gelaufen ist, ist ein anderer Schauplatz. Und Besle's Verhalten auf dem Fussballplatz auf sein künftiges Polizistenleben zu projizieren, ist ein Schritt über die rote Linie. Ganz einfach schlechter Stil und eines Präsidenten unwürdig. Vor allem unwürdig für Binggeli, der sich unmittelbar nach dem Spiel am Freitagabend noch als Ehrenmann ausgab: Der Xamax-Präsident intervenierte gegen die Rote Karte für Pietro di Nardo, der wegen des Wurfs einer Trinkflasche von der Ersatzbank aus vom Schiedsrichter bestraft wurde. Als Binggeli erfuhr, dass nicht Di Nardo, sondern Raphael Nuzzolo die Flasche geworfen habe, meldete er dies der Liga und forderte diese auf, Nuzzolo zu bestrafen. Dies im Wissen, dass Nuzzolo sein Captain und wichtigster Spieler ist. Binggeli damals: "Ich bin gegen Ungerechtigkeit und finde jeder muss Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Auch wenn das in diesem Fall bedeutet, dass uns einer der wichtigsten Spieler fehlen wird."

Die Reaktion von Besle

Was sagt Stéphane Besle zum Frontalangriff aus Neuenburg? "Lieber nichts", so seine Antwort zur "AZ"  nach dem Mittwochstraining. Er lässt zwar noch durchblicken, dass er das nicht auf sich sitzen lassen würde und die Anwälte eingeschaltet seien - dann verschwindet er in der Kabine. 

Einst herrschte zwischen Xamax und Besle die grosse Liebe (2005 - 2012) - nun wirds schmutzig. Die Fortsetzung in dieser unschönen Story folgt.