Polen - Portugal
Wird die EM für Ronaldo endlich zur grossen Liebe?

Nach vielen Enttäuschungen hofft Portugals Cristiano Ronaldo bei seiner vierten EM auf den grossen Wurf.

Markus Brütsch, Paris
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Wird dies die EM von Christiano Ronaldo?

Wird dies die EM von Christiano Ronaldo?

Keystone

Es ist ein Spiel zum Vergessen. Nichts, aber auch gar nichts haben Portugal und Kroatien in diesem Achtelfinal in Lens zu bieten. 33 523 Fans fragen sich, wie dies möglich ist, wo doch so grossartige Fussballer wie Luka Modric, Ivan Rakitic und Cristiano Ronaldo auf dem Platz stehen.

Doch die 33 523 Besucher werden an diesem Abend Zeuge eines historischen Ereignisses. Denn an diesem 25. Juni 2016 trägt sich im Stade Bollaert-Delelis das Unvorstellbare zu, dass Cristiano Ronaldo während 117 Minuten keinen einzigen Torschuss abgibt. Ausgerechnet der Pistolero, der in den Partien zuvor so häufig aufs gegnerische Tor geballert hat wie der ganze Rest Portugals zusammengezählt, ist fast zwei Stunden lang nicht zu sehen.

Ronaldo und Lewandowski vor dem Viertelfinal unter Druck

Portugal und Polen wollen nach Paris – und ihre Superstars sollen sie dorthin führen. Doch für Cristiano Ronaldo oder Robert Lewandowski wird der Traum vom EM-Endspiel schon im direkten Viertelfinal-Duell von heute Donnerstag in Marseille platzen. Dass Lewandowski an dieser Endrunde noch torlos ist, beschäftigt Polens Trainer Adam Nawalka nicht weiter. «Robert Lewandowski ist einer der besten Stürmer der Welt, für mich die beste Nummer 9 der Welt», sagte Nawalka am Mittwoch. «Robert wird hier doppelt oder dreifach gedeckt.» Als Stürmer will Lewandowski aber nicht nur arbeiten, sondern auch treffen. «Vielleicht werde ich noch der Held und bekomme alles zurückgezahlt», sagte «Lewy» der polnischen Zeitung «Super Express». «Ich muss geduldig sein. Das Wichtigste ist, dass es gut für die Mannschaft läuft.» Dass es bei Polen gut läuft, dafür sind vor allem die starke Abwehr (erst ein Gegentor) und Jakub Blaszczykowski verantwortlich. Der 30-Jährige, dessen Zukunft bei Borussia Dortmund fraglich ist, trumpft nicht nur wegen seiner zwei Tore in Frankreich gross auf. Sein teaminterner Rivale Lewandowski steht bislang klar im Schatten von Blaszczykowski. Mit einem Sieg gegen Portugal und im privaten Torjäger-Duell gegen Ronaldo könnte sich das Blatt aber für Lewandowski wenden. Für den Torschützenkönig der Bundesliga und der EM-Qualifikation ist Ronaldo der beste Spieler der Welt, deswegen hatte er sich auch schon mal Ärger mit den Bayern-Bossen eingefangen. (sid)

Allerdings war Ronaldo schon im Startspiel gegen Island (1:1) indisponiert. Beim 0:0 gegen Österreich hatte er dann Chance um Chance versiebt und schliesslich auch noch einen Penalty − den vierten in seinen sechs letzten Versuchen! − nicht ins Tor gebracht. Was die österreichischen Zuschauer höhnisch mit «Messi! Messi!»-Rufen quittierten, im Wissen, dass der Argentinier Ronaldos ewiger Rivale bei der Wahl zum Weltfussballer ist.

...und 2016 in Frankreich.
4 Bilder
...2012 in Polen und der Ukraine...
...2008 in Österreich und der Schweiz...
Bisher dominierten bei Portugals Superstar Cristiano Ronaldo an den EM-Turnieren die Enttäuschungen: 2004 in Portugal...

...und 2016 in Frankreich.

Keystone

Zwar hatte sich Ronaldo dann im dritten Gruppenspiel gegen Ungarn mit zwei Toren, eines davon mit der Hacke, zum besten Mann auf dem Platz gesteigert, gegen die Kroaten aber war der 31-Jährige wieder jener Ronaldo, der in Portugals Nationalteam viel zu selten sein Potenzial abruft.

Dann aber geschieht dies: Drei Minuten vor dem Ende der Verlängerung erhält Ronaldo 30 Meter hinter der Mittellinie den Ball, spielt ihn zu Renato Sanches und setzt dann zum Sprint an. Wie ein Schnellzug rauscht er in Richtung des kroatischen Tores. Zu einem Zeitpunkt, wo andere mit Krämpfen ausgewechselt werden. Doch der Effort lohnt sich. Ronaldo bekommt von Nani den Ball, schiesst so hart, dass der kroatische Goalie Danijel Subasic den Ball nicht festhalten kann und Ricardo Quaresma die Kugel nur noch über die Linie drücken muss. 1:0 für Portugal, vor allem dank Ronaldo erreicht «A Seleccao das Quinas» den Viertelfinal gegen Polen.

