Roman Bürki wartet am Flughafen in Barcelona auf den Flug nach Düsseldorf. Die Schweizer Nati zerstreut sich an diesem Dienstagmorgen in alle Richtungen. Die Vereine und deren Trainer warten sehnsüchtig auf ihre Angestellten.

Granit Xhaka spielt am Samstag mit Arsenal gegen Swansea, Xherdan Shaqiri mit Stoke gegen Sunderland, Yann Sommer und Nico Elvedi mit Gladbach gegen den HSV und Bürki mit Dortmund schon am Freitag gegen die Hertha mit Valentin Stocker. Spätestens dann wird der 2:1-Sieg vom Montag in Andorra, der in der Nachspielzeit auf des Messers Schneide stand, schon ganz weit weg sein. Bürki sagt zum Freistoss der Andorraner, der den Schweizern in der 93. Minute das Blut in den Adern gefrieren liess: «Wäre der Ball noch einen Tick mehr abgefälscht worden, er wäre wohl zum 2:2 drin gewesen.»

Ist er aber nicht. Bürki hat die Kugel sicher gehalten, und so können sich die Schweizer nach drei Spieltagen in der WM-Qualifikation über einen resultatmässig perfekten Start in die Kampagne freuen. Drei Spiele, neun Punkte: Ein solches Zwischenergebnis hätten wohl die grössten Optimisten vor dem Auftakt nicht für möglich gehalten. Gewinnt die Schweiz am 13. November zu Hause gegen die Färöer Inseln, hat sie den besten Start an eine WM- oder EM-Ausscheidung in ihrer Geschichte hingelegt.

Der schmale Grat

Bürkis ehrliche Aussage sagt aber auch, wie unfassbar schmal im Fussball der Grat sein kann, ob die Spieler einer Mannschaft Helden oder Deppen sind. Wäre das Spiel in Andorra 2:2 ausgegangen, die Häme hätte sich aus vollen Kübeln über die Schweiz ergossen. Die stolzen Siege gegen Europameister Portugal und auswärts über den wieder erstarkten EM-Teilnehmer Ungarn wären nichts mehr wert gewesen. Vor allem aber hätte das positive Image, das sich die Nati seit dem Beginn der EM aufgebaut hat, aber noch immer nur ein zartes Pflänzchen ist, grossen Schaden genommen. Und der Trainer, zuletzt viel gelobt, wäre mit einem Mal wieder infrage gestellt worden. So schnell geht das im Fussball eben, ob man das gut findet oder nicht.

War man nach dem 3:2 in Budapest noch geneigt zu sagen: Jawohl, diese Schweiz hat in den letzten Monaten eine tolle Entwicklung genommen, jawohl, Vladimir Petkovic hat sie in einigen Bereichen auf ein höheres Niveau geführt, ist man sich nach dem erkrampften 2:1 in Andorra la Vella plötzlich nicht mehr so sicher, ob das alles so stimmt.

Wo genau steht diese Schweizer Auswahl im Herbst 2017? In der Tabelle der WM-Gruppe B auf Rang 1, daran zumindest ist nicht zu rütteln. Aber man muss schon auch sagen, dass ihr Auftritt am Montag ein kleiner Rückschlag gewesen ist. Doch Rückschläge gehören zu einer Entwicklung. Wenn die Mannschaft daraus lernt und die richtigen Schlüsse zieht, dann kann sie einen wertvollen Schritt in ihrem Reifeprozess machen. Wie lernfähig sie ist, werden die kommenden Partien gegen die Färöer Inseln, Lettland und noch einmal Andorra zeigen. Auch diese Aussenseiter werden ihr Heil mit Defensivfussball suchen.

Die Schweizer müssen nach Andorra kapiert haben, dass die straffe Organisation solch destruktiver Gegner nur mit schnellem Direktspiel aus den Angeln zu heben ist. Geduld zu haben ist manchmal gut und recht, doch Fussballzwerge müssen gehetzt werden, bis ihnen die Puste ausgeht und sich in ihrem Abwehrverbund Lücken auftun. Sich darauf zu verlassen, dass irgendwann mal ein ruhender Ball die Entscheidung bringt, wäre unklug. Was sich gegen Andorra auch gezeigt hat: Spieler wie Haris Seferovic und Breel Embolo brauchen Platz, um sich zu entfalten. Um sich auf engstem Raum durchzusetzen, fehlt ihnen die Filigrantechnik. Diese besitzt Shaqiri, doch gegen Andorra hat er sie zu oft versteckt.

Die Bestätigung muss folgen

Zwei Erkenntnisse aus den letzten drei Spielen geben Anlass, zuversichtlich zu sein. Die im EM-Achtelfinal gegen Polen vermisste Winnermentalität hat die Schweiz gegen Portugal und Ungarn offenbart. Natürlich muss sie erst noch bestätigen, dass dies keine mehr oder weniger zufälligen Ausreisser nach oben gewesen sind. Genauso verhält es sich mit der erstaunlichen Effizienz. Bei der EM noch das grosse Manko, so stimmen nun plötzlich Aufwand und Ertrag überein. Wetten, dass selbst Petkovic nicht genau erklären könnte, weshalb dem so ist?