Eishockey NHL
Wird Hischier die Nummer 1? Der NHL-Draft: Das bestgehütete Geheimnis der Hockey-Welt

Nico Hischier hat bereits den ersten Tag in der grossen Medien- und Marketing-Maschine der NHL hinter sich.

Klaus Zaugg, Chicago
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Nico Hischier könnte im NHL-Draft an erster Stelle ausgewählt werden. Für die Kanadier ein unvorstellbares Szenario.

Nico Hischier könnte im NHL-Draft an erster Stelle ausgewählt werden. Für die Kanadier ein unvorstellbares Szenario.

Bill Smith/NHLI via Getty Images

Ein Schweizer? Nein, für die Kanadier unvorstellbar. Es kann doch nicht sein, dass einer aus der Schweiz mit knapp 15 000 Junioren die Nummer 1 im NHL-Draft wird. Und nicht einer aus Kanada mit über 400 000 registrierten Nachwuchsspielern. Dass Nico Hischier vor Nolan Patrick «gezogen» wird. Die Nummer 1 ist und bleibt eine grosse Sache für die Nordamerikaner. Und wichtig für das seelische Wohlbefinden der Kanadier, die Eishockey als Nationalsport in ihrer Verfassung festgeschrieben haben.

Nummer-1-NHL-Draftpicks seit 1984:

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins
34 Bilder
1985: Wendel Clark, Stürmer, Toronto Maple Leafs
1986: Joe Murphy, Stürmer, Detroit Red Wings
1987: Pierre Turgeon, Stürmer, Buffalo Sabres
1988: Mike Modano, Stürmer, Minnesota North Stars
1989: Mats Sundin, Stürmer, Québec Nordiques
1990: Owen Nolan, Stürmer, Québec Nordiques
1991: Eric Lindros, Stürmer, Québec Nordiques
1992: Roman Hamrlík, Verteidiger, Tampa Bay Lightning
1993: Alexandre Daigle, Stürmer, Ottawa Senators
1994: Ed Jovanovski, Verteidiger, Florida Panthers
1995: Bryan Berard, Verteidiger, Ottawa Senators
1996: Chris Phillips, Verteidiger, Ottawa Senators
1997: Joe Thornton, Stürmer, Boston Bruins
1998: Vincent Lecavallier, Stürmer, Tampa Bay Lightning
1999: Patrik Stefan, Stürmer, Atlanta Trashers
2000: Rick DiPietro, Goalie, New York Islanders
2001: Ilja Kowaltschuck, Stürmer, Atlanta Trashers
2002: Rick Nash, Stürmer, Columbus Blue Jackets
2003: Marc-André Fleury, Goalie, Pittsburgh Penguins
2004: Alexander Owetschkin, Stürmer, Washington Capitals
2005: Sidney Crosby, Stürmer, Pittsburgh Penguins
2006: Erik Johnson, Verteidiger, St. Louis Blues
2007: Patrick Kane, Stürmer, Chicago Blackhawks
2008: Steven Stamkos, Stürmer, Tampa Bay Lightning
2009: John Tavares, Stürmer, New York Islanders
2010: Taylor Hall, Stürmer, Edmonton Oilers
2011: Ryan Nugent-Hopkins, Stürmer, Edmonton Oilers
2012: Nail Jakupow, Stümer, Edmonton Oilers
2013: Nathan MacKinnon, Stürmer, Colorado Avalanche
2014: Aaron Ekblad, Verteidiger, Florida Panthers
2015: Connor McDavid, Stürmer, Edmonton Oilers
2016: Auston Matthews, Stürmer, Toronto Maple Leafs
2017: Nico Hischier, Stürmer, New Jersey Devils

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins

Keystone

Den Stanley Cup können kanadische Klubs inzwischen nicht mehr gewinnen. Das ist schmerzlich genug. 1993 holten die Montréal Canadiens den Pokal zum letzten Mal. Mit Paul DiPietro im Team. Längst wird Kanadas Nationalsport von US-Dollars und Klubs aus den USA dominiert. Aber wenigstens beim Draft sind die Kanadier nach wie vor dabei. Nur 13-mal war seit 1963 nicht ein Kanadier die Nummer 1. Zuletzt vor einem Jahr Auston Matthews. Okay, ein Amerikaner. Dass auch schon Schweden (Mats Sundin war 1989 der erste Europäer), Russen oder Tschechen hin und wieder die Nummer 1 sind, das geht.

Aber ein Schweizer? Das fühlt sich für die patriotischen Kanadier an wie für die Eidgenossen ein Gastschwinger aus Italien im Schlussgang beim Eidgenössischen. Und doch ist es nicht ausgeschlossen. Hischier hat längst alle Tests und Interviews mit den NHL-Klubgenerälen hinter sich gebracht und ist danach noch einmal in seine Heimat zurückgekehrt.