Wird nun vielleicht doch noch die grosse Liebe aus einer bisher so flatterhaften Beziehung zwischen Ronaldo und der Europameisterschaft? Gewiss, ein paar Rekorde sind ihm schon sicher. Denn neben drei WM-Teilnahmen absolviert Ronaldo in Frankreich bereits seine vierte EM. 18 Spiele in diesem Wettbewerb hat noch keiner bestritten. Der Mann von der Insel Madeira ist zudem der Einzige, der bei vier EM-Turnieren mindestens ein Tor geschossen hat. Trifft er nun gegen Polen, ist es sein neunter Treffer bei einer Europameisterschaft, und er zieht mit Rekordhalter Michel Platini gleich. Es wäre sein 61. Tor im 131. Länderspiel; gegen Österreich hatte er Figo als Portugals Rekordinternationalen abgelöst.

Nach dem Sieg über Kroatien jubelten die Portugiesen, als wären sie schon Europameister. Zum Missfallen ihres Captains. Ronaldo trommelte die Mannschaft sogleich zusammen und gab ihr zu verstehen, dass die Mission noch nicht zu Ende sei. «Er ist eben ein exzellenter Leader», sagte Mitspieler João Moutinho, «und dazu kümmert er sich sehr um die Jungen.»

Ronaldos EM-Geschichte ist ein Auf und Ab. Bei seinem ersten Turnier, dem Heimevent 2004, ist er gerade mal 19 Jahre alt und seit einem Jahr bei Manchester United unter Vertrag. Im Startspiel gegen Griechenland wird er in der Halbzeit eingewechselt, läuft nach fünf Minuten unglücklich Georgios Seitaridis in die Hacken – Penalty, 0:2. Zwar gelingt CR17 − die Nummer 7 trug damals noch Figo − in der 90. Minute mit einem Kopfball noch das 1:2, doch das Spiel ist verloren. Im Halbfinal erzielt Ronaldo beim 2:1 gegen Holland ein Tor, verursacht aber im Endspiel den Corner, den die Griechen zum Siegtreffer und zum sensationellen Titelgewinn nützen. Dennoch: Die Presse feiert ihn als aufgehenden Stern am Fussballhimmel.

Bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz ist Ronaldo nicht sehr gut. Deco liest ihm sogar die Leviten und Ronaldo schiesst beim 3:1 gegen die Tschechen sein einziges Tor. Er wird beim 0:2 gegen die Schweiz geschont, verliert dadurch den Rhythmus und spielt beim 2:3 im Viertelfinal gegen Deutschland nur eine Nebenrolle.

Cristiano Ronaldo will für Portugal den Unterschied machen. Findet der Superstar tatsächlich noch zum Jubeln?

Cristiano Ronaldo will für Portugal den Unterschied machen. Findet der Superstar tatsächlich noch zum Jubeln?

KEYSTONE/EPA/CJ GUNTHER

Vier Jahre später, bei der EM in Polen und der Ukraine, beginnt Ronaldo gegen Deutschland und Dänemark erneut schwach und wird dafür herb kritisiert. Inzwischen seit drei Jahren bei Real Madrid, hatte er zuvor im Klub in 55 Spielen 60 Tore geschossen, aber im Nationalteam war mit ihm wieder einmal nicht viel los. Doch dann lief Ronaldo im dritten Gruppenspiel aus dem Nichts − wie 2016 gegen Ungarn − zu grosser Form auf. Er schoss beim 2:1 gegen Holland beide Tore und entschied damit den Viertelfinal gegen Tschechien. Im Halbfinal gegen Spanien vergab er dann aber in der 90. Minute den Matchball, und es kam, wie es nach 120 torlosen Minuten kommen musste: Spanien gewann das Penaltyschiessen.

In Frankreich nimmt Ronaldo nun seinen vielleicht letzten Anlauf, mit Portugal endlich einmal eine EM zu gewinnen. In vier Jahren wird er schon 35 sein. Aber reicht die Qualität seiner Mitspieler überhaupt zum Titelgewinn? Vielleicht, kein Land hat öfter die Viertelfinals erreicht als Portugal (7). «Wir haben eine exzellente Mannschaft und einen guten Trainer», sagt Ronaldo. Vor vier Wochen hat er mit Real die Champions League gewonnen, dabei aber als Spieler mit den meisten Einsätzen nach einer auskurierten Oberschenkelverletzung matt gewirkt.

...oder wird es wieder eine EM zum Vergessen?

...oder wird es wieder eine EM zum Vergessen?

KEYSTONE/AP/MARTIN MEISSNER

Bei der EM nun ist es für ihn nicht nur auf dem Rasen ein Auf und Ab. Nach dem Spiel gegen Österreich holte er sich Sympathiepunkte, als er einem aufs Feld geeilten Fan ermöglichte, ein Selfie mit ihm zu machen. Ein paar Tage später warf er das Mikrofon eines Journalisten in einen See.

Welches Gesicht zeigt Ronaldo nun gegen Polen? Und dann vielleicht im Halbfinal und − vielleicht, vielleicht − im Final? Oder muss er sich schon heute Abend damit abfinden, wie Lionel Messi und Hollands Johan Cruyff in die Geschichte jener grossen Spieler einzugehen, die zwar mit dem Klub Titel gehamstert haben, mit dem Nationalteam aber leer ausgegangen sind?