WM-Final

Guido Buchwald: «Wir machen Baustellen auf, wo keine sind»

Guido Buchwald im Duell mit Diego Maradona

Guido Buchwald im Duell mit Diego Maradona

WM-Final 1990. Deutschland gegen Argentinien. Guido Buchwald degradiert den Superstar Diego Maradona zum Statisten. Fortan ist er nicht mehr Guido, sondern «Diego» Buchwald.

Guido Buchwald, Sie waren vor der WM verhalten optimistisch. Wie ist Ihre Gemütslage kurz vor dem WM-Final?

Guido Buchwald: Nach diesem sensationellen 7:1 im Halbfinal gegen Brasilien ist mein Optimismus natürlich enorm gestiegen. Denn die Argentinier haben sich trotz ihrer überzeugenden Defensive durchs Turnier gewurstelt. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir das Turnier gewinnen werden.

Was war das Schlüsselerlebnis, das Ihre Zuversicht befeuert hat?

Das Viertelfinalspiel gegen Frankreich. Aber auch die glänzenden Vorstellungen von Manuel Neuer. Und die Defensive. Denn dort habe ich vor dem Turnier Schwächen gesehen.

Trainer Jogi Löw kann machen was er will, fast ständig wird er infrage gestellt. Muss er also Weltmeister werden, um die Legitimation zu haben, seinen Job nach der WM fortzusetzen?

Nein, denn die Legitimation hat er sowieso. Ich gehe auch davon aus, dass er weitermacht, unabhängig vom Resultat im Final. Löw hat das Team weiterentwickelt. Es ist seine Mannschaft. Für uns Fachleute ist es kein Thema, ob er weitermacht oder nicht. Aus meiner Sicht muss er einfach weitermachen. Denn er leistet seit acht Jahren hervorragende Arbeit. Ausserdem ist es nicht angebracht, während eines Turnier zu diskutieren, was danach sein wird. Aber wir Deutschen schaffen es immer wieder, Baustellen aufzumachen, wo eigentlich keine sind. Dabei könnten wir stolz sein auf diesen Trainer und diese Mannschaft.

Ist es überhaupt zulässig, einen Spieler herauszuheben?

Das ist schwierig. Vielleicht Manuel Neuer. Sein Torwartspiel ist phänomenal. Die Sicherheit und Ruhe, die er ausstrahlt, das hat schon etwas Einzigartiges. Mats Hummels ist auch ganz schön durchgestartet. Bei den anderen, ob das jetzt Müller, Schweinsteiger oder Lahm sind, haben wir gewusst, welch tolle Spieler sie sind. Abstriche muss man einzig bei Götze und Özil machen, die noch nicht ihr Toplevel erreicht haben. Positiv ist aber auch, wie viele gute Spieler wir auf der Bank haben, die den Unterschied ausmachen können. Ein André Schürrle hat schon drei Treffer erzielt.

Wer ist Ihnen bei Argentinien positiv aufgefallen?

(Überlegt.) Lavezzi auf der Seite mit seiner Schnelligkeit und den Dribblings. Higuaín vorne. Aber die kennen wir alle. Bei Argentinien macht Messi den Unterschied aus. Punkt. Sie sind hinten geordnet und taktisch gut aufgestellt. Aber vorne hängt viel von Messi ab. Deutschland hat viele Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Argentinien eigentlich nur einen.

Deutschland gewinnt 1990 gegen Argentinien den WM-Final - Lothar Matthäus streckt den WM-Pokal in die Höhe

Deutschland gewinnt 1990 gegen Argentinien den WM-Final - Lothar Matthäus streckt den WM-Pokal in die Höhe

Gibt es Parallelen zwischen Lionel Messi und dem Diego Maradona von 1990?

Ja, dieser Vergleich ist zulässig. Auch wenn 24 Jahre dazwischen liegen. Sie sind ähnliche Spielertypen. Unheimlich schnell und dribbelstark, der Ball klebt ihnen an den Füssen. Auch die Teams sind ähnlich. Es gab Maradona – und zehn Spieler darum herum. Es gibt Messi – und zehn Spieler darum herum. Das sind gute Mitspieler, aber keine perfekten Fussballer.

Sie spielten 1990 hervorragend Manndeckung gegen Maradona. Ist das auch gegen Messi möglich?

Es ist mit Sicherheit ein Mittel. Aber alleine kann keiner bestehen gegen ihn. Die Holländer hatten Messi gut im Griff. Einer ging immer sofort in den Zweikampf. Ein Zweiter kam hinzu. Manchmal gar ein Dritter, um den Raum noch enger zu machen. Sogar ein Wesley Sneijder attackierte ihn bis zur eigenen Eckfahne. Das ganze Team wird also gefordert sein.

Wie bereiteten Sie sich auf Maradona vor?

Das war ganz einfach. Ich kannte ihn ja, weil ich schon zuvor mit Stuttgart gegen ihn spielte. Ich fragte mich immer wieder: Wie kann ich seine Stärken ausschalten? Ich wusste: Wenn er frontal auf mich zuläuft, bin ich verloren. Also stellte ich mir immer wieder Aktionen von ihm vor. Ich durfte nicht zulassen, dass er sich drehen kann. Ich wollte ihn schon bei der Ballannahme auf die Seite drängen. Und ich ahnte: Je weniger Ballbesitz er hat, desto weniger Lust am Spiel wird er bekommen. So war es dann auch.

Wie erlebten Sie die Nacht vor dem WM-Final?

Sehr unruhig. Es gingen mir immer wieder Spielszenen von Maradona durch den Kopf. Ich bin immer wieder aufgewacht, schlief sehr unruhig. Am liebsten wollte ich sofort spielen, schon zwei Tage vor dem Spiel dachte ich: Eigentlich wäre es Zeit für den Anpfiff.

Wie geht der Final am Sonntagabend aus?

2:0 für Deutschland.

Falls jetzt das für viele Deutsche Undenkbare passiert, Argentinien nämlich Weltmeister wird, würde diese Niederlage das Turnier der Deutschen überschatten? Oder ist ein 7:1 im Halbfinal gegen Brasilien schon genug, um die WM als Erfolg zu werten?

Nein, eine Niederlage wäre schon ziemlich enttäuschend. Im Final sind wir schon oft gestanden. Aber die Auszeichnung, die grossen Mannschaften eigen ist, heisst «Weltmeister». Wir warten jetzt schon 24 Jahre auf den Titel. Mit einer Niederlage würde einer ganzen Generation von Spielern die Krönung fehlen. Vor allem der Umstand, dass noch nie eine europäische Mannschaft auf südamerikanischem Boden Weltmeister wurde, verleiht diesem einen Spiel noch einmal eine grössere Dimension. Eine für die Geschichtsbücher.

Andreas Brehme erzielte mittels Penalty den 1:0-Siegtreffer

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