Challenge League

Witz-Freispruch nach Brügglifeld-Flaschenwurf: Liga-Richter ist Xamax-Präsidenten auf den Leim gekrochen

Xamax-Profi Nuzzolo kommt ohne Sperre davon.

Xamax-Profi Nuzzolo kommt ohne Sperre davon.

Von der Xamax-Ersatzbank fliegt eine Trinkflasche auf das Spielfeld im Aarauer Brügglifeld. Der Schiedsrichter zeigt dem vermeintlichen Übeltäter die Rote Karte. Eine Sperre für die unsportliche Aktion spricht die Swiss Football League aber nicht aus.

Die Folgegeschichten nach dem 2:0-Heimsieg des FC Aarau gegen Xamax am 29. September reissen nicht ab. Neuste Episode: Trotz Flaschenwurf von der Neuenburger Ersatzbank wird kein Xamax-Akteur gesperrt. Unglaublich? Ja - aber wahr.

Rückblende: In der zweiten Halbzeit dieses mittlerweile denkwürdigen Fussballspiels fliegt von der Xamax-Ersatzbank plötzlich eine gelbe Trinkflasche auf den Rasen im Brügglifeld. Schiedsrichter Pascal Erlachner macht Pietro di Nardo als Übeltäter aus und zeigt diesem die Rote Karte. Naheliegende Konsequenz: Di Nardo wird für sein Vergehen mindestens für ein, vielleicht für zwei Spiele gesperrt. 

Tatsächlich Freispruch für Xamax-Duo

Doch es kommt alles anders. Am Tag nach dem Spiel schreibt Xamax-Präsident Christian Binggeli eine Mail an die Swiss Football League. In diesem gibt sich Binggeli als Ehrenmann aus, indem er mitteilt, dass nicht Di Nardo, sondern Captain Nuzzolo die Flasche geworfen habe. Auch wenn Nuzzolo ein wichtiger Spieler sei - in seinem Klub habe Gerechtigkeit höchste Priorität. Binggeli im Wortlaut: "Ich bin gegen Ungerechtigkeit und finde jeder muss Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Auch wenn das in diesem Fall bedeutet, dass uns einer der wichtigsten Spieler fehlen wird." Naheliegende Konsequenz nach der ersten Wendung in dieser Story: Statt di Nardo wird nun Nuzzolo von der SFL gesperrt.

Denkste! Am Donnerstag, knapp eine Woche nach dem Spiel, teilt die SFL mit: Weder Di Nardo noch Nuzzzolo werden gesperrt. Di Nardo nicht, weil Xamax-Präsident Binggeli ihn freigesprochen habe. Und Nuzzolo nicht, weil er aufgrund des vorliegenden Beweismaterials nicht zweifelsfrei als Flaschenwerfer ausgemacht werden könne.

Der Disziplinarrichter widerspricht sich

Da wiehert der Amtsschimmel aus dem Justiz-Dickickt der SFL mal wieder besonders laut. Mehr noch: Der Disziplinarrichter, der diesen Entscheid gefällt hat, widerspricht sich: Wenn er den Freispruch für Nuzzolo schon damit begründet, dass es keinen Beweis für dessen Flaschenwurf gebe - warum wird dann auch Di Nardo freigesprochen? Offensichtlich geschah dies auch nur wegen der Aussage von Xamax-Präsident Binggeli - und nicht, weil TV-Bilder Di Nardo entlasten. Zusammengefasst heisst das also: Die Aussage von Binggeli, Di Nardo habe keine Flasche geworfen, führt zum Freispruch. Die Aussage von Binggeli, Nuzzolo habe stattdessen geworfen, hat aber keine Strafe zur Folge. Komme draus, wer wolle.

Es ist nicht der einzige Entscheid der SFL, der für Verwunderung sorgt: Nach dem Platzverweis für die beiden Trainer Marinko Jurendic (FCA) und Michel Decastel (Xamax) wird nur Jurendic gesperrt - Decastel erhält nur einen Verweis. Obwohl laut SFL Platzverweise gegen Trainer gleich geahndet würden wie Rote Karten für Spieler: Mit der automatischen Sperre für das nächste Pflichtspiel.

Präsident Christian Binggeli präsentiert das Xamax-Logo.

Präsident Christian Binggeli präsentiert das Xamax-Logo.

Xamax-Präsident ein Ehrenmann? Von wegen!

Und was den vermeintlichen Ehrenmann Christian Binggeli angeht: Dieser entpuppt sich im Nachhinein als schlechter Verlierer. Erst attackiert er in einem Artikel auf der Xamax-Homepage Aarau-Verteidiger Stéphane Besle massiv - bezeichnet ihn als "Mörder" und "schändlich für einen zukünftigen Polizisten". Und sein Schreiben an die SFL, in dem er um Freispruch für Di Nardo und Bestrafung für Nuzzolo bittet, scheint nach der neusten Entwicklung alles andere als ein Akt von Grösse, sondern eiskalte Berechnung gewesen zu sein. Oder, je nach Sichtweise, ein kluger Schachzug im Sinne purer Eigeninteressen: Man muss davon ausgehen, dass Binggeli wusste, dass Nuzzolo ohne Beweisbilder von der Liga nicht bestraft wird. Die SFL hat ihm diesen Wunsch erfüllt.

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