Liga-Entwicklung
Wo die höchste Schweizer Fussballliga der Frauen im Sommer 2016 steht

Seit Martina Voss-Tecklenburg das Nationalteam übernommen hat, ist einiges gegangen im Schweizer Frauenfussball. Das Interesse, das sich die Landesauswahl erspielt hat, konnte aber nicht in die heimische Liga transportiert werden. Auch, weil sie in einem Teufelskreis steckt.

Calvin Stettler
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Margaux Kalberer (2. v. r.) traf sich mit Spielerinnen und Funktionären aller NLA-Klubs im Haus des Schweizer Fussballs in Bern. EQ IMAGES

Margaux Kalberer (2. v. r.) traf sich mit Spielerinnen und Funktionären aller NLA-Klubs im Haus des Schweizer Fussballs in Bern. EQ IMAGES

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Zu viel wurde es Margaux Kalberer noch nie. Obwohl sie dieses Leben mit Doppelbelastung schon lange führt. 25-jährig ist sie und spielt Fussball bei den Grasshoppers in der Nationalliga A, der höchsten Schweizer Spielklasse. Davon leben kann sie nicht. Wie alle in dieser Liga. Erträge hat Kalberer keine, nur Ausgaben. Darum arbeitet sie nebenbei. Als Polizistin. Ihr Pensum: 100 Prozent. Sie mache halt alles, um Fussball spielen zu können, sagt sie lapidar. Der Antrieb ist bei allen 23 000 in der Schweiz lizenzierten Spielerinnen derselbe: die Passion für den Fussball.

Lukrative Liga für ausländische Späher

Am Samstag startet Kalberer mit GC in die neue Saison. In einer Liga, in der das NLA-Etikett Falsches suggeriert. Noch immer besitzt keine Spielerin in einem der zehn Teams einen Profivertrag. Noch immer bewegt sich die Liga in der Nische, ringt um Geld und Anerkennung. Das Interesse am Schweizer Frauenfussball, das sich die Nationalmannschaft im vergangenen Sommer an der WM in Kanada erspielte, konnte nicht in die heimische Liga transportiert werden. Auch, weil die Spielerinnen mit Renommee im Ausland tätig sind. Und der FC Zürich, das weibliche Pendant zum FC Basel in der Super League, seit fünf Jahren auf einen Konkurrenten wartet, der fähig ist, ihm den Meistertitel streitig zu machen.

Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg spricht von einer Liga, die in einer Entwicklung steckt. Für diese sei es aber eine Auszeichnung, dass Top-Klubs schon jetzt in die Schweiz kommen, um nach Spielerinnen zu scouten. Lukrativ ist die Schweizer Liga für ausländische Späher auch, weil man den Vereinen für Spielerinnen mit Amateurstatus keine Ablöse zahlen muss. Noch haben Schweizer Klubs wenig Argumente, um eine Spielerin halten zu können. «Wir können ihnen nichts bieten», sagt Alain Sutter, Sportchef der GC-Frauen. Mittels durchdachter Trainerbesetzungen will er wenigstens ein geeignetes Umfeld bieten können. Was aber alles andere als einfach ist, mangelt es doch an gut ausgebildeten Trainern und tatkräftigen Funktionären.

Die Auferstehung der Frauen

Seit Martina Voss-Tecklenburg im Februar 2012 das Schweizer Nationalteam übernommen hat, ist aber einiges gegangen. WM-Teilnahme 2015, EM-Teilnahme 2017. Mit ihrer zugänglichen Art ist die 48-jährige Deutsche zum Kopf des modernen Frauenfussballs in der Schweiz geworden. Dass sie nicht alleine für die Auferstehung des Frauenfussballs verantwortlich ist, versteht sich von selbst. Ausgerechnet jene NLA-Klubs, denen gerne fehlende Qualität im Kader nachgesagt wird, bildeten diese Spielerinnen aus, die heute im Nationaldress begeistern. Noch befindet sich die NLA aber im Teufelskreis. Weil kein Geld vorhanden ist, um professioneller zu werden, kann die Liga nicht attraktiver werden, was der Aufmerksamkeit nicht förderlich ist. Die fehlende Beachtung lässt Sponsoren wiederum von einem Einstieg absehen. Dass der Frauenfussball in absehbarer Zeit aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann, ist unwahrscheinlich.

«Ausser», so Voss-Tecklenburg, «wir erhalten Unterstützung aus der Wirtschaft.» Der Nationaltrainerin schwebt ein grosses Unternehmen vor, das bereit wäre, den Frauenfussball zu fördern. Attraktivitätssteigernd soll auch die Reduktion der Liga von zehn auf acht Mannschaften sein. Diese tritt aber erst nächsten Sommer in Kraft. Die Doppelbelastung wird Margaux Kalberer jedenfalls nicht so schnell los. Wenn die Saisonouvertüre am Samstag gegen Staad angepfiffen wird, beginnt eigentlich ihr Nachtdienst bei der Polizei. Sie wird später kommen. Wie immer.

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