Comeback

Josip Drmic spricht über seinen Leidensweg: «Ich habe mich hilflos gefühlt»

Der verletzte Josip Drmic hatte viel Zeit über seine Karriere nachzudenken.

Der verletzte Josip Drmic hatte viel Zeit über seine Karriere nachzudenken.

Neun Monate Pause nach einer schwerwiegenden Knie-Verletzung, dann ein Comeback, kurz darauf wieder ein herber Rückschlag – Josip Drmic hat schwierige Tage hinter sich. Nun hat er ein fulminantes Comeback mit zwei Toren und zwei Assists gegeben. Im grossen Interview spricht er über seinen Kampf zurück auf die grosse Fussballbühne und sagt, warum die Schweiz gegen Nordirland eine grosse Chance hat.

Josip Drmic, zu Beginn die naheliegende Frage: Wie geht es Ihnen?

Josip Drmic: Gut. Ich sehe, wie ich Fortschritte mache. Ich bin bei Borussia Mönchengladbach wieder voll im Mannschaftstraining dabei. Und mein Knie funktioniert. Einige mögen sich vielleicht wundern oder überrascht sein. Aber mich interessiert eigentlich nicht, was andere denken. Ich fühle mich wohl. Und darf schon jetzt sagen: Ich bin sehr, sehr glücklich.

Sie haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Neun Monate Pause nach einer schwerwiegenden Knie-Verletzung. Dann ihr Comeback, unter anderem mit einem Tor für die Nationalmannschaft im März 2017. Dann kurz darauf ein Rückschlag – abermals wegen dem Knie. Wie haben Sie diese Enttäuschung überwinden können?

Es war schwierig, damit klarzukommen. Als ich die Analyse bekam und die Bilder von meinem Knie sah, war ich drei Wochen kopflos, hatte viele Gedanken, sehr viele Fragezeichen, war fast ein bisschen hilflos. Ich war ein Suchender, fragte mich, was ich machen kann. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich habe mich etwas verloren. Doch dann habe ich mir einen Plan zusammengebastelt, die richtigen Leute ausgesucht, die mir positive Energie geben und sagte mir: Ab heute schaue ich nur noch vorwärts. Nach meiner ersten Operation im März 2016 dachte ich: Ok, neun Monate Rehabilitation, das ziehe ich jetzt durch, dann bin ich zurück. Mit der zweiten Operation hatte ich mehr Mühe. Ich stellte mir Fragen. Warum passiert immer mir das? Es war mental darum schwieriger.

Was hat Sie angetrieben in dieser schwierigen Phase?

Angetrieben habe ich mich selbst. Viele Leute sagten: Es ist vorbei mit der Karriere, er sollte sich besser etwas anderes suchen. Doch daran dachte ich nie. Für mich war klar: Solange ich laufen kann, will ich Fussball spielen. Und ich werde alles daran setzen, auch wenn es ein Jahr oder zwei dauert. Ich bin auf einem guten Weg. Ich denke, wer so hart arbeitet, wird irgendwann belohnt. Das war immer meine Einstellung. Und darum habe ich auch alles Negative ausgeblendet. Logisch gab es auch Phasen, in denen es mir schlecht ging. Phasen, wo ich wütend war, weil ich sah, es funktioniert doch nicht so, wie ich mir das gedacht hatte. In diesen Phasen mussten manchmal auch enge Vertraute etwas leiden, weil ich rumgemotzt habe.

Sie haben ein ausgewähltes Ärzte-Team zusammengestellt. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben drei Ärzte in Mönchengladbach. Dazu habe ich auch in anderen Ländern nachgefragt, meine Bilder überall hingeschickt, meinen Vertrauensarzt hinzugezogen. Ich wollte einfach alles wissen und viele verschiedene Meinungen hören. Schliesslich ging es auch um meine Karriere. Und ich hatte ja Zeit, überall hinzugehen und alles abzuklären. Um dann meinen Entscheid zu treffen.

Was bedeutet «meinen Entscheid zu treffen»? Ging es um grundsätzliche Fragen, ob Sie Ihre Karriere fortsetzen können?

Ich bin einfach an einem Punkt angelangt, wo die primäre Frage ist: Kann ich wieder spielen oder nicht? Dass ich mir diese Frage stelle mit meiner Verletzungshistorie ist völlig normal.

Josip Drmic ohne Fussball – das ist undenkbar, oder?

Ich weiss es nicht. Aber es ist schon so: Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie es wäre ohne. Fussball ist mein Leben. Ich lebe dieses Spiel.

Josip Drmic in glücklichen Tagen. Wann er auf die grosse Fussballbühne zurückkehrt, ist unklar.

Josip Drmic in glücklichen Tagen. Wann er auf die grosse Fussballbühne zurückkehrt, ist unklar.

Wer konnte Ihnen schlussendlich auf dem Weg zurück besonders helfen? Sie erwähnten kürzlich eine spezielle Heilungsmethode.

