Die ganze Schweiz erwartet Wunderdinge von Ihnen an der WM. Können Sie diese erfüllen?

Xherdan Shaqiri: Von mir erwartet man nun einmal etwas mehr als von anderen Spielern. Aber den Druck bin ich mir von meinem Verein Bayern München her gewohnt. Ich finde, die Schweiz kann nur als Mannschaft Dinge erreichen, die uns viele nicht zutrauen. Wir spielen einen schönen Fussball, sind noch ein bisschen attraktiver geworden. Und es tut auch gut, zu spüren, dass die Leute zu Hause stolz auf uns sind.

Sie mussten in dieser Saison drei Mal wegen Muskelverletzungen länger pausieren. Welche Gedanken dazu haben Sie sich gemacht?

Ich fragte mich schon, warum das passierte. Und warum drei Mal beim gleichen Bein. Zuerst dachte ich, es könnte vielleicht an der Ernährung liegen, aber das ist kaum das Problem. Ich denke, mir fehlte bei den Bayern der Rhythmus. Es gab zwei, drei Spiele, in denen ich nicht spielte, dann plötzlich wieder 90 Minuten. In der vorletzten Saison war ich besser im Rhythmus.

Uns fiel auf: Wenn Sie den Ball verlieren bei den Bayern, oder wenn Sie auf den Rasen fallen, dann setzen Sie sofort nach, erkämpfen sich den Ball zurück. In der Nationalmannschaft gab es die Tendenz, dass Sie die Hände verwerfen und stehen bleiben.

Das stimmt, es gab ein, zwei Spiele, in denen ich die Hände verwarf, wenn ich unzufrieden war. Herr Hitzfeld hat mit mir darüber gesprochen. Eigentlich passt das gar nicht zu mir. Es war aber nicht allzu übertrieben. Es passierte dann, wenn etwas Unfaires geschah, oder wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich denke, ich habe mich mittlerweile gebessert.

Trainer Ottmar Hitzfeld erwartet eine Schweizer Nationalmannschaft, die besser abschneidet als an der WM 2010. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Ich denke, wir konnten uns mehr Respekt von anderen, grösseren Nationen erarbeiten. Die Siege gegen Spanien, Deutschland oder Brasilien innert relativ kurzer Zeit zeigen, dass wir auf einem super Weg sind und wozu wir fähig sind. Ich hoffe, wir können eine Leistung wie gegen Brasilien im letzten Sommer auch jetzt zeigen, wenn es wirklich zählt.

Hitzfeld beendet seine Karriere nach der WM. Wie erleben Sie ihn vor der WM?

Er ist wie immer aufs Wesentliche fokussiert. Wir arbeiten jetzt schon einige Jahre mit ihm. Das alles hat sich nicht gross verändert. Und das ist auch richtig so. Wir wollen dafür sorgen, dass er die WM auch ein bisschen geniessen und Freude haben kann.

In der Gruppenphase trifft die Schweiz auf Ecuador, Frankreich und Honduras. Welches ist der gefährlichste Gegner?

Frankreich. Aber auch Ecuador ist sehr schwierig zu spielen. Sie haben zwei, drei super Individualisten und laufen viel. Es wird nicht so einfach, wie viele denken. Und nach den zwei ersten Spielen haben wir gegen Honduras noch eine Rechnung offen. Ich erinnere mich gut an das Spiel vor vier Jahren an der WM 2010, das war mein WM-Debüt.

Sie kamen nach 78 Minuten rein – zu spät?

Als ich kam, hatten wir plötzlich viele Chancen (lacht). Die Erfahrung, eine WM zu erleben, ist unbezahlbar. Die zwölf Minuten sind von grösserem Wert, als sie auf dem Papier aussehen. Ich weiss jetzt, wie eine WM funktioniert. Das ist genial.

Ihr Teamkollege bei den Bayern, Franck Ribéry, verpasst die WM. Wie sehr schmerzt das Frankreich?

