Alex Chatelain, der Sportchef von Meister SC Bern, beklagte sich unlängst, dass das beim SCB ausgebildete Megatalent Nico Hischier (17) im Sommer den Wechsel nach Nordamerika bevorzugte. Weil er sich dort eine bessere und somit seiner Entwicklung eher förderliche Rolle bei einem Juniorenteam erhoffte. Der Walliser, dem Weltklasse-Potenzial attestiert wird, verabschiedete sich folglich aus Bern in die kanadische Juniorenliga zu Halifax. Man kann Hischier verstehen. Wer sich als einheimischer Center in der Schweiz entwickeln will, der hat es in der Regel schwer.

Extrembeispiel EVZ

Ein Blick auf die Kaderlisten der NLA-Teams zeigt, dass die Mittelstürmerposition – vor allem bei den Spitzenteams – sehr oft durch ausländisches Personal besetzt ist. Von den Top-6-Teams der aktuellen NLA-Tabelle stützen sich deren vier auf zwei Center-Söldner ab, lediglich Lausanne nur auf einen.

Das extremste Beispiel ist der EV Zug, welcher mit Jarkko Immonen, Josh Holden und Dave McIntyre gleich drei ausländische Mittelstürmer beschäftigt – und auch permanent in diesen Rollen einsetzt. Von den total 48 Center-Slots wurden im ersten Drittel des aktuellen NLA-Qualifikationspensums annähernd die Hälfte durch Ausländer besetzt – und damit auch fast durchgehend die Positionen der beiden offensiv ausgerichteten Sturmlinien, die auch im Powerplay zum Einsatz kommen. Für die Schweizer Center bleiben in der Regel nur eher defensivere Rollen mit reduzierter Verantwortung und noch weniger Eiszeit übrig.

Auch deshalb sind offensive Center mit Schweizer Pass mittlerweile ein selten gewordenes Gut – und entsprechend begehrt. Gaetan Haas (Biel) und Luca Cunti (ZSC Lions), deren Verträge Ende Saison auslaufen, wird auf dem Transfermarkt von den Spitzenklubs der rote Teppich ausgerollt. Allen voran Nationaltrainer Patrick Fischer sucht händeringend nach diesen Schlüsselspielern, ohne die jede Mannschaft in arge Probleme gerät.

Ein guter Center besitzt sowohl in der Offensive wie in der Defensive herausragende Qualitäten. Ist generell ein Leadertyp. An der letzten Weltmeisterschaft musste Fischer nach der verletzungsbedingten Absage von Kevin Romy arg improvisieren. Der Genfer ist – neben dem aus dem Nationalteam zurückgetretenen Martin Plüss – der letzte Vertreter in der NLA, der diesbezüglich höheren Ansprüchen gerecht wird, aber auch schon 31 Jahre alt.

Wenn die Mittelachse schwächelt

Das Problem von Fischer ist: Es gibt in der NLA zwar durchaus Schweizer Mittelstürmer mit offensivem Potenzial, aber man kann sie an einer Hand abzählen. Sie verfügen kaum über internationale Erfahrung und sind auch physisch noch nicht in der Lage, sich auf höchstem Level durchzusetzen.

An der WM in Moskau musste der Nationaltrainer notgedrungen Andres Ambühl, der in Davos fast ausschliesslich am Flügel spielt, in der Mitte einsetzen. Und Samuel Walser, der beim HCD in der Regel eher für defensive Belange zuständig ist, fand sich plötzlich im Powerplay wieder. Wenig erstaunlich deshalb, dass die Schweizer oft keinen guten Eindruck hinterliessen. Wenn die Mittelachse schwächelt, dann gerät gleich die ganze Mannschaft in Schieflage.

Doch was tun in diesen Zeiten der Center-Not? Versucht man, die Gründe für die aktuelle Dürre zu eruieren, dann hilft ein Blick in die Nachwuchsarbeit. Edgar Salis, der Sportchef der ZSC Lions, spart dabei nicht mit Selbstkritik – und das ist bemerkenswert. Schliesslich gilt die Nachwuchsabteilung der Zürcher als vorbildlich. Keine Organisation bildet mehr Spieler aus. Die Lions alimentieren mittlerweile die ganze Nationalliga mit ihren Eigengewächsen. Und doch sieht Salis einen grossen Mangel: «Wir produzieren gut ausgebildete, disziplinierte Maschinen. Aber wir bringen keine Spieler mit Leaderqualitäten heraus», so seine Erkenntnis.

Ein spannender Ansatz, den er folgendermassen erklärt: «Wir haben schlicht zu viele gute Spieler in den Nachwuchsteams. Alle wollen zu uns kommen, weil der Ausbildungslevel top ist. Aber so muss kaum mehr ein Spieler wirklich Verantwortung übernehmen. Alle wissen, dass notfalls ein anderer in die Bresche springt, wenn es mal nicht läuft. Und dass das dann immer noch für den Sieg reicht.»

Problem Nachwuchs-Akademien

Der Bündner in Zürcher Diensten sieht deshalb den Trend in Richtung Schaffung von top organisierten Nachwuchs-Akademien mit einer gewissen Skepsis. In kleineren Klubs «auf dem Land» würden die Leaderqualitäten viel mehr gefördert: «Spieler wie Martin Plüss, Reto von Arx, Sandy Jeannin oder auch ein Verteidiger wie Mathias Seger wussten, dass ihre Mannschaften verlieren, wenn sie ihre Leistung nicht in jedem Spiel bringen. Das schult den Charakter. Und man lernt, Verantwortung zu übernehmen.»

