WM-Final

Den Titel für Deutschland – «Damit endlich das blöde Gerede aufhört»

Er will den Titel nach 24 Jahren wieder nach Deutschland bringen

Jogi Löw zeigt seiner Truppe, wo's langt geht

Er will den Titel nach 24 Jahren wieder nach Deutschland bringen

Deutschland hat sich mit der 7:1-Gala gegen Brasilien für den WM-Final vom Sonntag in die Favoritenrolle geschoben. Das Team von Joachim Löw kann sich belohnen für die Konstanz und Kontinuität der letzten Jahre.

Seit 2006 hat Deutschland an jeder WM oder EM mindestens die Halbfinals erreicht, Routine ist genug vorhanden. Die logische Konsequenz wäre, dass für die "goldene Generation" von Bundestrainer Joachim Löw nun die Steigerung folgt und dass sie in ihrer Hochblüte erstmals an einer grossen Endrunde einen Titel gewinnt.

Es wäre die erste bedeutende Trophäe für den DFB seit dem Final-Sieg an der EM 1996 und dem "Golden Goal" des aktuellen Team-Managers Oliver Bierhoff. In Deutschland sehnen sie sich danach, dass diese Durststrecke zu Ende geht. Mit Schönheitspreisen möchte man sich nicht mehr begnügen.

Löw will nach Sepp Herberger (1954), Helmut Schön (1974) und Franz Beckenbauer (1990) der vierte Coach werden, der Deutschland einen WM-Titel beschert. Wolfgang Niersbach, heute im DFB Präsident, 1990 noch Pressechef, sagt: «Ich würde Jogi diesen Titelgewinn gönnen. Schon deshalb, damit das blöde Gerede aufhört, mit ihm wäre der Sprung auf das oberste Podest nicht möglich. Das stimmt ganz einfach nicht.»

Gerade nach dem heiklen Achtelfinal gegen Algerien habe Löw auf alle Kritik professionell, ruhig und souverän reagiert, so Niersbach weiter. «Das überträgt sich sofort auf die Mannschaft.»

Die Balance stimmt

Argumente gibt es genug, die dafür sprechen, dass den Deutschen im Maracanã der bedeutende Coup gelingt.

Die Mannschaft, die sich auf einen starken Stamm von Bayern München verlassen kann, hat sich an dieser WM bis auf die kleinen Durchhänger gegen Ghana und Algerien gefestigt gezeigt.

Sie demonstrierte auch, dass sie anpassungsfähig ist. Egal mit welchem System und mit welchen Spielern: Am Ende stand immer ein positives Resultat zu Buche.

Die Balance innerhalb der Truppe stimmt. Goalie Manuel Neuer scheint unüberwindbar, die Abwehr hat zu Stabilität gefunden, und die "Sechser" Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira haben sich auf das höchste Level gehievt, obwohl es noch nicht lange her ist, seit sie ihre Verletzungen überstanden haben.

Anders als in der argentinischen Offensive, in der praktisch alles auf Lionel Messi ausgerichtet ist, ist die Verantwortung im deutschen Angriff auf viele Schultern verteilt. Dies ist auch durch die acht verschiedenen Torschützen dokumentiert.

Thomas Müller bietet sich die Chance, sich als erster Spieler ein zweites Mal zum WM-Torschützenkönig zu krönen. Miroslav Klose, der neue WM-Rekord-Goalgetter, ist auch mit 36 Jahren ein Garant für Tore. Er kann zudem als einziger Endspiel-Teilnehmer für sich beanspruchen, schon einmal in einem WM-Final dabei gewesen zu sein (2002, 0:2 gegen Brasilien).

Die Deutschen haben überdies wieder ihre Stärken bei Standard-Situationen entdeckt, auch wenn der eine Freistoss-Trick gegen Algerien mit Müller in der Hauptrolle in die Hosen gegangen ist.

Es waren "ruhende Bälle", die am Ursprung standen der frühen 1:0-Führung im Viertelfinal gegen Frankreich und gegen Brasilien. Deutschland hat zweifelsohne viele Trümpfe zu bieten. Zu ihnen gehört auch die Ersatzbank. Ein André Schürrle beispielsweise hat nachhaltig bewiesen, dass auf ihn als "Joker" Verlass ist.

Ein Plus könnte auch sein, dass sich Deutschland im Halbfinal im Gegensatz zu Argentinien nicht während 120 Minuten hatte verausgaben müssen und dass "Schwarz-Rot-Gold" ein Tag mehr für die Regeneration blieb. "Jogi" Löw kann am Sonntag auf seine Top-Elf zählen. Abwehr-Patron Mats Hummels hat offenbar seine Sehnenreizung in der rechten Kniekehle auskuriert.

Messi soll es ähnlich ergehen wie Cristiano Ronaldo

Was also sollte die Deutschen aufhalten können? Wo lauern die Gefahren? Über Überheblichkeit sollte die DFB-Auswahl nicht stolpern. Sie strahlt in diesen Tagen Demut aus.

Co-Trainer Hansi Flick versichert, sie seien klug genug, um die Machtdemonstration gegen Brasilien richtig einzuordnen. Abheben tue niemand. Dies wäre ein solides Fundament dafür, dass den Deutschen nicht wie 2012 im EM-Halbfinal gegen Italien Nachlässigkeiten zum Verhängnis werden.

Vor Argentiniens Superstar Lionel Messi ist der Respekt in den deutschen Reihen vorhanden, man erstarrt jedoch nicht in Ehrfurcht.

Aussenverteidiger Benedikt Höwedes erinnerte daran, dass man in der Gruppenphase auch mit einem von ähnlichem Kaliber fertiggeworden sei und nannte dabei Cristiano Ronaldo. Die Deutschen hatten Portugal mit 4:0 deklassiert. Höwedes meinte, mit einem funktionierenden Kollektiv seien solche brillanten Einzelkönner zu stoppen.

Das Publikum dürfte sich kaum geschlossen gegen die Deutschen verschwören. Von den Brasilianern werden sich nicht wenige mit der DFB-Equipe gegen den Erzrivalen Argentinien verbünden. Ein deutscher Sieg wäre historisch. Erstmals würde sich an einer WM in Nord-, Mittel- oder Südamerika eine europäische Mannschaft durchsetzen.

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