Wie viele Liegestützen fehlen Karsten Warholm noch zum Weltrekord?

Norwegens Hürdenstar Karten Warholm stiehlt bei Weltklasse Zürich allen die Show – Mujinga Kambundji hält sich in der Weltspitze.

Rainer Sommerhalder, Simon Häring, Zürich
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Karsten Warholm sorgt in Zürich für den Glanzpunkt (Keystone/Jean-Christophe Bott).

Karsten Warholm sorgt in Zürich für den Glanzpunkt (Keystone/Jean-Christophe Bott).

Selbst für Weltklasse Zürich bedeutete dies Neuland. Erstmals fand das Finale der Diamond League zeitlich vor den grossen Meisterschaften statt. Zuerst Letzigrund, dann WM im Khalifa Stadium in Doha. Was aber bedeutete dies für das Leistungsvermögen der Leichtathletik-Stars? Das Fazit fällt durchzogen aus. Auf der Haben-Seite stehen vier Weltjahresbestleistungen. Neben Shaunae Miller-Uibo und Karsten Warholm verbesserten auch der kubanische Weitspringer Juan Miguel Echevarria mit tollen 8.65 m sowie die chinesische Kugelstösserin Lijiao Gong mit 20.31 m die bisherigen Bestmarken und positionierten sich als Favoriten für die Titelkämpfe. Andere Goldanwärter wollten sich einen Monat vor Beginn der WM entweder noch nicht in die Karten schauen lassen oder sie gingen in Erwartung des 50 000-Dollar-Checks für den Disziplinensieg in der Diamonds League nicht volles Risiko. Die Dichte der Leistungen in Zürich bleibt aber so oder so beeindruckend. Und die Schweizer? Sieben schafften es ins Zürcher Hauptprogramm. Wie zu erwarten standen sie mit Ausnahme von Mujinga Kambundji gegen die übermächtige Konkurrenz auf verlorenem Posten. Im Hürdenrennen enttäuschten Lea Sprunger und Kariem Hussein mit ihren Zeiten, über 1o0 m lief Alex Wilson nur hinterher. Mit Selina Büchel verpasste ein weiteres Aushängeschild von Swiss Athletics die WM-Limite über 800 m zum wiederholten Mal. Die Ostschweizerin durfte sich immerhin über die Saisonbestzeit von 2:01,32 freuen. Damit bleibt es auch nach Weltklasse Zürich bei 10 Schweizer WM-Fahrern.

Karsten Warholm läuft Europarekord (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Karsten Warholm läuft Europarekord (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Das Superduell hält, was es verspricht

Es war das Duell, auf das die ganze Leichtathletik-Welt seit zwei Jahren wartet. Der norwegische Weltmeister Karsten Warholm traf erstmals auf seinen Herausforderer Rai Benjamin. Beide trennten vor dem Rennen im Letzigrund nur vier Hundertstelsekunden. Auch nach Weltklasse Zürich bleiben der 23-jährige Norweger und der 22-jährige Amerikaner im Hinblick auf die WM in Tuchfühlung. Und auf welchem Niveau! Warholm lief mit 46,92 zum dritten Mal in diesem Jahr Europarekord und die zweitbeste Zeit in der Geschichte. Benjamin folgte mit sechs Hundertstel Rückstand. Dies unter den Augen des noch amtierenden Weltrekordhalters Kevin Young (46,78, Olympische Spiele 1992 in Atlanta) Es sei ein verrücktes Rennen gewesen, sagte Karsten Warholm, der erste norwegische Weltmeister in der Leichtathletik seit 30 Jahren. «Ich glaube, ich werde heute Nacht nicht schlafen können.» Und nachdem der andere norwegische Überflieger, der 19-jährige Mittelstreckenläufer Jakob Ingebritsen, nach seinem Rennen im Juli in Lausanne noch kurzerhand ein Intervalltraining absolvierte, stand ihm Warholm in Zürich in nichts nach und setzte vor der Haupttribüne zu einer Serie Liegestützen an. Die Wikinger haben eine spezielle Art, ihre Erfolge zu zelebrieren.

