Am Donnerstagabend um 20:15 Uhr fordert die Schweiz im WM-Viertelfinal Finnland. Ist es der Start zum nächsten Hockeymärchen nach dem Finaleinzug 2013? 

PRO von Klaus Zaugg Eishockeyreporter

«Die NHL-Stars haben die Führungsstruktur verändert»

Die Geschichte sagt uns, es sei unmöglich. Der letzte Sieg gegen Finnland an einem Titelturnier liegt 30 Jahre (1988, Olympia Calgary) und bei einer WM noch länger zurück (1972 in Prag). Und das waren erst noch Vorrundenspiele.

Die Gegenwart ist ganz anders. Ohne das Wissen um die Geschichte wäre klar: die Chancen stehen mindestens bei 50:50. Zum ersten Mal hat Nationaltrainer Patrick Fischer die spielerischen Mittel, um das für seine Amtszeit so typische neue Selbstvertrauen (von Arroganz zu reden, wäre unhöflich) in die Tat umzusetzen. Hier in Kopenhagen steht ihm die beste WM-Mannschaft unserer Geschichte zur Verfügung. In einem Einzel-Talentwettbewerb hätten wir gegen die Finnen sehr gute Chancen. Eine wesentliche Differenz zu unseren Ungunsten gibt es nicht einmal mehr bei der NHL-Power. Höchstens eine kleine auf der Torhüterposition.

Aber war das nicht auch beim olympischen Turnier so? Haben wir nicht auch da von Medaillen und «Jahrhundert-Chance» fabuliert? Ja, das war auch dort so. Aber unsere Nationalmannschaft war beim olympischen Turnier wie die SCL Tigers unter Scott Beattie. Die Führung an der Bande fehlte und so wie die Langnauer hatten auch die Schweizer nicht die charismatischen Führungsspieler, um das Team zusammenzuhalten.

Das ist bei dieser WM ganz anders. Die Präsenz der NHL-Stars macht auch jeden einzelnen aus der NLA ein bisschen grösser, ein bisschen schneller, ein bisschen besser. Die NHL-Stars haben die ganze Führungsstruktur verändert. Sie wirken wie Spielertrainer, ordnen die Dinge auf und neben dem Eis und entlasten so Nationaltrainer Patrick Fischer. Und der wiederum sorgt für die gute Stimmung und jenen Optimismus («Yes, we can!»), die eidgenössischen Teams manchmal fehlen. Wir haben bei dieser WM die perfekte Mischung aus spielerischer Klasse, starken Spielerpersönlichkeiten und guter Stimmung. Es gibt nicht einen einzigen Grund, warum die Schweizer morgen Abend Finnland nicht besiegen können – ausser der Ungewissheit eines unberechenbaren Spiels auf rutschiger Unterlage.

KONTRA von Marcel Kuchta, Eishockeyreporter

«Die Flucht nach vorne wird der Schweiz zum Verhängnis»

Machen wir uns nichts vor: Unter normalen Umständen geht die WM-Reise für die Schweizer Nationalmannschaft morgen Abend in Herning zu Ende. Zu viel spricht für Finnland. Sie haben die besseren Spieler, den grösseren Erfolgsausweis und sind quasi in jeder relevanten Statistik an dieser WM besser als die Schweiz. Wie soll man also ein Team schlagen, welches die mit NHL-Superstars wie Connor McDavid und Patrick Kane gespickten Mannschaften aus Kanada und den USA mit 5:1 bzw. 6:2 vom Eis fegt? Es ist schwierig, stichhaltige Argumente für einen Exploit zu finden. Das Prinzip Hoffnung regiert. Die Hoffnung, dass in einem Spiel alles zusammenpasst.

So sehr ich den Schweizern diesen Exploit auch gönnen würde: Aber am Donnerstagabend geht das WM-Abenteuer für die vielleicht talentierteste Schweizer Auswahl der Geschichte zu Ende. Es machte in den vergangenen eineinhalb Wochen viel Spass, der Mannschaft von Patrick Fischer bei der Arbeit zuzusehen. Wobei Arbeit eigentlich das falsche Wort ist. Die „Eisgenossen“ gingen in der Regel mit viel Schwung und Spielfreude ans Werk. Setzten die optimistische Taktik des Coaching-Staffs gut um. Keine Spur von defensiven Zwängen. Eishockey wurde da nicht gearbeitet.

Aber genau dieser Optimismus, diese Flucht nach vorne, wird den Schweizern im Viertelfinal nun zum Verhängnis werden. Weil man gegen eine überaus talentierte und hartnäckige Mannschaft wie Finnland eben auch mit einer grossen Portion taktischem Realismus ans Werk gehen muss. Das heisst, dass man sich absolut keine Nachlässigkeiten erlauben darf. Dass die Taktik defensiv ausgerichtet sein muss. Dass man auf dem Feld sprichwörtlich arbeiten muss. Wenn man diese Finnen spielen lässt und ihnen Räume gewährt, dann wird es schwierig. Und genau in diesen Bereichen weisen die Schweizer ihr grösstes Defizit auf.

Wunder gibt es im Sport bekanntlich immer wieder. Die Schweizer werden in Herning kein solches erleben. Höchstens ein blaues – die Finnen spielen ja in blauen Tenues.