Als Belinda Bencic ihren ersten Matchball gegen Vorjahresfinalistin Venus Williams (37, WTA 5) zum 6:3, 7:5 verwertet hatte, schlug sie ungläubig die Hände über dem Kopf zusammen, drehte sich um und blickte zu ihrer Box.

Noch im September, als sie nach ihrer Operation am Handgelenk auf die Tour zurückgekehrt und in der Weltrangliste weit abgerutscht war, hätte sie nicht daran geglaubt, dass sie in Melbourne überhaupt im Hauptfeld stehen würde. Nun zählt sie bei den Australian Open plötzlich zum erweiterten Favoritenkreis, auch wenn die 20-Jährige das selber nie so sagen würde.

«Es ist ein Tennismatch. Wenn ich verloren hätte, wäre ich nach Hause gegangen und es wäre auch schön gewesen», sagte Belinda Bencic voller Demut, die sie die letzten Monate gelehrt hatte. Seit Sommer 2015 hatte ihr das linke Handgelenk Probleme bereitet. Die konservative Behandlung brachte nicht die gewünschte Linderung.

«Ich bin gereift – als Spielerin, aber noch viel mehr als Mensch.»

Belinda Bencic:

«Ich bin gereift – als Spielerin, aber noch viel mehr als Mensch.» 

Sie geriet in eine Negativspirale, verlor immer mehr Spiele, dann das Vertrauen in sich und zuletzt auch in den Körper. Ausbrechen aus dem Teufelskreis konnte sie erst, als sie sich im letzten Frühling einer Operation unterzog. Fünf Monate musste sie pausieren, rutschte in der Weltrangliste bis auf den 318. Platz ab.

Als sie im Herbst zurückgekehrt sei, habe sich alles fremd angefühlt. Doch abseits des Rampenlichts entdeckte sie die Freude am Spiel und am Wettkampf völlig neu. Mit drei Turniersiegen auf tieferer Stufe und nun 29 Siegen aus den letzten 33 Spielen gelang ihr eine Rückkehr, die sie selber nicht für möglich gehalten hatte.

«Heute geniesse und schätze ich es mehr. Ich bin einfach nur glücklich, auf dem Platz zu stehen. Ich bin gereift – als Spielerin, aber noch viel mehr als Mensch. Ich lebe mehr im Moment.» Gleichwohl hat sie das Kunststück geschafft, einen Teil jener Unbekümmertheit zu bewahren, der sie einst in die Weltspitze geführt hat.

Ihre Auszeit hat Bencic klug genutzt, um ihr Umfeld erstmals überhaupt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Von Vater Ivan und Trainerin Melanie Molitor hat sie sich gelöst. Sie wirkt geläutert und gibt zu, viele Fehler gemacht und daraus gelernt zu haben, zu viele Turniere bestritten zu haben.

Seit Sommer wird sie vom erfahrenen walisischen Trainer Iain Hughes betreut. Er sagt: «Belinda ist eine harte Arbeiterin. Es ist schwierig, sie vom Platz zu holen.» Neben Hughes weilt nur noch Bencics slowakischer Sparringpartner Martin Blasko in Melbourne. Dafür sassen Roger Federers Eltern Robert und Lynette gestern in ihrer Box.

Erinnerungen an die Premiere

Sie wurden Zeuge davon, wie eine gereifte Bencic im fünften Duell mit der 37-jährigen, 7-fachen Grand-Slam-Siegerin erstmals als Siegerin vom Platz ging. Schauplatz war die Rod Laver Arena, eine der grössten Tennisbühnen der Welt. Es war ein weiterer Anlass, das Rad der Zeit für einen Moment zurückzudrehen.

Bis zum 16. Oktober 2012. Damals gab Belinda Bencic 15-jährig im luxemburgischen 300-Seelen-Dorf Kockelscheuer ihr Profi-Debüt. Die Halle schmuddelig, das Licht schummrig. Kein Glitzer, kein Glamour. Gegnerin: Venus Williams. «Ich erinnere mich noch gut daran, wie nervös ich war», sagt Bencic.

Damals habe sie gewusst, dass sie keine Chance habe. «Ich war eingeschüchtert, hatte viel zu grossen Respekt», sagt Bencic. Diesmal ist es ganz anders. Diesmal begegnet sie Williams mehr als nur auf Augenhöhe. Nach Coco Vandeweghe ist Williams die zweite Top-Ten-Spielerin, die Bencic in diesem Jahr bezwingt.

Auch sie hat registriert, dass sich das Frauen-Tennis derzeit in einer fundamentalen Umwälzung befindet. Sie sagt: «Man hat ja gesehen, wie Jelena Ostapenko 2017 fast aus dem Nichts einen Grand-Slam-Titel gewann. Da denkt man schon, dass man das auch schaffen könnte.»

Nach dem Erfolg gegen Williams verdrängt sie aber diese Gedanken. Nur ihre nächste Gegnerin zähle, die Thailänderin Luksika Khumkum (24, WTA 124). Zu präsent sind die Erinnerungen an die Zeit in der Negativspirale.

Im März wird Belinda Bencic 21 Jahre alt. Sie sagt, heute kümmere sie nicht mehr, was andere von ihr erwarten. Gegen Williams hat sie einen Vorgeschmack darauf erhalten, wie weit sie das tragen kann. Denn wer mit sich selbst gut klarkommt, der balanciert auch entspannter auf dem Hochseil des Lebens.