Richtig. Es handelt sich um eine traditionelle Methode. Allzu viel möchte ich darüber nicht reden, der Mann bleibt gerne im Hintergrund. Und wenn ich alles Details erzählen würde, könnte man meinen, ich sei ein Verrückter – das möchte ich natürlich nicht (lacht). Fakt ist: Es ist bemerkenswert, wie mich dieser Mann empfangen hat. Er wusste sofort: «Josip, du hast einen Knorpelschaden und es gibt sicher Leute, die dein Karrierenende sehen. Aber mach dir keine Sorgen, du wirst sehen, du kannst wieder Fussball spielen. Ich werde dir helfen können.» Dann habe ich die Behandlung begonnen. Und tatsächlich, er konnte mir 30 bis 40 Prozent meiner «Last» im Knie nehmen. Ich konnte es zuerst gar nicht realisieren. Es war ein wichtiger Baustein meiner vielseitigen Therapie.

Seit wann können Sie wieder mit dem Team mittrainieren?

Ich erinnere mich nicht mehr genau. Es ging alles Schritt für Schritt. Ich habe jeden Tag mit meinem Körper gearbeitet. Dann kam eine Art Teilintegration ins Team. Zuerst spielte ich lockere Übungen mit, als Anspielstation für die Kollegen. Dann war ich eine Art Joker, bestritt einfach noch keine Zweikämpfe. Mittlerweile mache ich alles mit – ausser Bundesligaspiele.

Nun haben Sie in einem Testspiel gegen Arminia Bielefeld Ihr Comeback gegeben – ein fulminantes mit zwei Toren und zwei Assists beim 4:1-Sieg. Wie war es?

Dass ich gleich zwei Tore und zwei Assists mache, ist sicher positiv. Aber es gab auch viele Dinge, die ich hätte besser machen können. Ich bin noch nicht da, wo ich hinmöchte. Ich habe noch viel vor mir.

Wie weit sind Sie noch vom «Profi-Level» entfernt?

Gewisse Dinge kann man einfach nicht simulieren im Training. Dafür brauche ich noch Zeit und möglichst viele Spiele. Ich versuche, mich schnellstmöglich zu adaptieren. Wie lange es noch geht, weiss ich nicht. Es wäre zwar schön, aber man kann den Fussball nicht erklären. Wichtig war primär, in der Mannschaft anzukommen.

Wie fühlt sich das Fussballspielen an im Vergleich zu vor zwei Jahren?

Was anders ist, ist die Arbeit hinter dem Spiel. Ich schaue viel detaillierter auf Dinge, die ich früher nicht einmal beachtete. Ich schätze jedes Training, das ich bestreiten darf. Früher war das selbstverständlich für mich.

Wie gross ist die Vorfreude auf das Comeback auf grosser Bühne?

Sehr gross. Ich kann es kaum erwarten. Gleichzeitig mache ich mir keinen Zeitdruck. Wann ich richtig zurück bin, muss mir egal sein. Ich schaue einfach von Tag zu Tag.

Hat Sie der Traum von der WM 2018 in Russland beflügelt auf dem Weg zurück?

Nein, so weit schaue ich nicht voraus. Ich denke lieber daran, was ich morgen besser machen kann als heute. Gedanken an Spiele, Siege, eine WM oder gar einen Pokal – solche Träume habe ich im Moment nicht.

Josip Drmic

Josip Drmic

Wie war der Kontakt mit Nationaltrainer Vladimir Petkovic?

Ziemlich intensiv. Er hat sich immer wieder erkundigt, wie es mir geht. Er wollte immer wissen, wie es mir geht, wie die Situation aussieht. Auch ich habe mich bei ihm gemeldet, nach Siegen zum Beispiel. Ich habe immer grosse Unterstützung bekommen, vom Nationalteam genauso wie von meinem Team in Mönchengladbach.

Wie haben Sie das Spiel der Schweiz in Portugal verfolgt?

Ich habe es geschaut und mitgelitten. Von aussen ist es einfach, den Klugscheisser zu spielen und zu sagen, dies und jenes hätte besser sein sollen. Ich verstehe die Sicht eines Spielers und jene eines Zuschauers. Es gäbe wohl vieles zu analysieren, aber das ist jetzt nicht mehr wichtig.

Was trauen Sie der Schweiz gegen Nordirland in der Barrage zu?

Ich weiss es nicht. Nordirland ist ein guter Gegner. Einer, den man nicht unterschätzen darf. Es wird wohl ein Duell auf Augenhöhe werden. Und ich glaube, beide können sich aufeinander freuen. Beide haben ihre eigenen, unterschiedlichen Stärken. Positiv ist sicher, dass das Rückspiel zuhause ist. Dieses Plus kann entscheidend sein. Wer so eine Chance hat, muss sie auch nützen. Man muss sich bewusst sein: Es gibt noch diese eine Chance. Wenn wir sie nicht nützen, sind wir nicht an der WM dabei, fertig.

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