Jetzt ist es amtlich: Die Schweizer Nati ist das multikulturellste Team der Fussball-WM in Brasilien. Zu diesem Ergebnis kommt der Online-Blog Codehesive.com.

Die Autoren haben untersucht, wie viele Spieler einer Mannschaft ausländische Eltern oder Grosseltern haben oder in einem anderen Land geboren wurden.

Die Analyse zeigt: Keine Mannschaft ist so international vernetzt wie unsere. 15 Schweizer Nationalspieler haben Verbindungen zu 13 verschiedenen Ländern. Das ist absolute Weltspitze - und ein gutes Omen für das letzte Gruppenspiel gegen Honduras. Die Honduraner haben nämlich keinen einzigen Spieler in ihrem Kader, der eine Verbindung zu einem anderen Land hat. Genau gleich wie das Team von Ecuador, das die Schweiz zum Auftakt mit 2:1 bezwingen konnte.

Valon Behrami hat sich den albanischen Adler mit den zwei Köpfen auf das Bein tätowiert.

Valon Behrami hat sich den albanischen Adler mit den zwei Köpfen auf das Bein tätowiert.

«Josef Drmic» lässt grüssen

Es ist zwar nichts Neues, dass die Schweizer Nati eine Multikulti-Truppe ist. Am Stammtisch, in der Presse und vor allem in den sozialen Medien bewegt das Thema aber nach wie vor die Gemüter. Dabei entstehen zahlreiche Bildanimationen. Viele davon sind politisch angehaucht.

Nach dem Last-Minute-Siegtreffer von Haris Seferovic wurde Christoph Blocher - Symbol für eine restriktive Ausländer- und Einbürgerungspolitik - aufs Korn genommen. Andere Hobby-Grafiker sehen die Secondos mit Wurzeln auf dem Balkan offensichtlich nicht als «Schwizer».

Vielerorts ist aber auch ein entkrampfter Umgang mit dem Thema zu beobachten. Am Sonntag beim Public Viewing lief einer mit einem «Josef Drmic»-Leibchen herum - offensichtlich ein enger Verwandter unserer Sturm-Hoffnung Josip Drmic. Getreu nach dem Motto: «Be happy and be a Schwippi.»

Die Erfolge der Nati haben auch den positiven Effekt, dass sich plötzlich Balkan-Einwanderer mit der Schweiz identifizieren, die sich früher eher abgrenzten. Der Stolz auf Shaqiri, Behrami & Co. ist grösser als der Frust darüber, dass die Albaner, Bosnier oder Mazedonier in der öffentlichen Diskussion in der Schweiz oft nicht gut wegkommen.

Und plötzlich - wenn die Nati ein Tor schiesst - liegen sich fremdenfeindliche Schweizer und schweizkritische Ausländer in den Armen.

Julia Morais, Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich, meint dazu: «Bei ausländischen Jugendlichen in der Schweiz kann es zu einem ‹Wir-Schweizer-Gefühl› kommen, wenn sie sich mit Nationalspielern identifizieren, die ebenfalls ausländische Wurzeln haben.»

Fussballplatz alleine reicht nicht

Der Fussball als Integrationshilfe? In Frankreich meinte der Unidozent Sami Naïr nach dem WM-Titel 1998 überschwänglich: «Mit seinen Hüftschwüngen erreicht Zidane mehr als zehn oder fünfzehn Jahre Integrationspolitik.» 

Der Basler Integrationsexperte Thomas Kessler ist überzeugt davon, dass auch die Schweizer Multikulti-Nati positive Auswirkungen haben kann auf das Zusammenleben von Schweizern und Ausländern: «Sport ist hoch integrativ.»

Gleichzeitig warnt Kessler aber vor zu hohen Erwartungen: «Vorurteile sind hartnäckig. Das Image einer Volksgruppe verändert sich nicht auf dem Fussballplatz, sondern im Alltag.»

Eine erfolgreiche Nati könne aber der erste Schritt sein, dass ein fremdenfeindlicher Schweizer bei einer Ausländergruppe positive Eigenschaften erkenne. «Dann merkt er vielleicht plötzlich, dass eigentlich auch der albanische Schulabwart ein ganz Netter ist», so Kessler.

Etwas haben die Schweizer mit Migrationshintergrund - unter Verdacht stehen die Italiener - hierzulande nachhaltig verändert: Die Art, Siege zu feiern. Hupkonzerte gehören mittlerweile auch bei Schweizer Erfolgen zum guten Ton. Hoffen wir, dass es auch heute Abend nicht still bleibt auf den Schweizer Strassen. In diesem Sinne: «Hopp Schvic!»