Abfahrts-Podest
Wird Urs Kryenbühl bald Weltmeister? Wendy Holdeners Onkel wettet darauf

Der 26-jährige Urs Kryenbühl fährt in der Abfahrt von Val d’Isère auf Rang drei. Wer ist der Mann, der sich vegan ernährt und an Beat Feuz erinnert?

Martin Probst
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Urs Kryenbühl: Aufgewachsen im selben Dorf wie Wendy Holdener, nun mit dem zweiten Podestplatz seiner Karriere.

Urs Kryenbühl: Aufgewachsen im selben Dorf wie Wendy Holdener, nun mit dem zweiten Podestplatz seiner Karriere.

Alessandro Trovati / AP

Urs Kryenbühl war in Eile. «Ich sagte zur Kollegin, mach schnell ein Foto, vielleicht bin ich hier gleich wieder weg.» Kryenbühl sass da gerade im Sitz für den Führenden in der Abfahrt von Val d’Isère. Er spürte, dass die Piste weiterhin schnelle Fahrten zulässt.

Und dann ist da noch die Geschichte: Auf keiner anderen Abfahrt im Weltcup gab es mehr Siege mit hohen Startnummern. Fritz Strobl gewann hier 1996 mit Nr. 43, Pepi Strobl 1994 mit Nr. 61 und Reinhard Tritscher 1992 mit Nr. 45.

Kryenbühl, mit Nr. 14 ins Rennen ge­startet, sollte recht behalten. Zwar blieb er doch etwas länger sitzen als befürchtet. Doch nach Nr. 26 war Schluss: Otmar Striedinger fuhr Bestzeit. Der Österreicher durfte dann länger hoffen. Bis Martin Carter mit Nr. 41 kam und ihm den Sieg wegschnappte.

Das Siegerpodest von Val d'Isère: Der Slowene Martin Carter gewinnt, links von ihm der Österreicher Striedinger (2.), rechts Kryenbühl.

Das Siegerpodest von Val d'Isère: Der Slowene Martin Carter gewinnt, links von ihm der Österreicher Striedinger (2.), rechts Kryenbühl.

Alessandro Trovati / AP

Für alle drei wäre es der erste Sieg im Weltcup gewesen. Für den Slowenen ist es gleichzeitig das erste Mal, dass er aufs Podest fährt. Striedinger hat nun vier, Kryenbühl zwei Podestplätze vorzuweisen. Vor einem Jahr war der Schweizer in der Abfahrt Bormio Zweiter geworden.

Ein Dorf, das gute Skifahrer herausbringt

Doch wer ist dieser Kryenbühl, der im Weltcup mit Ausnahme der zwei Podestplätze nie in die Top 10 gefahren ist?

Mit Sonnenbrille steht er im Ziel und wartet, bis endlich alle 61 Fahrer ihr Rennen beendet haben. Er plaudert entspannt mit Ralph Weber, lässt sich auch sonst äusserlich nicht aus der Ruhe bringen. Ziemlich cool. Und vor allem mit einer grossen Portion Schalk.

Als das Zittern um 13 Uhr, und damit mehr als eineinhalb Stunden nach seiner Zielpassage, zu Ende ist, klatscht er kurz ab. Und greift dann wenig später auf dem Weg zur Siegerehrung schelmisch grinsend und mit voller Absicht nach dem Pokal für den Sieger, um dann doch seine Trophäe zu nehmen.

Kryenbühl ist in Unteriberg aufgewachsen und wohnt noch immer dort. Genau wie Wendy Holdener, die nur ein Jahr älter ist als der 26-Jährige. Gibt es ein Geheimnis, warum dieses kleine Dorf im Kanton Schwyz so gute Skifahrer herausbringt? «Wir sind oft in der Natur», sagt er. «Es gibt bei uns im Sommer das Biken und im Winter das Ski­fahren.» Komme hinzu, dass mit dem Hoch-Ybrig «ein super Skigebiet» quasi vor der Haustüre liegt.

Vegane und vegetarische Ernährung als Puzzleteil

Kryenbühl ist 1,72 Meter gross und erinnert von der Postur an Beat Feuz, der einen Zentimeter grösser ist. «Unser Fahrstil ist recht ähnlich», sagte Kryenbühl im Interview mit dem «Bote der Urschweiz». «Trotzdem möchte ich mich nicht mit Beat auf dasselbe Podest heben, denn was er erreicht hat, ist einmalig und beeindruckend.»

Doch auch Franz Heinzer, der ehemalige Abfahrts­held und sein Trainer im Europacup, machte den Vergleich im «Blick»: «Kryenbühl hat in der Jugendzeit wie Feuz vor allem vom riesengrossen Talent gelebt. Aber vor zwei Jahren hat er kapiert, dass für den letzten Schritt Talent alleine nicht genügt.»

Zu diesem Prozess gehört, dass er die Ernährung umgestellt hat und zu Hause vegan lebt. Im Weltcup, wenn er auf Reisen ist, ernährt er sich vegetarisch. «Als Veganer wäre es in den Hotels zu schwierig, immer ausgewogen zu essen», sagt Kryenbühl, der eine Lehre als Hotelkaufmann gemacht hat.

Nach dem Exploit in Bormio vor einem Jahr verletzt er sich im Training in Wengen und zog sich einen Anriss des Syndesmosebands am rechten Sprunggelenk zu. Ähnliches will er vermeiden und setzt die Ziele bewusst nicht zu hoch.

Sein Umfeld macht ihm diesen Gefallen allerdings nicht immer. In der NZZ hat Edgar Holdener, der Onkel von Wendy, verraten, dass er eine Wette eingegangenen ist, dass Kryenbühl 2021 Weltmeister werde. Dieser sagt darauf angesprochen: «Ich mache mir keine Gedanken über solche Dinge. Aber wenn ich dafür sorgen könnte, dass er die Wette gewinnt, wäre das schon toll.» Und da ist er wieder, der Schalk.

Super-G-Sieger Caviezel bricht sich einen Finger

Beat Feuz beendete das Rennen auf Rang sechs und fuhr trotz ungünstig tiefer Startnummer auch in der 27. Abfahrt in Folge in die Top 8. Mauro Caviezel, der Sieger des Super-G, klassierte sich zeitlich mit Ralph Weber und unmittelbar vor Carlo Janka im 16 Rang.

Gewinnt am Samstag sein erstes Weltcuprennen: Mauro Caviezel.

Gewinnt am Samstag sein erstes Weltcuprennen: Mauro Caviezel.

Guillaume Horcajuelo / EPA

Der 32-Jährige, der am Samstag nur sechs Monate nach einem Achillessehnenriss sein erstes Weltcup-Rennen gewann, touchierte eine Torstange und brach sich dabei den Zeigefinger an der linken Hand. «Ich setze alles daran, um in Gröden am Start zu stehen», sagt er. In Italien finden am Freitag und Samstag ein Super-G und eine Abfahrt statt.