Es gibt viele Geschichten über Karim Benzema. Einige sind toll, andere weniger. Die einen sind verbürgt, andere entstammen der Gerüchteküche. 

Fakt ist auf alle Fälle, dass sich der Franzose am letzten Sonntag geärgert hat. Zwar sind ihm zwei Tore zum 3:0-Sieg über Honduras gelungen, doch ist er der Meinung gewesen, er habe drei gemacht. Sein Schuss gegen den Pfosten wurde vom gegnerischen Goalie ins eigene Tor gelenkt und nach Konsultation der Torlinientechnik als Eigentor gewertet. «Ich weiss auch nicht, wofür diese Technologie gut sein soll», stänkerte der 26-Jährige hinterher. Und ist trotzdem zum «Man of the Match» gewählt worden.

Es scheint, dass Benzema nun endlich auch in der Nationalmannschaft angekommen ist – nach 67 Länderspielen. 2010 hatte ihn Trainer Raymond Domenech nicht mal mit zur WM genommen, 2012 Laurent Blanc ihn zwar zur EM aufgeboten, doch er und «Les Bleus» haben in der Ukraine versagt. Der Stürmer schoss zwar mehr als alle anderen aufs Tor, ein Treffer schaute dabei nicht heraus. Und noch im letzten Oktober ist Benzema verantwortlich dafür gemacht worden, dass Frankreich sich nicht direkt für die WM qualifiziert hatte. 1217 Minuten war er ohne Tor geblieben.

Das Selbstvertrauen hat er deswegen nicht verloren. «Eine solche Krise gehört zum Fussball», hat er gesagt. «Und man sollte mich nicht immer nur an den Toren messen. Ich bin ein Spieler, der über zehn Kilometer pro Spiel rennt, Räume für die Mitspieler öffnet und viele Tore vorbereitet.» An Selbstbewusstsein hat es ihm noch nie gefehlt. Legendär ist die Geschichte, als er vom Nachwuchs bei Olympique Lyon zu den Profis hochgezogen wurde und, wie es dort Tradition war, eine kleine Antrittsrede halten musste. Elber, Abidal, Malouda und wie sie alle hiessen, staunten nicht schlecht, als der 17-Jährige erklärte: «Ich will Stammspieler werden und bin da, um euch den Platz wegzunehmen.» 

Sogleich gelang das Unterfangen zwar nicht, die Konkurrenz war bei jener Mannschaft, die sieben Mal hintereinander französischer Meister werden sollte, mächtig. Doch Benzema, mit der U17 Europameister geworden, setzte sich allmählich durch. Im ersten Spiel in der Ligue 1 brauchte er 50 Sekunden, um das entscheidende Tor vorzubereiten, gegen Rosenborg in der Champions League gelang ihm auch gleich ein Treffer; genau wie beim Debüt in der A-Nationalmannschaft beim 1:0 gegen Österreich. Ja, das Talent, aufgewachsen in einem grauen Vorort von Lyon zusammen mit fünf Schwestern und drei Brüdern als Sohn algerischer Einwanderer, war so überzeugend, dass Superstar Thierry Henry schon 2008 sagte: «Karim wird in kurzer Zeit die Speerspitze Frankreichs sein.» Experten bescheinigten ihm, die Treffsicherheit von Trézeguet, die Schnelligkeit von Henry und das Spielvermögen von Anelka zu haben. Benzema bestätigte vieles und wurde Torschützenkönig. Für 35 Millionen Euro ging es 2009 zu Real Madrid, wo er im Mai die Champions League gewann.

Aber es gibt auch weniger Erfreuliches aus dem Leben Benzemas zu berichten. 2009 ist er in Frankreich angeklagt worden, weil er – wie Franck Ribéry – Sex mit einer minderjährigen Prostituierten gehabt haben soll. 2012 ist er in die Schlagzeilen geraten, weil er, der zu jenem Zeitpunkt bei Real Madrid 700 000 Euro pro Monat verdiente, beim Gericht geklagt hatte, auch seine Verwandten müssten sich an den 1500 Euro Unterhaltskosten beteiligen, die seiner Grossmutter zustanden. Im Vergleich dazu ist die Begebenheit, wie er sich im Nationalteam die Nummer 10 erschlich, eine geradezu harmlose. Benzema log dem Beflocker vor, er und Govou hätten sich geeinigt, dass künftig er, Benzema, diese Nummer trage. Seither trägt er sie.

Auch heute gegen die Schweiz. Seine grossartigen Leistungen bei Real, herausgekitzelt auch von Assistenztrainer Zinedine Zidane, seinem «algerischen Bruder», haben dazu geführt, dass er nun endlich auch in der «Equipe Tricolore» zu einem Leader geworden ist. Gut möglich, dass ihm in Salvador die Ehre zukommt, das 100. WM-Tor für Frankreich zu schiessen.