Jenseits des Röstigrabens pulsiert, malerisch am Genfersee gelegen, die viertgrösste Stadt der Schweiz, die olympische Hauptstadt – Lausanne. In den Nullerjahren siechte der Sport hier vor sich hin. Der über 100-jährige Traditionsverein Lausanne-Sports wurde 2003 in den Konkurs geritten. Zwei Jahre später stieg mit dem Lausanne Hockey Club der letztverbliebene Stolz der Waadtländer Metropole in die NLB ab. Mit der «Athletissima» blieb der Stadt ein Leichtathletik-Wettbewerb mit internationaler Strahlkraft als Leuchtturm erhalten.

«Als olympische Hauptstadt haben wir den Sport in unserer DNA», sagt heute Oscar Tosato, Stadtrat und Vorsteher der Sportdirektion.

Ist es bloss die Floskel eines Politikers? «Wir leben in einer überaus dynamischen Stadt. Dadurch, dass es extrem viele internationale Sportföderationen gibt, arbeiten sehr viele Leute für den Sport», konkretisiert Jonathan Wawrinka, der Bruder des dreifachen Grand-Slam-Siegers Stan, den besonderen sportlichen Geist der Stadt.

Der Wandel nach dem sportlichen Tiefpunkt Lausannes fiel heftig aus: Sowohl die Hockeymannschaft wie auch der Fussballklub rappelten sich innert weniger Jahre auf und verblüffen in den laufenden Saisons beide mit kecken Resultaten in der obersten Spielklasse die Schweizer Sportwelt.

Der Lausanner Sportkosmos ist wieder im Lot, seit Dan Ratushny in der Malleyhalle mit offensivem Spektakel die Eishockey-Hierarchie aufmischt, Fabio Celestini in der Pontaise den Aufsteiger mit ebenso kühnem Fussball zu einem der momentan ersten Verfolger von Meister Basel antreibt und der grosse Stan Wawrinka in den USA seinen dritten Grand-Slam-Titel feiert. Auch im Volleyball gehört Lausanne schweizweit zu den absoluten Topmannschaften. Und im Basketball sind die Waadtländer soeben in die oberste Spielklasse aufgestiegen.

Der Prozess von Lausannes sportlicher Auferstehung ist nicht zu Ende. In infrastruktureller Hinsicht steht die unmittelbare Flucht nach vorne bevor. «Métamorphose» heisst das ambitiöse Modernisierungsprojekt. «Bis in der Schweiz einmal alle administrativen, demokratischen und wirtschaftlichen Prozesse durchlaufen sind, braucht es viel Zeit. Nun müssen wir bauen», blickt Stadtrat Tosato auf die anstehenden Etappen.

Bis 2020 – wenn in Lausanne die Olympischen Jugendspiele ausgetragen werden – soll in der Waadtländer Hauptstadt das brandneue Fussballstadion La Tuilière für rund 45 Millionen Euro entstehen. Und in Malley wird für ungefähr 230 Millionen Franken eine polysportive Sportstätte, bestehend aus einer von Grund auf sanierten Eisbahn, einem gedeckten Schwimmbad, einer Festanlage und einem Tischtenniszentrum errichtet werden. Schliesslich soll das Stadion Coubertin mit etwas mehr als 30 Millionen eine Auffrischung erfahren, um die Pontaise als Austragungsort der «Athletissima» abzulösen.

LS setzt auf Nachwuchs

«Man muss nicht glauben, das neue Stadion sei ein Zauberstab. Es ist vielmehr ein Werkzeug, das essenziell ist, damit ein Klub funktioniert», sagt Lausanne-Sport-Präsident Alain Joseph im charmanten Klubrestaurant neben der Pontaise.

Kein Prunk, sondern Bescheidenheit dominiert derzeit noch die Szenerie. Längst rostet das Eingangsportal mit den fünf Ringen und der Inschrift «Stade Olympique» vor sich hin. Massive Holztüren verschliessen den Zugang zu den Tribünen. Fabio Celestini unterhält sich vor den Katakomben mit zwei Klubverantwortlichen, derweil fünf Senioren im Restaurant jassen und dabei die Champions-League-Spiele des Vorabends aufarbeiten.

Coach Fabio Celestini gibt die Marschrichtung vor.

Coach Fabio Celestini gibt die Marschrichtung vor.

