EM-Qualifikation
Wie weit reicht der Spielraum der Schweizer Nati?

Das EM-Ziel ist für das Schweizer Nationalteam in unmittelbare Nähe gerückt. Zwei Spieltage vor Schluss zweifelt niemand mehr an der direkten Qualifikation. Nicht restlos geklärt ist indes nach wie vor der Hubraum der Equipe.

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Die Spiele gegen San Marino und Estland werden für die Schweizer Nationalmannschaft wegweisend. Sie kann aus eigener Kraft den Sack zumachen und sich für die EM 2016 in Frankreich qualifizieren.

Die Spiele gegen San Marino und Estland werden für die Schweizer Nationalmannschaft wegweisend. Sie kann aus eigener Kraft den Sack zumachen und sich für die EM 2016 in Frankreich qualifizieren.

Keystone

Die Ausgangslage ist vorwiegend spekulationsfrei: Erfüllen die Schweizer ihre Pflichtaufgabe gegen San Marino, die in gesamthaft 120 EM- und WM-Ausscheidungsspielen sieglose Nummer 196 des Fifa-Rankings, und büsst Slowenien im Heimspiel gegen Litauen Punkte ein, ist ihnen die vierte EM-Teilnahme auch in der Theorie nicht mehr zu nehmen. Enden beide Partien mit einem Heimsieg, reicht den Schweizern am Montag zum Abschluss ein Remis bei jeder Konstellation.

Auf dem Papier sind die SFV-Perspektiven nahezu ungetrübt. Nach drei WM-Vorstössen innerhalb von acht Jahren zeichnet sich ein nächstes prickelndes Rendez-vous auf einer der wichtigsten Fussball-Bühnen an. Ein Scheitern der Mission «France 2016» ist trotz einer inzwischen unüblich umfassenden Liste von verletzten Stammspielern und selbst angesichts der suboptimalen Klubsituation einiger Protagonisten kaum mehr vorstellbar.

Hohe Ansprüche

Den weitgehend unspektakulären Auftritt im Wembley (0:2) hat Vladimir Petkovic vor rund vier Wochen während seiner öffentlichen Aufarbeitung besser verkauft, als er sich für den neutralen Beobachter beim Blick auf das Terrain anfühlte. «Auf Augenhöhe», wie es der Nationalcoach formulierte, bewegten sich die Schweizer nicht, sie erspielten sich gegen den makellosen Leader kaum eine Torchance.

Stattdessen bekam die selbstbewusste Equipe nicht zum ersten Mal innerhalb der letzten zwölf Monate zu spüren, wie weit sie von der erweiterten internationalen Spitze entfernt ist, wenn die Schlüsselspieler ihr Potenzial nicht zu 100 Prozent ausschöpfen.

Gegen den Gruppenkopf resultierten in 180 Minuten weder erfolgreiche Abschlüsse noch Punkte, aber vier Gegentore. Keine überragende Bilanz für eine Auswahl, deren operative Leitung vorhat, in absehbarer Zeit auf Endrunden-Niveau für einen Coup zu sorgen. Das entsprechende Zitat des Nationalmannschafts-Delegierten Peter Stadelmann stammt aus dem September 2014: «Das Gefühl des Achtelfinals kennen wir mittlerweile, irgendwann wäre ein Viertelfinal fällig.»

Der Selektionär selber äusserte sich zu Beginn seiner Amtszeit im ähnlichen Stil: «Wir sind keine kleine Mannschaft mehr.» Auf PR-Floskeln pflegte der Tessiner zu verzichten. Die schon länger hohe Erwartungshaltung im Umfeld dämmte er so selbstredend nicht ein. Noch immer ist nicht restlos geklärt, wie viel substanzielle Marge Petkovics Equipe tatsächlich besitzt. Noch ist der Interpretationsspielraum aufgrund der uneinheitlichen Momentaufnahmen der Qualifikationsperiode beträchtlich.

Petkovic und die Siegermentalität

Um schöne Bonuspunkte gegen die Engländer, die verschiedene Experten nach der bescheidenen WM-Performance der «Three Lions» voreilig in unmittelbarer Reichweite der Schweizer wähnten, bemühten sich die SFV-Hoffnungsträger vergeblich. Im Pflichtteil hingegen missriet nur der Start in Maribor. Fünf souveräne bis hart erkämpfte Siege in Folge und 16:3 Treffer genügten zur sofortigen Kurskorrektur, bis das 0:2 auf der Insel den kräftigen Aufschwung wieder etwas relativierte.

Die «weniger brillanten Phasen» blendet Petkovic nicht aus: «Darüber kann man diskutieren.» Aber gegen polemische Ansätze, nicht alle würden die gleichen Interessen vertreten, wehrt er sich vehement: «Die Polemiken werden von Aussenstehenden konstruiert.» Er hält sich lieber an harte und weiche Faktoren: «Wir sind breiter besetzt, und die Ästhetik gefällt mir.»

Für den Taktgeber überwiegen die guten Momente. In heiklen Phasen seien sie bisher bereit gewesen. Er meint den späten Umschwung in Litauen und die mitreissende Last-Minute-Wende gegen die Slowenen (3:2-Sieg nach einem 0:2-Rückstand). Diese Eindrücke bleiben bei ihm haften. Vom Verhalten unter Druck leitet Petkovic ab, dass im Team eine «Siegermentalität» stecke.