Die einen fuhren locker mit dem Velo, die anderen trabten entspannt um den Platz – doch alle waren beim Training am Samstag längst mit ihren Gedanken bei Brasilien. Ganz schnell war bei der deutschen Nationalmannschaft die Tat gegen Frankreich zur Nebensache geworden. Das Giganten-Duell gegen den Rekordweltmeister elektrisierte Spieler und Trainer gleichermassen.

«Was gibt es Schöneres, als im Fussball-Traumland gegen den Gastgeber in einem WM-Halbfinale zu stehen? Das wird ein grosses Spiel in Belo Horizonte», sagt Bundestrainer Joachim Löw vor dem Schlager mit Pathos. Dass sich «alle darauf freuen», musste er nicht extra betonen, tat er aber doch.

Nach zuletzt drei vergeblichen Anläufen – inklusive EM 2012 – will das DFB-Team endlich auch sein Halbfinal-Trauma überwinden – Brasilien hin oder her. «Wir versuchen jetzt, den nächsten Schritt zu machen. Die Mannschaft ist gefestigt und stabil», sagte Löw nach dem 1:0 gegen die Franzosen.

Dass die deutsche Mannschaft bei einer WM zum vierten Mal in Serie die Runde der letzten vier erreicht und damit Geschichte geschrieben hat, interessiert deshalb kaum mehr. «Alle haben im Kopf, dass wir wieder zurück nach Rio kommen», betont Manager Oliver Bierhoff mit Blick auf den Final am 13. Juli im legendären Maracanã.

Nicht wieder um Platz drei

Ein drittes Mal nach 2006 und 2010 das undankbare Spiel um Platz drei? «Das haben wir jetzt genug gehabt», sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. «Das brauche ich wirklich nicht, da reise ich vorher ab», fügt Captain Philipp Lahm mit einem Schmunzeln an – um dann bestimmt anzufügen: «Jetzt will man definitiv mehr. Das war nicht unser letzter Aufenthalt in Rio.»

Doch zunächst wartet der wohl schwerste Brocken, auch wenn den Brasilianern neben Superstar Neymar noch der gesperrte Captain Thiago Silva fehlt. Es ist nach dem Final 2002 (0:2) erst das zweite deutsche WM-Duell gegen die Seleção.

Um gerüstet zu sein, wirft Löw sogar den bisher üblichen Fahrplan über den Haufen. Statt gestern fliegt das Team erst heute nach Belo Horizonte, um mehr Zeit zur Regeneration zu haben.

Auch im Campo Bahia war Ruhe das oberste Gebot. Es gab sogar Alkoholverbot. «Einfach ausruhen, wenig machen, abschalten», gibt Lahm als Motto bis Dienstag aus. Entsprechend locker verlief das Auslaufen, bei dem nur Per Mertesacker wegen eines grippalen Infektes fehlte. Die Mannschaft sieht sich aber trotz des Kraftaktes in der Hitze von Rio gegen Frankreich für den Halbfinal und den heiss ersehnten vierten Titel gerüstet. «Ich denke, dass wir eine grosse Chance haben, es diesmal zu packen und den Pokal endlich in der Hand zu halten», meint Torjäger Miroslav Klose, warnt aber: «Wir dürfen nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen.»

Dennoch: Der Optimismus ist gross. «Mit dieser Art, Fussball zu spielen, haben wir eine Chance, zu gewinnen», sagt Mats Hummels, der sein Team mit seinem zweiten Turniertreffer zum Sieg geführt hatte. Hummels meint aber nicht das technisch anspruchsvolle Spiel, das Löw so gerne hätte, sondern Einsatz, leidenschaftliche Defensivarbeit und Kampf um jeden Zentimeter.

Wille und Leidenschaft

Die Mannschaft müsse weiter «so füreinander arbeiten», sagt auch Thomas Müller mit der Betonung auf arbeiten, «dann ist es ganz schwer, uns zu schlagen, weil wir auch individuell was drauf haben. Jetzt ist alles drin.» Lahm spricht von «Wille und Leidenschaft». Stimme dies, könne man «Taktik und fussballerische Qualität» vergessen.

Das Spiel gegen Frankreich bot besten Anschauungsunterricht. Die deutsche Mannschaft glänzte keineswegs, trat aber als kampfstarke und stabile Einheit auf. Dazu trugen auch die personellen Rochaden von Löw bei. Vor allem die Versetzung von Lahm in die Abwehr erwies sich als wichtiges Puzzleteil. Dass Löw zudem Mertesacker opferte und Klose erstmals in die Startelf beorderte, waren weitere Mosaiksteinchen.

Was die Aufstellung für das Brasilien-Spiel angeht, hält sich Löw dennoch bedeckt. «Das weiss ich jetzt noch nicht. Für mich ist wichtig, zu sehen, wie die Spieler das verkraften», sagt er. Jetzt heisse es, «die Kräfte zu bündeln.»



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