Rang 5 im Weltklasse-Feld für Mujinga Kambundji (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Rang 5 im Weltklasse-Feld für Mujinga Kambundji (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Kambundji empfiehlt sich für den WM-Final

In keiner anderen Disziplin tummelten sich so viele Champions wie im Sprintrennen der Frauen. Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Europameisterin und damit auch die Allerbesten dieses Jahres sorgten im Letzigrund für einen vorweggenommenen WM-Final. Doch eine Athletin überragte alle, nicht nur in Bezug auf ihre Körperlänge. Die 1,85 m grosse Shaunae Miller-Uibo von den Bahamas lief überlegen zum Sieg, in der besten je von ihr erzielten Zeit. Die 21,74 Sekunden bedeuten Weltjahresbestzeit und Landesrekord. Miller-Uibo lieferte dem Internationalen Olympischen Komitee damit noch mehr Argumente, wieso es den Zeitplan der Sommerspiele von Tokio 2020 anpassen und ihr damit einen Doppelstart über 200 m und 400 m ermöglichen sollte. Ebenfalls Argumente lieferte die Schweizer Meisterin Mujinga Kambundji – für einen Wetteinsatz auf ihre Teilnahme am WM-Final in fünf Wochen in Doha. Zwar kam die 27-Jährige fünf Tage nach ihrem Schweizer Rekord (22,26) nicht an die Zeit von Basel heran, aber in diesem Weltklassefeld strahlte Rang 5 umso mehr. «Es war ein sehr gutes Rennen. Heute war der Platz wichtiger als die Zeit, immerhin sind das meine Konkurrentinnen in Doha. Und es gelang mir, einige von ihnen zu schlagen.»

Ernüchterung bei Julien Wanders (Bild: Keystone/Walter Bieri).

Ernüchterung bei Julien Wanders (Bild: Keystone/Walter Bieri).

Wanders' enttäuschende Premiere bei der Dernière

Um 21.34 Uhr fiel er, der letzte Vorhang. Zum letzten Mal gab es im Letzigrund den Lauf über die zwölfeinhalb Bahnrunden. Die 5000 Meter sind eine der Disziplinen, die der Reform der Diamond League zum Opfer fallen. Für einen war die Dernière aber zugleich die Premiere: für den Genfer Ausnahmeläufer Julien Wanders. In dieser Saison stellte der 23-Jährige in acht Disziplinen neue Bestleistungen auf – über 5 km auf der Strasse lief er sogar einen Weltrekord. Bei den Weltmeisterschaften in Katar will Wanders über 5000 und 10 000 Meter brillieren. Zwar hat er seine persönliche Bestzeit über 5000 Meter im letzten Jahr um knapp elf Sekunden auf 13:13,84 Minuten gedrückt. Vom 25 Jahre alten Schweizer Rekord ist er aber noch weit entfernt. 1984 lief Markus Ryffel bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 13:07,54. Noch weiter ist Julien Wanders über 5000 Meter von der Weltspitze entfernt. Wie weit, wurde beim Meeting in Zürich augenscheinlich. Er belegte den 14. und letzten Rang. Den Sieg sicherte sich Joshua Cheptegei aus Uganda in 12:57,41 vor Hagos Gebrhiwet aus Äthiopien und Nicholas Kimeli aus Kenia. Fünf Athleten liefen eine Zeit unter 13 Minuten. Wanders brauchte bei seiner 5000-Meter-Premiere im Letzigrund 13:45,18.

Léa Sprunger überzeugt in einem Weltklasse-Feld (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Léa Sprunger überzeugt in einem Weltklasse-Feld (Bild: Freshfocus/Benjamin Soland).

Lea Sprunger: Falsches Bein, richtiger Weg

400 m Hürden Frauen In der Wagen-Parade zu Beginn des Hauptaktes, da überragte die 1,83 Meter grosse Lea Sprunger alle, winkte aus dem Dach des Fahrzeugs, das an dritter Position eine Bahnrunde zurücklegte. Weiter hinten landete sie im 400-Meter-Hürdenlauf – auf Rang 5. Dabei bog die Hallen-Europameisterin als Führende auf die Schlussgerade ein, geriet dann aber aus dem Rhythmus, weil sie mit dem Knie zwei Hürden touchiert hatte. «Deshalb musste ich mit dem falschen Bein über die letzte Hürde. Das ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Ich habe einen riesen Fehler gemacht und bin böse auf mich.» Mit einer Zeit von 55,14 Sekunden verpasste die 29-Jährige ihre bisherige Saisonbestleistung zwar nur um eine Tausendstelsekunde, von der eigenen Bestmarke (54,29) und dem Schweizer Rekord von Anita Protti (54,25) aus dem Jahr 1991 (!) ist sie indes noch weit entfernt. In anderen Sphären läuft Sydney Mclaughlin (USA), die in 52,85 Sekunden siegte, vor Landsfrau Shamier Little und Olympia-Siegerin Dalilah Muhammad, die vor einem Monat mit 52,20 Sekunden den 16 Jahre alten Weltrekord unterboten hatte. Für Sprunger ist nicht das der Massstab, das wusste sie schon davor. Auch darum sagte sie: «Für die WM bin ich guten Mutes.» Vielleicht klappt es ja dort mit dem Schweizer Rekord.