Erst war Leonardo Genoni der schwächste Mann der Schweizer Nationalmannschaft. Mit drei unglücklichen Aktionen war der Goalie von Meister SC Bern verantwortlich dafür, dass es nach 14 Spielminuten schon 0:3 stand. Am Ende des letzten Schweizer WM-Testspiels gegen Kanada musste man Genoni aber schon fast als besten Spieler seines Teams bezeichnen. Nur er war letztlich dafür verantwortlich, dass sich die Niederlage für die Schweizer mit 1:4 in einigermassen erträglichen Dimensionen bewegte.

Ohne Genonis Glanzparaden und der zunehmenden, kanadischen Nonchalance im Abschluss hätte es am Ende auch locker 1:10 stehen können. Selbst über so eine Klatsche hätte sich die Schweiz nicht beklagen dürfen. So gross war der Leistungsunterschied. Es wirkte bisweilen so, als ob sich da auf dem Eis der Genfer Les-Vernets-Halle Junioren mit Erwachsenen zu messen versuchen.

Ein brutaler Realitätscheck

Für die Schweizer Nationalmannschaft war der Vergleich mit dem amtierenden Weltmeister vier Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Aufsteiger Slowenien (Samstag, 12.15 Uhr) ein brutaler Realitätscheck. Die vielen positiven Resultate in der Vorbereitung hatten so etwas wie Aufbruchstimmung im Schweizer Lager geweckt. Der erste Vergleich mit einem wirklich ernstzunehmenden Gegner endete dann in jeder Beziehung ernüchternd.

Die Mannschaft von Nationaltrainer Patrick Fischer war – im übertragenen Sinn – zu Land, in der Luft und zu Wasser unterlegen. Die kanadische Auswahl, die gestern in Genf zum ersten Mal in dieser Formation antrat (die Schweizer bereiten sich seit über vier Wochen auf die WM vor), war schneller, kräftiger, spritziger und spielerisch haushoch überlegen. Da war nicht nur eine Klasse zwischen den beiden Teams, sondern mehrere. Oder wie es der Schweizer Stürmer Damien Brunner ausdrückte: «Das war gar nichts.»

Natürlich ist Kanada ein starker Gegner, gegen den man auch verlieren kann. Aber dieser Auftritt der Schweizer macht im Hinblick auf die WM in Paris doch eher Sorgen. Patrick Fischer hatte nach dem Spiel die anspruchsvolle Aufgabe, sein Kader um vier Mann zu verkleinern. Angesichts der Leistung, die er vorher gesehen hatte, hätte er locker drei Viertel der Mannschaft auswechseln können.

Es gab nur einzelne Akteure, die ansatzweise genügten – die beiden Nordamerika-Söldner Tanner Richard und Denis Malgin etwa. Ansonsten war die Überforderung greifbar. Es ist schwierig, einzelne Spieler aus dem versagenden Kollektiv hervorzuheben. Aber dass etwa der designierte Teamleader und Captain Raphael Diaz permanent überfordert war, ist kein gutes Zeichen.

Romy überraschend out

Von den Verteidigern erwischte es mit Dave Sutter (Biel, in Zukunft ZSC Lions) und Claude-Curdin Paschoud (Davos) zwei Neulinge. Im Sturm muss Chris Baltisberger (ZSC) nach Hause. Überraschend war die Entscheidung Fischers, in Paris auf die Dienste von Servette-Center Kevin Romy zu verzichten.

Der Mittelstürmer war neben dem Davoser Andres Ambühl (235) der einzige Schweizer Spieler mit einer dreistelligen Anzahl Länderspiele (151). Damit wird die Schweizer Mannschaft noch unerfahrener. Das Spiel gegen Kanada hat gezeigt, dass nicht unbedingt ein Vorteil ist.