Schwingen
Wird der Sieger des «Eidgenössischen» tatsächlich zum Millionär – wie behauptet?

Glaubt man alles, was man so hört, hat die Schweiz am Sonntagabend einen neuen Millionär. Der Sieg am Eidgenössischen Schwingfest öffne dem König die Türen zum Reichtum. Eine Million pro Jahr sei ihm garantiert. Doch ist das wirklich so?

Martin Probst
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Schwingerkönig Matthias Sempach an einem Sponsorenauftritt. Für ihn zahlt sich die Popularität aus.

Schwingerkönig Matthias Sempach an einem Sponsorenauftritt. Für ihn zahlt sich die Popularität aus.

Keystone

10 Prozent der Einnahmen aus dem Sponsoring müssen die Schwinger jährlich dem Eidgenössichen Verband abgeben. 2015 waren es 165 000 Franken. Oder 1,65 Millionen Franken Werbeeinnahmen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Mathias Sempach, der König von 2013, viel dazu beigetragen hat, verdient er keine Million. Mit Christian Stucki und Kilian Wenger sind zwei weitere Schwinger stark im Werbemarkt präsent. Hinzu kommen zahlreiche weitere Athleten, die fünfstellige Beträge erhalten dürften. Millionär in einem Jahr ist bisher noch keiner geworden.

Rolf Huser, der zusammen mit Jörg Aberhalden vor Jahren die Lockerung des Werbeverbots im Schwingsport erwirkt hat und heute Christian Stucki betreut, sagt: «Eine Million einzunehmen, ist utopisch. Millionär wird ein Schwinger auch 2016 nicht in einem Jahr. Vielleicht ist es über Jahre kumuliert möglich, wenn es ein Schwinger schafft, lange präsent zu bleiben.»

Die Nachfrage ist gross

Roger Fuchs, der Matthias Sempach betreut, will keine Zahlen nennen. Er sagt: «Das Schwingen ist nach dem Fussball im Sommer die meistbeachtete Sportart in der Schweiz.» Entsprechend hoch ist das Interesse von Sponsoren an Sportlern. Die Nachfrage ist bei Sempach höher als das Angebot. «Die Maximierung ist aber nicht unser Ziel, der Partner muss immer auch zu Matthias Sempach passen», sagt Fuchs.

Die Nachfrage ist also da. Doch nur drei bis vier Schwinger teilen sich den Grossteil der lukrativen Aufträge. Es ist ein Punkt, der für Kritik sorgt. Markus Birchmeier, Präsident des Aargauer Kantonalverbands, sagt: «Ich sehe die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft. Hier die Topschwinger, die durch Sponsoring ihr Arbeitspensum reduzieren können, und dort die Amateure, die solche Möglichkeiten nicht haben.» Und somit den Anschluss verlieren?

Fuchs versteht die Ängste, sagt aber: «Es gibt keine Sportart, in der alle Sieger sind. Bevor man ernten kann, muss man in aller erster Line verzichten. Das steht am Anfang. Verzichten, Prioritäten setzen, Trainingsfleiss – dann kann man vielleicht eines Tages profitieren.» Auch Sempach hat so angefangen. Hinzu komme, dass Schwinger wie Sempach, Wenger oder Stucki beste Botschafter für den Schwingsport sind. «Deren Medienpräsenz ist unbezahlbare Werbung für die Nachwuchsförderung und die Schwingfeste», ergänzt Fuchs.

Der Marketingprofi sieht noch einen weiteren Vorteil. «Die Anerkennung ist für jeden einzelnen Schwinger in der Gesellschaft enorm gestiegen. Dies hat zur Folge, dass jeder den Goodwill seitens lokaler und regionaler Gönner hat.» Das heisst, kann sich ein Geldgeber den Topstar nicht leisten, will aber trotzdem von der Popularität des Schwingens profitieren, setzt er auf einen Schwinger der zweiten Garde.

«Schwinger verkörpern Swissness»

Zurück zur Millionenfrage. Bisher sind seit der Lockerung des Werbeverbots die Werbevolumen jährlich gestiegen. Geht diese Entwicklung so weiter? Rolf Huser ist skeptisch. «Wir haben eine Popularität erreicht, die fast nicht mehr zu steigern ist. Ich denke nicht, dass sich der König von 2016 deutlich besser vermarkten lässt als der König von 2013.» Einen Rückgang erwartet er aber nicht. Roger Fuchs sagt: «Schwinger verkörpern Swissness. Sie sind fair, fleissig, bodenständig und erfolgreich. Man glaubt einem Schwinger.» Also die idealen Werbeträger für Schweizer Produkte.

Das haben in den vergangenen Jahren auch ausländische Grossverteiler erkannt und Schwinger für Kampagnen für Schweizer Produkte eingespannt. Jüngst konnte der erst 19-jährige Remo Käser eine solche Partnerschaft eingehen. Noch nicht König, sehen die Werber in ihm den künftigen Star.

Doch es gibt auch noch den anderen Weg. Der 18-jährige Sämi Giger, wie Käser eine grosse Hoffnung für die Zukunft, will keine Sponsoren. Er sagte der «NZZ am Sonntag»: «Ich bin nicht so der Typ, der sich vermarktet.»

Rolf Huser sagt: «Schwinger sind heute begehrte Werbeträger, begehrte Leute, um an Anlässen aufzutreten. Sie müssen aber noch Zeit haben für das Schwingen, das Trainieren und die Familie.» Hier hilft der Werbeprofi.