Die Frage musste kommen. Klar, nach diesem aufwühlenden Spiel. Haris Seferovic, warum sind Sie Spezialist für wichtige Schweizer Tore in der 93. Minute? Seferovic lacht. «Ich, ein Spezialist dafür? Ja, kann schon sein. Ich wäre jedenfalls froh, wenn ich auch ‹normale› Tore erzielen würde. Aber die Hauptsache ist, dass ich dem Team helfen konnte.»

Ein wenig mehr als ein Jahr ist vergangen, seit Seferovic in der WM-Qualifikation gegen Zypern ebenfalls in der 93. Minute das entscheidende Tor schoss. Und nun erneut, beim späten 2:1-Sieg der Schweiz gegen Ecuador. Vor der Nachspielzeit hat er noch kein Tor für das A-Team erzielt.

Seferovic und das Weltmeister-Tor

Die Geschichte des Fussballers Haris Seferovic ist kompliziert. Sie ist ein Auf und Ab. Geprägt von Rückschlägen und Herausforderungen. Aber auch von plötzlichen Leistungsexplosionen.

Seferovic gehört zur goldenen Generation der U17-Weltmeister. Fünf Tore hat er in diesem Turnier 2009 erzielt. Auch gegen Deutschland und natürlich im Final gegen Nigeria. Die Erinnerung an diesen Erfolg begleitet ihn seither stets. Und manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass sie auch eine Last sein kann. Weil die Erwartungen an Seferovic, den Weltmeister-Macher, seither immer höher sind als an andere. Manchmal unrealistisch hoch. Auch nach dem Tor gegen Ecuador wird Seferovic auf den U17-Titel angesprochen. Er stellt klar: «Dieses Tor ist viel wichtiger als jenes im U17-Final.»

Die hohen Erwartungen sind aber teilweise auch selbst verschuldet. Mit 18 und mit der Erfahrung von nur einzelnen Teileinsätzen bei GC in der Super League, wechselte er zur AC Florenz. Viel zu früh nach Meinung vieler Experten. Aber GC war angewiesen auf das Geld. Und Seferovic strebte nach der grossen Bühne. Sein Selbstvertrauen lässt nichts anderes zu. Und genau dies vermittelt sein Auftreten auch gegen aussen. Ob der Wechsel ein Fehler war? «Es hat alles gute und schlechte Seiten», sagt er. «Ich weiss, wie ich mich aus einem Tief rauskämpfen muss.»

Plötzlich nehmen auch die Allüren neben dem Rasen zu. Wenn er sich beispielsweise weigerte, für ein Fotoshooting die Schuhe des Verbandssponsors anzuziehen. Irgendwann kam Seferovic an den Punkt, wo er sah, dass er nicht mehr weiterkommt. Dass er sich ändern muss. Er liess sich ausleihen. Zu Xamax. Zu Lecce. Schliesslich zu Novara in die Serie B. Dort traf er auf Alfredo Aglietti. «Er war ein Trainer, der mir manchmal in den Hintern trat. Ich war zwar Stammspieler, aber hatte auch Phasen, wo ich keine Tore schoss. Wenn ich ihm dann sagte, ich wisse nicht warum, sprach er etwas aggressiver mit mir – und plötzlich schoss ich wieder Tore.»

Die Tore in Novara waren der Grund dafür, warum Ottmar Hitzfeld im Nationalteam plötzlich auf Seferovic baute. Im WM-Qualifikationsspiel in Zypern verdrängte er Eren Derdiyok. Und überzeugte. Dann kam das Tor zu Hause gegen Zypern als Einwechselspieler in der 93. Minute.

Plötzlich war er wieder der Stürmer, dem alles gelingen wollte. Nach dem Wechsel von Florenz zu San Sebastian gelang ihm in der Champions-League-Qualifikation gegen Lyon ein Traumtor. Er entzückte mit der Schweiz im Test gegen Brasilien als unerschrockener, kluger Stürmer. Auch in der WM-Qualifikation danach fehlte nur der Torerfolg.

Doch plötzlich kamen wieder schwierige Zeiten. Monate ohne Tore. Schlimmer noch: ohne regelmässige Einsätze. Die Boulevardzeitungen sezierten genüsslich sein Liebesleben. Einmal landete er nach einem Streit mit seiner Freundin gar eine Nacht im Knast. Es waren Geschichten, die Hitzfeld ins Grübeln brachten.

Aber eines rief sich der Trainer immer wieder in Erinnerung: Im Nationalteam kann er sich auf Seferovic verlassen. Der Stürmer hat ihn nie enttäuscht. Weder als Stammspieler noch als Joker von der Bank, wenn Josip Drmic begann. Das war nun gegen Ecuador wieder so. Seferovic, der Held aus der zweiten Reihe.

Seine Rolle als Ersatzspieler akzeptiert er anfangs der WM klaglos. Er weiss aus Erfahrung: Wenn das Turnier der Schweizer wirklich lang werden sollte, dann braucht es mehr als einen Stürmer.

Die Erinnerung daran, was nach Seferovics Last-Minute-Tor vor einem Jahr mit ihm passierte, ist jedenfalls verheissungsvoll.



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