Präsident Joseph hat dem Fussballklub eine familiäre Struktur implementiert: «Wir müssen aus ökonomischer Sicht mit dem eigenen Nachwuchs arbeiten, aber vor allem wollen wir.» So erklärt der Querdenker die Tatsache, dass bei Lausanne-Sport vom 25 Mann starken Kader 11 Spieler im Verein ausgebildet wurden. In höchsten Tönen schwärmt Joseph über seinen Trainer Fabio Celestini, der Lausanne trotz mickrigem Budget von gut acht Millionen zu einer konkurrenzfähigen Super-League-Mannschaft geformt hat.

Die derzeitige Klassierung komme überraschend, sei aber auch dem Zufall zu verdanken relativiert der Präsident. «Was für uns viel weniger überraschend, aber umso erfreulicher ist, ist die Qualität dessen, was wir auf dem Platz produzieren», zeigt sich Joseph stolz auf das Projekt, das er seit zehn Jahren mitgeprägt hat. Seine Mission könne in zwei Stunden oder in fünf Jahren vorbei sein. «Wenn der perfekte Nachfolger bereitsteht, bin ich bereit zu verkaufen.»

Spektakel war auch in Malley gefragt. «Nach drei guten Saisons – Heinz Ehlers leistete sagenhafte Arbeit – brauchten wir einen Wechsel hinter der Bank», sagt LHC-Sportchef Jan Alston. Er begründet damit den Trainerwechsel zu Dan Ratushny, der offensiveres Eishockey ins Waadtland mitbrachte. Alston lernte seinen jetzigen Trainer vor vielen Jahren in Kanada kennen, bevor Ratushny in Olten seine bisher makellose Trainerkarriere lancierte. «Er bringt die perfekte Vision mit», schwärmt Alston.

Überall zieren die weiss-roten Löwen in Lausanne die Trolleybusse. Die Lettern «Letzte Saison in Malley» kündigen das zweijährige Provisorium an, das neben der sanierungsbedürftigen Eishalle zu stehen kommt, ehe 2019 die Malley in neuem Kleid bezugsbereit ist. Der Eishockeyklub ist in Lausanne omnipräsent und hat dem Fussballklub die Vorherrschaft abgelaufen, als dieser zugrunde ging. Zwischen vier und fünf Millionen dürfte das Budget des LHC jenes von Lausanne-Sport übersteigen.

Trotzdem wird auch in Malley (noch) nicht mit der grossen Kelle angerührt. Sportchef Jan Alston vertraute für die Zusammenstellung der aktuellen Mannschaft auf mehrere «ausrangierte» Spieler wie Yannick Herren oder auch Sven Ryser, scheint aber Charaktere mit dem für den LHC passenden Profil gefunden zu haben.

Auf Wawrinkas Spuren

Bis im vergangenen Jahr noch gehörte Stanislas Wawrinka dem Verwaltungsrat des LHC an. Und die Passion für den Eishockeysport sei noch immer gross, versichert sein Bruder Jonathan Wawrinka im idyllischen Tennis Club Stade-Lausanne, der unmittelbar am Genfersee liegt. Hier spielte Stan Wawrinka gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder 2001 erstmals eine Interklub-Saison. Hier bereitet sich die aktuelle Weltnummer drei ebenso wie Timea Bacsinszky auch heute noch auf die Sandplatz-Saison vor.

Beide Laufbahnen seien nicht Teil von spezifisch in Lausanne vorhandenen Strukturen, sagt Jonathan Wawrinka, der heute als unabhängiger Tennislehrer arbeitet. «Timea hatte ihren Vater, der sehr viel für sie gemacht hat. Wir hatten das Glück, Eltern zu haben, die sich trauten, uns die Möglichkeit zu geben, Tennis zu spielen», so Jonathan Wawrinka, der gerne eine Tennisschule mit professionellen Strukturen aufbauen würde, um junge Talente in ihre Karrieren zu begleiten, aber dafür bisher keine Unterstützung fand.

Bei Stan Wawrinka läufts gut momentan.

Bei Stan Wawrinka läufts gut momentan.

Da hilft es ihm auch nicht, dass er der Bruder des bekannten Stan ist. Generell sei es so, dass man Exploits eines Individuums in der Romandie nicht zu sehr möge, gibt Jonathan Wawrinka zu Bedenken. Tatsächlich ist auf der wunderschönen Anlage mit 19 Tennisplätzen weit und breit kein Bild des Tennis-Champions zu sehen.

Womöglich wird sich Lausanne in Zukunft noch etwas an ausserordentliche Leistungen gewöhnen müssen.