Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Frankreich?

Ludovic Magnin: Natürlich habe ich nur gute Erinnerungen.

Sie zielen auf Ihr erstes Länderspieltor 2005 beim 1:1 in der WM-Qualifikation gegen Frankreich.

Ob das wirklich mein Tor war, steht in den Sternen. Vielleicht war es auch eher ein Eigentor. Trotzdem denke ich sehr gerne an dieses Spiel zurück. Wie auch an das WM-Gruppenspiel im darauffolgenden Jahr in Stuttgart (0:0; die Red.), das wir hätten gewinnen müssen.

Warum hat die Schweiz in dieser Zeit gegen Frankreich jeweils so gut ausgesehen?

Frankreich musste das Spiel machen. Wir hingegen konnten uns auf unsere Stärken – die Defensive und das Konterspiel – konzentrieren. Trotzdem ist es sensationell, dass wir in drei Spielen gegen Zidane und Co. nie verloren haben.

Ist die Schweiz heute auch wieder Aussenseiter?

Absolut. Man darf den Auftaktsieg gegen Ecuador nicht überbewerten. Frankreich hat acht Mal mehr Einwohner und dementsprechend auch eine grössere Auswahl an Spielern. Die Differenz punkto fussballerischer Klasse zwischen der Schweiz und Frankreich ist zwar nicht mehr so gross wie zu unserer Zeit. Und in den letzten sechs Jahren haben die Franzosen auch mehrheitlich enttäuscht. Aber man muss auch sehen, dass sie in dieser Zeitspanne auch wegen atmosphärischer Störungen ihr Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft haben. Doch jetzt stimmt es wieder im Team. Und wenn die Franzosen das durchziehen, was sie zum Auftakt gegen Honduras gezeigt haben, sind sie für mich ein Turnierfavorit.

Wie hat sich Frankreich im Vergleich zur letzten WM und dem unrühmlichen Vorrunden-Aus entwickelt?

Die französischen Fussballer waren schon immer gut ausgebildet. Sie hatten früher schwierige Charaktere im Team, teilweise sogar richtige Choleriker, die permanent den Konflikt gesucht haben. Jetzt haben die Franzosen eine junge, hungrige Mannschaft. Als wir gegen sie gespielt haben, standen fast ausschliesslich Stars auf dem Platz, die in ihrer Karriere schon alles erreicht haben. Für sie bedeutete es keine Herausforderung, gegen die kleine Schweiz zu spielen. Das ist bei der aktuellen Generation anders. Deshalb wird das heutige Spiel gegen Frankreich schwieriger als für uns damals.

Ist es ein Vor- oder Nachteil für Frankreich, dass Franck Ribéry verletzt ausfällt?

Ein Ribéry in grosser Form ist für jede Mannschaft der Welt ein Gewinn. Aber ein müder, angeschlagener Ribéry wie in der Schlussphase der Saison ist eher ein Handicap, weil man ihn eben nicht auf die Ersatzbank setzt. Grundsätzlich gilt aber: Wenn man einen der besten Spieler der Welt nicht zur Verfügung hat, ist es kein Vorteil.

Leider mussten einzelne Stars verletzungsbedingt Forfait erklären wie Ribéry. Oder sie bestreiten wie Cristiano Ronaldo die WM auf Sparflamme, weil sie nach einer harten Saison müde und angeschlagen sind.

Deswegen plädiere ich, die WM im Herbst auszutragen. Ich finde es zwingend, dass beim grössten Event auch die grössten Spieler in bestmöglicher Verfassung sind. Für einen Superstar ist es heute fast nicht möglich, ohne Doping, ohne nichts, nach 60 oder 70 Saisonspielen fit an die WM zu reisen. So einfach ist das. Deshalb sollte man die WM kurz nach Saisonbeginn im Herbst spielen, wenn alle Spieler topfit sind. So wie es jetzt läuft, sind die Superstars benachteiligt. Doch ohne sie funktioniert eine WM nicht. Trotzdem tut man nichts für sie.

Stattdessen werden sie wie Ronaldo gar verspottet.

Das ist tragisch. Ronaldo hat so viele Spiele bestritten, da ist es nur logisch, wenn er im ChampionsLeague-Final oder jetzt an der WM nicht mehr fit ist. Ausgerechnet in den wichtigen Spielen kann Ronaldo nicht glänzen, weil er zuvor zu stark belastet wurde. Das ist in erster Linie bitter für ihn, aber auch für uns Zuschauer. Auch Shaqiri oder die Belgier Hazard und De Bruyne wirken müde.

Und Deutschlands Chef-Stratege Bastian Schweinsteiger wurde gegen Portugal nicht mal eingesetzt.

Ja, gut, abwarten. «Schweini» ist Weltklasse. Ich bin überzeugt, dass ihn sein Trainer Jogi Löw auf die zweite Phase des Turniers vorbereitet. Es würde mich nicht überraschen, wenn «Schweini» noch einer der wichtigsten Spieler des Turniers wird und die Deutschen in den Final führt.

Wie beurteilen Sie den Auftritt der Schweizer beim 2:1 gegen Ecuador?

Fussballerisch war es nicht gut. Viele Spieler sind unter ihren Möglichkeiten geblieben. Aber das ist auch normal für eine junge Mannschaft. Die Nervosität hat dazu geführt, dass lange Zeit selbst einfachste Dinge nicht geklappt haben. Aber was ich fantastisch und sensationell fand, war der Spirit in der Mannschaft. Dieser Zusammenhalt, diese Solidarität war sogar bis ins Fernsehzimmer spürbar. Wenn man wie die Schweiz nur 60 Prozent des Potenzials ausschöpft und trotzdem gewinnt – das ist Nahrung für die allerschönsten Träume.

Es kann nur besser werden?

Und wie. Diese Mannschaft kann etwas ganz Grosses erreichen. Das ist eine Ausnahmegeneration. Individuell ist dieses Team 20 000-mal besser als wir es waren. Und gegen Ecuador haben sie erstmals gezeigt, dass sie punkto Teamgeist nicht schlechter sind, als wir es waren.

Sie sprechen von einer Ausnahmegeneration. Aber ist es nicht möglich, dass die nächste Generation noch besser ist und sich die Schweiz langfristig in der Weltspitze etablieren kann?

Das ist schon möglich, aber dafür gibt es keine Garantie. Obwohl wir in der Schweiz sehr viele Talente haben. Wir Ausbildner müssen versuchen, gegenüber der ausländischen Konkurrenz immer ein, zwei Schritte voraus zu sein. Im Moment geht der Trend dahin, das Offensivspiel dank ständigen Positionswechseln noch unberechenbarer zu machen. In diesem Bereich sind die Franzosen gegenüber uns noch etwas im Vorteil.