Dazu möchte ich mich nicht äussern. Wir halten den Fokus auf uns.

Apropos Debüt: Ihr erstes Tor für die Schweiz überhaupt erzielten Sie gegen England, in der Qualifikation für die EM 2012 – ein absolutes Traumtor. Welche Erinnerungen daran haben Sie?

Das ist das Tor, das mich so richtig raufgepusht hat. Darüber wurde wochenlang gesprochen. Selbst heute noch, auch im Ausland. Für meine Karriere war dieses Tor Gold wert. Englands Goalie Joe Hart grüsst mich immer noch ehrfürchtig, wenn er mich sieht. Zuletzt auch wieder in der Champions League, als wir mit den Bayern gegen Manchester City spielten.

Ihre Familie hatte und hat einen wichtigen Stellenwert. Angenommen, Sie möchten eine neue Uhr kaufen. Fragen Sie Ihre Eltern noch um Erlaubnis?

Also ich bin ja auch nicht mehr 18 (lacht). Ich weiss genau, was ich mache. Und meine Eltern wissen das auch. Wir reden über alles, wie andere Familien auch. Auch, wenn es darum geht, dass ich mir eine Uhr kaufen möchte. Aber es ist mehr ein «Erzählen» als ein «Fragen», ob ich darf.

Nervt Sie Ihre Bekanntheit manchmal?

Ab und zu kann das vorkommen. Wenn ich mit der Familie am Essen bin, hätte ich gerne einige Zeit meine Ruhe. Häufig wollen die Leute dann mit mir über Fussball sprechen. Auch Kollegen muss ich ab und zu sagen: «Hey, hört jetzt auf, über Fussball zu reden.»

Ein Bayern-Star wie Sie lockt auch falsche Freunde an. Mussten Sie auch schon solche Erfahrungen machen?

Ja klar, das gehört dazu.

Wie reagieren Sie, wenn Sie merken: «Ui, der meint es nicht ehrlich mit mir?

Am meisten hilft ignorieren.

Müssen Sie auf etwas verzichten, was Sie gerne täten?

Ich wäre gerne etwas häufiger im Ausgang. Ab und zu denke ich: Ich würde gerne mal mit meinem Bruder die Rollen tauschen (lacht).

Welchen Bezug haben Sie zum WM-Gastgeberland Brasilien?

Nur einen zum Fussball. Ronaldo war mein Vorbild. 2002 musste ich einige schräge Blicke über mich ergehen lassen, als ich mir die gleiche Frisur schneiden liess wie er – hinten kahl rasiert, vorne kurze Haare in Dreiecksform. Vor dieser WM war ich noch nie in Brasilien.

Wer wird Weltmeister?

Schwierig. Meine Favoriten sind Brasilien, Spanien und Deutschland. Ich hoffe, dass es noch zwei, drei Überraschungen gibt, wer weiss, wie sich die Schweiz schlägt. Wir sind in etwa zu vergleichen mit den Belgiern. Mein Topfavorit ist aber Spanien.

Nach der WM übernimmt Vladimir Petkovic als Nati-Trainer. Wie soll er das Team weiterbringen?

Jeder Trainer ist ein bisschen anders. Er kann sehr gut mit Menschen umgehen. Ich kann ihm versprechen: Er wird es mit einer Topmannschaft zu tun bekommen, die viele Qualitäten hat, die jung ist und die hungrig ist auf noch mehr.

Sie spielten mit dem FCB gegen das YB von Petkovic. Was zeichnete dieses YB aus?

Wir hatten gegen sein YB immer viel Respekt. Weil er das Team sehr gut einstellte, ein Taktikfuchs ist und die Gegner gut lesen kann.

Das kommt selten vor, dass der Krösus FCB in der Schweiz einen Gegner fürchtet. . .

Stimmt (lacht). Aber gegen YB war das tatsächlich so. Vor allem in Bern. Aber zum Glück haben wir auch diese Aufgabe gut gemeistert, inklusive Finalissima.