WM-Halbfinale

Vor dem Brasilien-Spiel: Jogi Löw lässt Besserwisser einfach links liegen

Der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw hat den Durchblick: Seine taktischen Entscheidungen basieren auf Fakten und sind nachvollziehbar.KEYSTONE

Der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw hat den Durchblick: Seine taktischen Entscheidungen basieren auf Fakten und sind nachvollziehbar.KEYSTONE

Joachim Löw lässt Deutschland pragmatischer spielen und will so im WM-Halbfinal Brasilien schlagen. Er lässt sich dabei von polemischen Medienschelten oder Besserwissern nicht beirren.

Vermutlich hat Joachim Löw ja gar nicht so viel mitbekommen von dem, was ihm in den letzten Tagen und Wochen alles an den Kopf geschmissen worden ist. Wenn EM oder WM ist, dann blendet der Bundestrainer nämlich aus, was ihn in seiner Konzentration auf die Arbeit stören könnte. Besserwissende Kommentare von Altstars gehören genauso dazu wie polemische Medienschelten.

Etwa in dieser Art: «Jogis Dickkopf gefährdet deutschen Erfolg.» Oder: «Was jeder Laienbundestrainer sieht, will Jogi nicht wahrhaben.» Und: «So rumpelt uns Löw ins Viertelfinale.» Immer wieder ist dem 54-Jährigen auch ein Wort an den Kopf geworfen worden, das niemand gerne hört: stur. Das Synonym für verbohrt, unbelehrbar, rechthaberisch und uneinsichtig.

Zumindest bis zum gewonnenen Viertelfinal gegen Frankreich und ein paar Personalumstellungen ist Löw für viele Deutsche ein sturer Hund gewesen. Im Mittelpunkt stand in erster Linie das Unverständnis darüber, dass der Coach seinen Captain Philipp Lahm im defensiven Mittelfeld statt auf der angestammten Position als Aussenverteidiger eingesetzt hatte. Stattdessen aber die Abwehr mit vier gelernten Innenverteidigern formierte.

Eine Frage, die zu stellen berechtigt war, auf die es jedoch logische Antworten gibt. Deshalb ist auch nicht davon auszugehen, Löw habe sich bezüglich der leidenschaftlich debattierten Aufstellung dem Diktat seiner Kritiker gebeugt oder sei gar eingeknickt, wie Medien triumphierend schrieben. Zweifellos zählen Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger zu jenen Spielern, die Löw mit für die wichtigsten hält. Für Ersteren hat er bis kurz vor WM-Beginn die Tür offen gehalten, damit dieser nach einer halbjährigen Pause wegen eines Kreuzbandrisses noch die Chance hatte, sich zurückzumelden. Auch Schweinsteiger war zuletzt oft verletzt gewesen und hinter seiner Fitness ein berechtigtes Fragezeichen angebracht. Nicht alle physischen Mängel sind mit der Erfahrung von 106 Länderspielen zu kompensieren.

Schwache Zweikampfwerte

Was aber offensichtlich von vielen Nörglern übersehen wurde, ist die schlechte Zweikampfbilanz der beiden. Ausgerechnet in einer Sparte, in der sie in Normalform zu den Besten der Welt zählen. Aber nur 39% (Khedira) und 46% (Schweinsteiger) der Duelle gewonnen zu haben, bedeuten nun mal äusserst schwache, nicht WM-würdige Werte.

Dass Löw deshalb im Zentrum den topfitten Lahm einsetzte, der bei Bayern auf dieser Position grosse Spiele abgeliefert hatte, ist nachvollziehbar. Spiele werden weit eher dort gewonnen, als auf den Aussenpositionen. Dass Lahm hatte durchblicken lassen, er ziehe die Aufbauerrolle vor, dürfte bei Löws Entscheidung allerhöchstens eine marginale Rolle gespielt haben. Bei früheren Entscheidungen wie bei Ballack, Frings, Kuranyi und Kiessling hatte er bewiesen, wie hart er sein kann, wenn es um die Sache geht und dass er persönliche Befindlichkeiten nicht berücksichtigt.

Wenn Löw nun gegen Frankreich Lahm als Aussenverteidiger aufgestellt hat, so muss dies nicht zwingend als Eingeständnis einer Fehleinschätzung verstanden werden. Eine Erklärung ist, dass Schweinsteiger und Khedira allmählich in den Turnierrhythmus gefunden und überdies die täglichen Trainingseindrücke Löw darin bestärkt haben, die beiden wieder nebeneinander aufzustellen.

Seriös und erwachsen

Kritisiert worden ist Löw aber auch dafür, dass Deutschland mit seinen vielen Supertalenten nicht mehr den mitreissenden, spielerisch so glänzenden Fussball spiele wie in Südafrika. «Wenn wir hier in Brasilien so aufgetreten wären wie 2010, dann wären wir schon draussen», sagt indes Khedira. «Ich glaube, unser Fussball ist seriöser und erwachsener geworden.» Schweinsteiger und Thomas Müller denken ebenfalls, Deutschland sei weiter als vor vier Jahren und 2012 bei der EM. Was wiederum ein Indiz dafür ist, dass Löw alles andere als stur ist und realisiert hat, dass mit dem von ihm geliebten schönen Fussball nur schwerlich ein Titel zu gewinnen ist.

«Bei einer WM kann man nicht immer fantastisch spielen. Man muss als Sieger vom Platz gehen», sagt Löw. Das wissen auch die Brasilianer, Argentinier und Holländer, derweil die Schönspieler aus Kolumbien schon zu Hause sind.

Heute nun will Löw in Belo Horizonte den Halbfinalfluch bannen und Deutschland erstmals seit 2002 in einen WM-Final führen. «Wir werden einen guten Plan entwickeln und Brasilien einen grossen Kampf liefern», sagt der Bundestrainer. «Die Chancen sind ausgeglichen, Kleinigkeiten werden entscheiden.» Nicht aber, dass den Gastgebern der beste Spieler fehlt. «Das Aus für Neymar tut mir wahnsinnig leid», sagt Löw. «Er ist ein so grossartiger Spieler. Aber Brasilien wird deshalb nicht schwächer sein. Seine Teamkollegen werden nun noch mehr geben, um seinen Ausfall zu kompensieren.»



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