Die Schweiz hat sich gegen Frankreich im zweiten WM-Spiel ein monumentales Blackout geleistet. Das 2:5 gegen "Les Bleus" ist einem Debakel gleichzusetzen. Nicht die Achtelfinal-Qualifikation ist nun das Thema, sondern ein mögliches Scheitern.

Ottmar Hitzfeld hatte eine Begegnung auf Augenhöhe erwartet. Er, die Equipe und auch das Gros der Beobachter glaubten, die späte Wende zum Glück gegen Ecuador, würden weitere Kräfte freisetzen. Die Schweizer hielten gegen den früheren Weltmeister gar den grossen Coup für möglich, in ihren Gedankenspielen kam primär der entscheidende Schritt Richtung Achtelfinal vor.

Was sich nun aber in der "Arena Fonte Nova" abspielte, hätte nun allerdings nicht einmal der grösste Schweizer Pessimist vorherzusagen gewagt. Die SFV-Auswahl erlitt ein Debakel.

Die vormals stolze Equipe, die in der Qualifikation nicht ein einziges Mal verloren hatte und innerhalb der letzten 25 Monate bei lediglich zwei Niederlagen kaum einmal unter ein Mindestlevel absackte, bezog eine epochale Lektion - die höchste Pleite an einer Endrunde seit dem 0:5 an der WM 1966 in Sheffield gegen Deutschland.

Als die Hilflosigkeit der Schweizer dramatische Ausmasse annahm und sich einzig Diego Benaglio gegen ein noch schmerzhafteres Ergebnis auflehnte, drückten die Franzosen genussvoll noch mehr aufs "Gaspedal". Sie begnügten sich nicht damit, der Nummer 6 der FIFA-Weltrangliste die Grenzen aufzuzeigen, sie demütigten die Auswahl von Ottmar Hitzfeld gnadenlos.

Droht im Dschungel das Out?

Benzema und Sissoko krönten die französische Gala in Salvador mit einer weiteren Doublette. Und als beim aus SFV-Optik deprimierenden Stand von 0:5 von den Zuschauerrängen die "Marseillaise" erklang, taumelten die gezeichneten Schweizer nur noch, derweil die Anhänger Frankreichs in alten Weltmeister-Zeiten schwelgten. Die Schweizer hingegen hatten eine Schmach zu verkraften, wie sie ihnen letztmals vor 63 Spielen (0:4 gegen England) widerfahren ist.

Die Franzosen hatten ihr "Fiasco de Knysna" vor vier Jahren, die Schweizer nun ihren kolossalen Absturz von Salvador. Mit einer Spieler-Revolte ist zwar keinesfalls zu rechnen, aber der Verarbeitungsprozess wird Energie kosten. Hitzfeld muss die wohl grösste Enttäuschung seiner Ära ohne Verzögerung bewältigen. Innerhalb von wenigen Tagen muss er die Verunsicherung aus den Köpfen der Spieler bringen.

Er wird in der Analyse mutmasslich auch die letzten Minuten hervorheben, in denen die späte Kosmetik gelang - und in denen Dzemaili und Xhaka mit ihren Treffern den Schaden zwar nur marginal begrenzten, aber immerhin das Torverhältnis auf minus zwei reduzierten. Im Dschungel von Manaus könnten die späten Treffer womöglich noch eine entscheidende Rolle spielen, wenn die Schweiz gegen Honduras das zweite frühzeitige WM-Out zu verhindern versucht.

Girouds Tritt, Schweizer Zerfall

Eine einzige Aktion der aufgeputschten Franzosen genügte, im Schweizer Team eine kollektive Verunsicherung auszulösen. Olivier Giroud, gegen Honduras nur Joker, rammte Steve von Bergen früh den (zu) hohen Fuss ins Gesicht. Für den Schweizer war die Partie damit nach sechs Minuten zu Ende - der YB-Verteidiger schied mit einem Cut unterhalb des linken Auges aus.

Mit seinem Tritt erschütterte der Arsenal-Professional nicht nur den Kopf von Bergens, sondern verwundete die Schweiz mitten im Zentrum. Ohne ihren Patron, der zuvor während der WM-Kampagne in zehn von elf relevanten Partien spielte und fast immer überzeugte, verlor Hitzfelds Equipe zuerst den defensiven Kopf, dann die taktische Ordnung und letztlich komplett die Orientierung.

