Gschobe #1

Wo ist eigentlich Stan?

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

François: Kommt Flavio?

Pius: Nein, der Rücken.

François: Verständlich, jassen geht grausam in den Rücken.

Pius: Er kann nicht lange sitzen.

David: Wie Roger Federer.

Tobias: Wieso?

David: Er hat’s ja auch im Rücken und ist lieber fünf statt drei Sätze auf den Beinen.

François: Wir könnten im Stehen jassen.

Tobias: Oder im Stehen Federer gucken.

Pius: Aus Solidarität? Cool. Eine Aktion für den Rücken der Nation. Ich bin dabei. Stell dir vor, Federer spielt und das ganze Stadion, ja die ganze Nation, ja die ganze Welt steht.

François: Steht auf, wenn ihr Fedi schaut, steht auf, wenn ihr Fedi schaut ...

Tobias: Quatsch. Es gibt keinen Rücken der Nation.

David: Wieso nicht? Es gibt ja auch ein Knie der Nation.

Pius: Ja klar, unter dem Zirkuszelt.

David: Quatsch, Pirmin Zurbriggen. 1985. Er verletzt sich in Kitzbühel, nur wenige Wochen vor der WM in Bormio. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Und die ganze Nation bangt um das Knie der Nation.

François: Skifahren ist im Vergleich zu Tennis halt Teil unserer DNA.

Tobias: Alles Quatsch. Ihr wollt doch nicht etwa Federer mit Zurbriggen vergleichen? Das grenzt beinahe an Blasphemie. Federer ist der Grösste aller Zeiten.

David: Gemach, gemach. Zurbriggen chattet mit Gott.

Pius: Oder sind Federers Rückenprobleme gar nicht so gravierend? Mit kaputtem Rücken sind seine Siege noch heldenhafter.

Tobias: Ihr seid doch echte Pappnasen.

Pius: Ich mein ja nur. Könnte doch sein.

Tobias: Blödsinn. Federer ist eine Legende. Der braucht keine Rückprobleme. Aus Zurbriggen hingegen musste man einen Helden machen.

David: Du willst damit doch etwa nicht behaupten, dass Zurbriggen damals gar nicht verletzt war?

Gequält zeigte sich Stan Wawrinka beim Grand-Slam-Turnier von Wimbledon

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Tobias: Wer weiss?

François: Gab es zu Zurbriggens Zeiten überhaupt schon Fake News?

Pius: Das wird mir jetzt zu absurd.

David: Mir auch. Federer ist unser Held, auch wenn er ’s im Rücken hat.

Pius: Einverstanden.

David: Aber was, wenn er irgendwann doch zurücktreten muss?

François: Dann machen wir ihn zum UNO-Botschafter des Friedens. Die Welt braucht Roger. Mit oder ohne Tennis-Racket.

Pius: Und wir haben ja noch Stan «the man» Wawrinka.

Tobias: Oh je.

David: Wo ist eigentlich Stan?

Pius: Keine Ahnung. Müsste der jetzt nicht auch in New York sein?

David: Wahrscheinlich schon. Oder ist er schon raus?

Pius: Ich google mal ... Ah, Stan ist verletzt.

David: Wo?

Tobias: Am Knie.

François: Blöd. Knie der Nation ist schon besetzt.

Pius: Dann machen wir halt aus Stan das linke Knie der Nation.

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