Lara Gut ist sauer. Nur eine Zehntelsekunde fehlt der Tessinerin in der Olympia-Abfahrt zum Sieg. Was bleibt, ist die Bronzemedaille.

Aller Ehren wert, denken viele. Nicht so Lara Gut.

Granit Xhaka formt seine Finger zu einem Herzen. Er setzt sich in Szene, als hätte er die Schweiz soeben in die Achtelfinals geschossen. Dabei war Xhakas Tor bestenfalls Kosmetik. 2:5 statt 1:5 gegen Frankreich.

Persönlicher Erfolg ist subjektiv. Schliesslich gilt es, die eigenen Erwartungen zu erfüllen. So gesehen ist nichts Verwerfliches an Xhakas Jubel.

Doch in einem Mannschaftssport zählt nicht allein die persönliche Genugtuung, sondern der Erfolg des Teams – zumindest in einer perfekten Welt.

Xhaka sendet: Nichts geht über meinen persönlichen Erfolg

Natürlich leben wir nicht in einer perfekten Welt. Sonst hätte die goldene Generation nicht derart enttäuscht gegen Frankreich.

Xhaka darf sich ruhig über seinen Treffer freuen. Aber er sollte sich bewusst sein, welches Signal er aussendet. Nämlich: Nichts geht über meinen persönlichen Erfolg.

Was Gift für jede Mannschaft sein kann. Ausserdem verstärkt Xhakas Jubel den Eindruck, dass dieses Nationalteam noch in den Kinderschuhen steckt.

So viel ist klar: Dieser Mannschaft fehlt es nicht an fussballerischer Klasse. Ludovic Magnin, der am Ende seiner Karriere noch mit Xhaka und Shaqiri zusammengespielt hat, sagt: «Individuell ist das heutige Nationalteam 20 000-mal besser als jenes von 2006.»

Zur Erinnerung: Damals qualifizierte sich die Schweiz als Gruppensieger vor Frankreich für die WM-Achtelfinals. Heute kämpft sie gegen Honduras um Platz 2.

Natürlich übertreibt Magnin. Doch der Kern seiner Aussage stimmt. Nie war die Nationalmannschaft talentierter als heute. Aber selten war sie so arm an Persönlichkeit und Leadership – und doch so selbstverliebt.

Ein glücklicher Arbeitssieg gegen Ecuador reicht Ricardo Rodriguez, um sich und Stephan Lichtsteiner als bestes Aussenverteidiger-Duo der WM auszuzeichnen.

Oder Xherdan Shaqiri: Auf ihm lastet reichlich viel Druck, weil er als Einziger die Gabe hat, ein Spiel alleine zu entscheiden.

Aber die Transformation vom Ergänzungsspieler in München zum Leistungsträger in der Nationalmannschaft ist ihm an der WM bislang nicht gelungen.

In München loben sie ihn für sein tadelloses, reifes Verhalten. In der Nationalmannschaft eckt er mit seinem infantilen Stargehabe an.

Und wenn er trotz pitoyabler Vorstellung nach dem Spiel gegen Ecuador von der Fifa zum Mann des Spiels gewählt wird, findet Shaqiri, er hätte diese Auszeichnung verdient.

Dabei fällt er auf dem Platz eher mit Lamentieren statt mit Dribblings auf. Und Xhaka? Der hat schon zu Beginn der WM-Qualifikation vom Halbfinal schwadroniert.

Forsch ist gut. Aber die Worte korrespondieren nicht mit den Taten. Ausserhalb des Platzes wünschten wir uns etwas mehr Durchblick.

Wenn Admir Mehmedi sagt, es sei schwierig, mit der brasilianischen Bevölkerung in Kontakt zu treten, weil er kein Spanisch spreche, ist das peinlich.

Ebenso Gökhan Inler, der Captain notabene, der nach dem 2:5 gegen Frankreich sagt: Man müsse die Fehler besser machen.

Das Wesentliche bei dieser WM sind Leidenschaft und Teamwork

Das alles wirft kein helles Licht auf die Nationalmannschaft. Mit klugen Sätzen allein gewinnt man zwar kein Fussballspiel.

Aber ein wacher, interessierter Geist dient dem Spieler nicht nur vor dem Mikrofon. Er hilft auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das Wesentliche bei dieser WM sind Leistungsbereitschaft, Leidenschaft und Teamwork.

Die Qualifikation für die Achtelfinals allein macht aus dem Schweizer Nationalteam noch keine abgeklärte Equipe. Aber sie würde vielleicht den Lernprozess beschleunigen.

Denn allein aufgrund des fussballerischen Potenzials gehört die goldene Schweizer Generation in die Runde der Letzten 16.

Das macht die Situation nicht einfacher. Umso mehr wäre das Weiterkommen eine erste erfolgreiche Reifeprüfung für dieses junge Team.

Aber dafür braucht es auch einen Trainer, der über die Taktik hinaus auf die Spieler einwirkt.