Dass ausgerechnet Giroud in der 17. Minute nach einem Corner per Kopf Benaglio ein erstes Mal bezwang, war aus der Optik der Schweizer natürlich doppelt bitter. Und noch ehe sie sich von diesem Tiefschlag erholt hatten, folgte bereits der nächste: 70 Sekunden (!) später erhöhte Matuidi auf 2:0.

Benaglio liess sich aus relativ spitzem Winkel düpieren. Aber dem Keeper ist der zweite Gegentreffer nur bedingt anzulasten. Der Verursacher des Problems war ein anderer: Valon Behrami. Der Tessiner leistete sich einen Fauxpas, der auf WM-Niveau selten zu sehen ist. Unbedrängt passte er nach dem Anspiel zurück - direkt in die Füsse von Benzema, der dank dem Geschenk zum unverhofften Break gelangte.

Beim 0:3 liessen sich die Schweizer gar regelrecht vorführen. Nach dem ersten Corner der Schweizer schüttelten "Les Bleus" den komplett überforderten Kontrahenten mit einer Passfolge im Highspeed-Modus endgültig ab. Der im Höchsttempo umgesetzte Gegenzug führte via Benzema, Varane, Giroud und Valbuena zum 3:0. Deschamps Team degradierte die Schweizer nicht nur in jener Szene ausnahmslos zu Statisten.

Unerklärlicher Absturz

Wie sich Hitzfelds Mannschaft während der ersten Hälfte verhielt, war unerklärlich und im hohen Mass fahrlässig. Gegen den frühzeitigen Zerfall lehnte sich eigentlich nur Mehmedi auf. Der Freiburger kam vereinzelt zu Schüssen, der Rest verschwand von der Bildfläche. Bei einigen war die Fallhöhe im Vergleich zum Startsieg (2:1 gegen Ecuador) extrem hoch.

Behrami beispielsweise, der mit seinem wilden "Ritt" übers Feld den Last-Minute-Sieg beim geglückten WM-Auftakt erst ermöglicht hatte, reihte einen Fehler an den anderen. Er war mit seiner wirren Spielweise keine Hilfe, sondern eine Hypothek. In der Pause stoppte Hitzfeld Behramis Darbietung. Eine markante Besserung trat nicht ein. Die kollektive Auflösung schritt weiter voran.

Keiner konnte die Franzosen aufhalten. Weder der Captain Inler, noch die Aussenverteidiger Rodriguez und Lichtsteiner, geschweige denn das wacklige Duo Senderos und Djourou. "Les Bleus", die seit dem 3:0 in der Barrage gegen die Ukraine ohne Niederlage sind und in sechs Partien 24 Tore markierten, waren nicht zu stoppen. Dass sie nach dem 3:0 gegen Honduras dabei auf weniger Widerstand stiessen, hätte kaum ein Experte für möglich gehalten.

Schweiz - Frankreich 2:5 (0:3)

Fonte Nova, Salvador. - 51'003 Zuschauer. - SR Kuipers (Ho). - Tore: 17. Giroud (Corner Valbuena) 0:1. 18. Matuidi (Benzema) 0:2. 40. Valbuena (Giroud) 0:3. 67. Benzema (Pogba) 0:4. 73. Sissoko (Benzema) 0:5. 81. Dzemaili (Freistoss) 1:5. 87. Xhaka (Inler) 2:5.

Schweiz: Benaglio; Lichtsteiner, Djourou, Von Bergen (9. Senderos), Rodriguez; Behrami (46. Dzemaili), Inler; Shaqiri, Xhaka, Mehmedi; Seferovic (69. Drmic).

Frankreich: Lloris; Debuchy, Varane, Sakho (66. Koscielny), Evra; Cabaye; Sissoko, Matuidi; Valbuena (82. Griezmann), Benzema; Giroud (63. Pogba).

Bemerkungen: 9. Von Bergen verletzt out (Gesicht). 27. Tor von Xhaka aberkannt (Offside). 32. Benaglio wehrt Foulpenalty von Benzema, Cabayes Nachschuss an die Latte. Schweizer Ersatzspieler: Ziegler, Lang, Barnetta, Sommer, Stocker, Fernandes, Gavranovic, Bürki, Schär. Verwarnung: 88. Cabaye (Foul/gegen Ecuador gesperrt).

Der frech geschriebene Liveticker von Renato Schatz mit Countdown-Liveticker der Redaktion zum Nachlesen:

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