Nico Hischier verwandelt einen Penalty gegen den EHC Olten (05.02.2017):

Erst am Mittwoch ist Hischier mit der Swiss von Zürich nach Chicago zum grossen Ereignis geflogen. Zum NHL-Draft. Es ist ein unspektakulärer Aufbruch zum vielleicht grössten Abenteuer unserer Hockey-Geschichte, zu einer Karriere, die ihn weiter tragen kann als jeden anderen Schweizer Spieler. Begleitet von seinen Eltern, seiner Schwester und von seinem Agenten Gaëtan Voisard steht er beim Boarding unauffällig in der Schlange. Noch ist er im eigenen Land ein «Nobody».

Zeit zum Ausschlafen hat er in Chicago nicht. Der Draft hat für ihn gestern begonnen. Zusammen mit Nolan Patrick wird er schon um 7.45 Uhr von einem lokalen TV-Sender in Beschlag genommen. Anschliessend wartete um 9.45 Uhr Johannes Keller vom Schweizer Fernsehen vor dem Hotel für einen Beitrag. Ein paar Aufnahmen an der Magnificent Mile, Downtown Chicago. Mehr als eine gute Viertelstunde Zeit bleibt nicht.

Denn bereits kurz nach Mittag sind die aussichtsreichsten Draft-Kandidaten – Nolan Patrick, Hischier, Casey Mittelstadt und Gabriel Vilardi – zu einem Hockey-Spiel mit Ball draussen beim United Center, dem Stadion der Blackhawks aufgeboten. Und um 15.45 Uhr zu einer Bootsfahrt auf dem Michigan-See mit Medienvertretern. Jede Minute ist verplant.

Die Stunde der Kaffeesatz-Leser

Es ist der erste offizielle Tag in der Medien- und Marketing-Maschine NHL. Der Draft ist eine grosse Sache für die NHL, die es meisterhaft versteht, ihren Sport zu «verkaufen». Erst recht in den USA, ihrem wichtigsten Markt. 20 000 Fans werden heute Nacht im United Center erwartet, wenn die erste Runde im Draft 2017 zelebriert wird (ab 1 Uhr Schweizer Zeit).
Und wer wird jetzt heute als Nummer 1 gezogen?

Der erste Tag des NHL-Draft 2016:

Die Klubgeneräle, die Agenten, die Scouts reden viel, aber das Geheimnis ihrer Draft-Strategie wahren sie. Göran Stubb, der seit mehr als 30 Jahren das Scouting-Büro der NHL in Europa leitet, sagt: «Wer wen draftet, ist das bestgehütete Geheimnis in der Hockey-Welt. Ich bin schon mit einem Verantwortlichen im Taxi vom Hotel zum Draft gefahren und er hat mir versichert, an einem betreffenden Spieler sicher nicht interessiert zu sein. Er hat genau diesen Spielern gedraftet...» Es ist die Stunde der Experten, der «Kaffeesatz-Leser».

In einem Punkt gibt es allerdings eine grosse Übereinstimmung: Könnte eines der kanadischen Teams zuerst auswählen – Montréal, Ottawa oder Calgary zum Beispiel –, dann hätte Hischier wahrscheinlich keine Chance, heute die Nummer eins zu werden. Ein General Manager einer kanadischen NHL-Organisation, der einen Schweizer statt einen Kanadier zur Nummer 1 im Draft macht, hätte viel, viel Erklärungsbedarf.

Andy Rufener, Agent von Mirco Müller

«Mirco Müllers Trade hat rein gar nichts mit einem möglichen Draft von Nico Hischier
zu tun.»

Es geht auch um Hockey-Patriotismus. Aber die New Jersey Devils dürfen als Erste auswählen. Ein Klub aus den USA. Dann die Philadelphia Flyers vor den Dallas Stars, zwei weitere US-Organisationen. Da und dort ist der Transfer von Mirco Müller als gutes Zeichen für Nico Hischier gewertet worden. New Jersey hat den Verteidiger in einem Transfer-Tauschgeschäft von den San José Sharks geholt.

Damit Hischier in seinem ersten NHL-Team ein bekanntes Gesicht findet und sich zu Hause fühlt? «Das ist vollkommener Unsinn», sagt Müllers Agent Andy Rufener. «Mirco Müllers Trade hat rein gar nichts mit einem möglichen Draft von Nico Hischier zu tun.» Und doch: Hischier kann die Nummer 1 werden. New Jersey mag in vielerlei Hinsicht eine konservative Organisation sein, aber wenn es um Hockey geht, waren die Amerikaner schon immer weltoffen. Sie holten einst Russen und Deutsche ins Team und galten wegen ihrer Internationalität in den 1990er-Jahren also «UNO-Team».

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