Mittlerweile haben viele Kinder in ihrem durch und durch strukturierten Alltag keine Zeit mehr, einfach zu «chnebeln». Nichts fördere Übersicht, Kreativität und Spielintelligenz – alles Attribute eines guten (Offensiv-)Centers – mehr, als «zwischen vielen anderen Spielern auf der offenen Eisbahn mit Stock und Scheibe herumzukurven», gibt Salis zu bedenken.

Markus Graf, der Nachwuchsverantwortliche des Schweizerischen Eishockeyverbands, sieht ein weiteres Problemfeld: Der Trend, dass schon auf unteren Juniorenstufen zu früh auf Resultate geschaut wird, raube den Trainern und somit letztlich auch den Kindern allzu schnell den Mut zum Risiko. Eine Rolle spielt dabei auch der Druck, der von der Tribüne kommt: von den Eltern.

Edgar Salis nennt sie «den besten Freund und gleichzeitig grössten Feind der Kinder». Freund, weil sie für ihr Kind viel Zeit und Geld aufwenden, um ihm dessen Eishockey-Traum zu verwirklichen. «Feind, weil sie oft mit Notizblock und Stoppuhr auf der Tribüne sitzen und die Eiszeit ihrer Kinder messen – um nachher bei Bedarf beim Trainer zu reklamieren», umschreibt es der Lions-Sportchef.

Mehr Technik, weniger Taktik

Ein Umstand, der die Entwicklung der Junioren – gerade der Center – bisweilen hemmt: «Dabei wäre es wichtig, dass man sie mit offeneren Spielformen an diese Rollen heranführt. Der Fokus sollte gerade bei den Jüngsten viel mehr auf die Bereiche Technik und Spielwitz gelegt werden», erklärt Markus Graf.

Das passt zur Aussage des letztjährigen ZSC-Stars und Nummer-1-Draftpick der Toronto Maple Leafs, Auston Matthews. Der hatte Salis erzählt, dass bei ihm bis ins Alter von 14 Jahren ausschliesslich der Umgang mit Stock und Scheibe geschult wurde. Erst dann kam Taktiktraining dazu. Matthews, der im Oktober blendend in seine NHL-Karriere gestartet ist, durchlief das Ausbildungsprogramm des US-Verbands, welches weltweit als vorbildlich und federführend gilt.

Ex-ZSC-Spieler Auston Matthews sorgt in der NHL für Furore.

Ex-ZSC-Spieler Auston Matthews sorgt in der NHL für Furore.

Das Problem mit dem fehlenden Mut zum Risiko und der ausgeprägten Verwalter-Mentalität zieht sich in der Schweiz bis in die NLA durch. Selbst wenn ein Junior als Center ausgebildet wurde, dann ist die Chance gross, dass er in der obersten Spielklasse zunächst auf den Flügel ausweichen muss, wo er das kleinere Sicherheitsrisiko darstellt.

So erging es – welch Ironie der Geschichte – übrigens auch Patrick Fischer. Als der amtierende Schweizer Nationaltrainer 1993 in die erste Mannschaft des EV Zug kam, da wurde er erst einmal auf dem Flügel parkiert. Der Schweizer NHLTalentspäher Thomas Roost versteht deshalb den Entscheid von Nico Hischier, auf den er grosse Stücke hält, seine Karriere in Nordamerika voranzutreiben.

Berns Trainer Kari Jalonen eile nicht gerade der Ruf voraus, ein grosser Talentförderer zu sein. «Auch Nico wäre früher oder später auf dem Flügel gelandet», ist Roost überzeugt. Wenn die Resultate in diesem harten und schnelllebigen Business über Sein oder Nichtsein entscheiden, dann will sich eben kein Trainer mehr die Finger verbrennen mit riskanten Manövern.

Del Curto: «Mentalitätsproblem»

Einer, der dieses Risiko regelmässig in seiner Trainerlaufbahn eingegangen ist und junge Spieler immer wieder ins Center-Fegefeuer geworfen hat, ist Arno del Curto. Der HCD-Trainer hat sich seine Finger dabei nur selten verbrannt. Im Gegenteil: Mit Reto von Arx und Sandro Rizzi züchtete er zwei der besten Mittelstürmer des Landes heran und gewann mit den beiden sechs bzw. fünf Meistertitel. Rizzi und von Arx wurden zu tragenden Säulen des Davoser Meistergebildes.

Arno del Curto brachte schon grosse Spieler raus.

Arno del Curto brachte schon grosse Spieler raus.

Doch inzwischen muss auch Del Curto kämpfen. Er ortet Probleme im Bereich der Mentalität: «Uns geht es zu gut. Die Spieler lassen sich nichts mehr sagen, sind schnell beleidigt, wenn man sie mal zurechtweist.» Der HCD-Trainer sagt, dass er eine Lösung des Problems im Kopf habe, macht daraus aber ein Geheimnis: «Sie ist viel zu komplex, als dass ich sie im kleinen Rahmen erklären kann.»