Wobei, das mit der ersten WM stimmt nicht ganz. Vom «Jahrhundertspiel» könnte ich genauso erzählen, ich war ein Knirps von fünf Jahren, im Aztekenstadion rangen die Italiener in der Verlängerung des Halbfinals 1970 Deutschland nieder: Burgnich, Facchetti, Mazzola, Rivera, Boninsegna…

Noch kann ich die Namen der legendären Squadra nennen. Obgleich ich den Match nicht verfolgte, wir hatten noch keinen Fernseher. Und vier Jahre später noch immer keinen. Da planschte ich im Bassin und schloss aus dem Geschrei des Nachbarsbuben aufs Resultat.

Erst 1978 sah ich mein erstes Endspiel, Argentinien gegen Holland. Gut, «Sehen» ist übertrieben, auf dem flimmernden Schirm unseres Schwarz-Weiss-Geräts war das Geschehen in Buenos Aires kaum auszumachen.

Den Sieg der Azzurri an der WM 1982, den endlich sah ich in Farbe. Und danach nie wieder, wenngleich jede einzelne Szene heute im Web abrufbar wäre. Ich will sie nicht mehr sehen, Tardellis Torjubel kann in Wahrheit gar nicht so schön gewesen sein wie in meiner Erinnerung. Denn im Erzählen erst und wieder und wieder Erzählen werden die grossen Spiele ganz gross.

Wie oft habe ich den Kindern erzählt, dass Alain Sutter an der WM 1994 gegen Rumänien mit wallendem Haar und gebrochenem Zeh ein Tor erzielte? Wie die Young Boys im Halbfinal des Meistercups 1959 Stade Reims schlugen? Zwar war ich noch nicht auf der Welt, aber ich weiss es.

Es wurde mir erzählt von einem, der dabei gewesen war und im überfüllten Wankdorf vermutlich gar nichts mitbekommen hatte. Wir müssen aufpassen, in Zeiten von Youtube, dass uns das Erzählen nicht abhandenkommt. Vielleicht erzähle ich meinen Enkeln dereinst vom grandiosen Achtelfinal der Schweizer gegen Polen, anno 2016…

Den Rivera übrigens traf ich später wirklich. Ich ein junger Sportreporter, er Funktionär im Tross der Azzurri. Die hatten soeben gegen die Schweiz verloren, WM-Qualifikation, und ich fragte ihn, ob dies für sein Land «un’altra Corea» sei, eine Niederlage, so bitter wie diejenige gegen Nordkorea an der WM 1966, die er als Spieler erlitten hatte. Da verlor der grau melierte Signore im feinen Tuch kurz die Fassung: «Ma vaffanculo, testa di cazzo!», blaffte er mich an.

Was ich lieber nicht übersetze, es vertrüge sich schlecht mit dem Bild, das ich mir vom grossen Rivera gemacht hatte – dem Gianni Rivera, der am 17. Juni 1970 in der 111. Minute das entscheidende 4:3 erzielte, im «Jahrhundertspiel», an das ich mich so genau erinnere. Ohne es je gesehen zu haben.